#11 | Die fehlenden Symbole

Die Feinde der Demokratie sind clever. Sie sind skrupellos. Und sie haben Symbole.

Ausgabe #11 | 12. März 2020

Die fehlenden Symbole

Religionen haben sie, extreme politische Bewegungen nutzen sie, die Nazis inszenierten sie bis zur Perfektion: Symbole. Ob Che-Guevara-Portrait, Hakenkreuz, Halbmond oder Hammer und Sichel, Symbole schaffen Identifizierung, zeigen Zusammengehörigkeit, schließen die Reihen und fördern Emotionen.

Das Präsentieren von Symbolen kann lange Argumentationen ersetzen. Zumindest bei denen, die sich damit solidarisieren. Die gesellschaftliche Wirkungsmacht ist enorm. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Verwendung von Nazi-Symbolik wie Hakenkreuz und Hitlergruß heute in Deutschland unter Strafe gestellt ist.

Natürlich finden Rechtsextreme dafür Ersatz. Das Tragen einschlägiger Modemarken, die Verwendung von Flaggen der Kaiserzeit, der Nummer 18 (Für die beiden Buchstaben AH = Adolf Hitler) und diverse ähnliche Konstrukte sind weniger plakativ, haben aber im Kern dieselbe Funktion: Einheit durch Abgrenzung.

Symbole sind also gefährlich. Aber wie gefährlich ist die Abwesenheit von Symbolen? Denn tatsächlich scheinen so ziemlich alle demokratiefeindlichen Bewegungen über eine ausgefeilte Symbolik zu verfügen, nur die Demokratie selbst nicht.

Woran liegt das?

Die Wurzeln unserer modernen Demokratie liegen in der Philosophie der Aufklärung. Diese geht vom erziehbaren, aufklärbaren Menschenbild aus, von der Kraft der Überzeugung, der Ethik, des Wissens. Alles Dinge, die in vormodernen Gesellschaften verpönt waren. Und die genau deshalb starke Symbole nutzten, um emotionale Gemeinsamkeit zu schaffen.

Römische Kaiser, französische Absolutisten, das britische Empire, chinesische Dynastien, ägyptische Pharaonen schufen reiche Symbolwelten, längst nicht nur in Bildern und Fahnen, oft auch in Bauwerken, Ritualen, Kleiderordnungen und dem, was wir heute „Events“ nennen würden.

Das Zeitalter dieser großen Symbole verlor mit dem Aufstieg der Aufklärung an Bedeutung, wenn auch nicht plötzlich oder linear. Das 20. Jahrhundert erlebte zunächst ein kurzes Aufflackern der Demokratie, bis diese zwischen Hakenkreuz und rotem Stern beinahe zermalmt wurde.

Mit dem Siegeszug der Demokratie nach dem zweiten Weltkrieg und der Erosion des Realsozialismus, der zunehmenden Internationalisierung und Globalisierung verschwanden dann auch – im besten aufklärerischen Sinn – die Symbole aus dem öffentlichen Leben.

Doch genau da liegt auch eine Gefahr. Denn moderne, rationale Gesellschaftskonstrukte sind mindestens so komplex und weit unemotionaler als einfache Weltmodelle. Die Menschen aber sind die Gleichen. Sie suchen nach Identität in einer immer komplexeren Welt.

Das macht es Demokratieverächtern leicht, erst recht, wenn sie die Klaviatur der Symbolik beherrschen. Manche von ihnen sind so gut, dass sie auch der freien Gesellschaft ungefragt Symbole verpassen, die sich dann um so leichter als Feindbilder konstruieren lassen.

Der Euro ist ein solches Symbol, wichtig für den Gründungsmythos der AfD, die ja ursprünglich als „Anti-Euro-Partei“ gestartet war. Heute sind die Rechtsextremen längst weiter, kurz davor ein zentrales Symbol unserer Nation zu okkupieren: Die schwarz-rot-goldene Fahne.

Wer ein Meer von Deutschlandfahnen in der Tagesschau sieht, weiß aktuell sofort: Da demonstriert Pegida.

Spätestens an diesem Punkt sollten wir uns fragen: Sind wir gut beraten, die Kunst der Symbolik den Feinden der Demokratie zu überlassen?

Allein auf die Überzeugungskraft von EU-Richtlinien, Freihandelsverträgen, Leitzinspolitik, Planfeststellungsverfahren, parlamentarischen Debatten oder komplexen Beteiligungsverfahren zu setzen? Ist Demokratie nur Regelsetzung und Technikmanagement? Oder doch auch etwas Emotionales? Aber welche Symbole hat diese, frei nach Churchill „Beste aller schlechten Gesellschaftsformen“?

Ich gestehe, mir fallen da nicht viele ein.

Als wir in der Allianz Vielfältige Demokratie den neuen Medienpreis für Demokratieberichterstattung auslobten, suchten wir ein Logo, ein starkes, typisches Symbol für Demokratie. Am Ende blieb der Preis logofrei, denn wir fanden schlicht kein überzeugendes Symbol.

Doch wir haben noch eine Chance: Im kommenden Juni wird dieser Preis erstmals vergeben, vielleicht finden wir bis dahin eine inspirierende Idee. Die Filmbranche hat mit den Oscars ein identitätsstiftendes, begehrtes, starkes Symbol geschaffen. Was schaffen wir für die Demokratie?

Mein Vorschlag: Machen wir daraus doch einfach einen Wettbewerb. Senden Sie mir Ihre Idee für ein starkes Demokratie-Symbol bis Ende März an joerg.sommer@demokratie.plus.

Ich verspreche: Alle Einsendungen werde ich auf demokratie.plus vorstellen, und wenn am Ende aus einer davon etwas Handfestes für den Medienpreis Vielfältige Demokratie entsteht, lade ich die Ideengeberin/den Ideengeber persönlich zur Preisverleihung in die Mainzer Staatskanzlei ein, inklusive Reise- und Übernachtungskosten – und einem gemeinsamen Glas Pfälzer Wein. Oder zwei. Oder mehr.

Herzlichst, Ihr Jörg Sommer

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