#13 | Unbequeme Bücher

Bücher müssen unbequem sein. Nur so regen sie unser Denken an. Diese drei Bücher können das besonders gut …

Ausgabe #13 | 16. März 2020

Unbequeme Bücher

Häusliche Quarantäne wegen Corona? Das trifft zur Zeit viele Menschen. Die einen müssen aufgrund einer Diagnose zu Hause bleiben, andere wegen Erkrankungen in der Familie, viele wurden ins Home Office verbannt.

Uns allen fehlen soziale Kontakte und die üblichen Möglichkeiten, unsere Lebenszeit in Sitzungen, Zügen oder auf der Straße zu verschwenden. Manche von uns, nicht nur Eltern, haben dennoch mehr Stress als zuvor. Oft bleibt jetzt aber auch etwas mehr Zeit, zum Beispiel zum Lesen.

Deshalb stelle ich Ihnen heute drei ganz unterschiedliche Bücher vor, die jedoch alle eine Gemeinsamkeit haben: Sie regen uns mit einer unkonventionellen Sicht auf die Gesellschaft an und hinterfragen Grundannahmen, auf denen auch zahlreiche Institutionen und Prozesse unserer Demokratie aufbauen.

Man muss den Autoren nicht in allen Punkten zustimmen, nicht einmal in den wesentlichen. Dennoch lohnt sich die Lektüre für jeden, der an der Gestaltung unserer Demokratischen Prozesse aktiv beteiligt ist.

Die Auseinandersetzung mit den drei Autoren schärft den Blick auf politische Partizipation, bietet neue Blickwinkel und auch die ein oder andere Bestätigung. Mir selbst ist es zumindest so ergangen, deshalb empfehle ich alle drei Titel aus vollem Herzen:

Im Grunde gut

„Im Grunde gut“ seien die Menschen, wenn man dem jungen niederländischen Historiker Rutger Bregman glauben darf. Im gleichnamigen Buch setzt er sich mit dem Wesen des Menschen auseinander. Seine These: Anders als in der westlichen Denktradition angenommen, sei der Mensch seinen Thesen nach nicht böse, sondern im Gegenteil: von Grund auf gut.

Geht man von dieser Prämisse aus, ist es möglich, die Welt und den Menschen in ihr komplett neu und grundoptimistisch zu denken. Das Buch selbst verblüfft durch eine teils detaillierte Abrechnung mit Psychologen, Philosophen und Politikern, die die These des gesellschaftlich zu „zähmenden“ Menschen vertreten.

Man beginnt die Lektüre naturgemäß mit großer Skepsis, denn das was momentan gerade in unseren Demokratien geschieht, scheint seiner Grundannahme fundamental zu widersprechen. Schritt für Schritt demontiert der Autor dann allerdings diese Einstellung und präsentiert schließlich in seinem mitreißend geschriebenen Buch Ideen für die Verbesserung der Welt. Diese sind innovativ und mutig. Aber sind sie auch realistisch? Darüber bilden Sie sich am besten selbst ein Urteil.

Rutger Bregmann
Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit
Rowohlt, 2020, 480 Seiten
ISBN: 978-3498002008, 24,- EUR

Das Ende der Geschichte

Francis Fukuyama ist Professor für Politikwissenschaft an der Stanford-Universität und seit seinem Beststeller „Das Ende der Geschichte“ einem internationalen Publikum bekannt. Sein neues Buch „Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“ ist bislang weniger erfolgreich, aber mindestens so lesenswert.

Fukuyama sucht in seinem Buch nach den Gründen, warum sich immer mehr Menschen antidemokratischen Strömungen zuwenden. Er zeigt, warum die Politik der Stunde geprägt ist von Nationalismus und Wut, welche Rolle linke und rechte Parteien bei dieser Entwicklung spielen, und was wir tun können, um unsere gesellschaftliche Identität und damit die liberale Demokratie wieder zu beleben.

Dabei bleibt er erfrischend unpolemisch, manchmal jedoch auch entsprechend haltungslos. Das führt in der Rezeption zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen. So wird das Buch von deutschen Rezensenten gerne als „Erklärbuch zum Aufstieg der AfD“ gelesen.

Gleichzeitig dient es in rechtspopulistischen Kreisen als Argumentationsbaustein für eine dringend nötige „Rückkehr zur Politik der nationalen Identität.“

Man kann dies als Schwäche des vorliegenden Werkes sehen, man kann daraus aber auch ableiten, dass dies ein Buch ist, bei dem es nicht darauf ankommt, dem Autoren blind zu folgen, sondern seine Analysen als Impulse für die eigene Reflektion zu sehen. Es ist ohne Zweifel ein inspirierendes Buch für Menschen mit Haltung. Es ist kein missionarisches Werk, eher ein anregendes. Und darin ist es stark.

Francis Fukuyama
Identität: Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet
Atlantik, 2020, 240 Seiten
ISBN: 978-3455008760, 14,- EUR

Alles unter dem Himmel: Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung

Richtig, richtig schwere Kost ist das dritte von mir empfohlene Buch. Sein Autor Zhao Tingyang ist einer der einflussreichsten zeitgenössischen Philosophen Chinas. Er genießt in China hohes Ansehen, auch bei der politischen Führung. Ihn jedoch als „Staatsphilosophen“ und theoretischen Claqueur der Kommunistischen Partei anzusehen, griffe zu kurz.

Es ist eher umgekehrt: Der Professor für Philosophie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking ist so außergewöhnlich klug, zu belesen und kritisch, dass er wichtige Impulse bis in die Eliten hinein setzt. Weitgehend unerachtet in den westlichen Demokratien wirkt hier ein Philosoph von Kantschem Format. Und das vorliegende Buch ist „nichts weniger als eine chinesische Antwort auf Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden …“, so schreibt es Gregor Dotzauer im Tagesspiegel.

Das jetzt auf deutsch erhältliche Buch „Alles unter dem Himmel: Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ ist quasi sein philosophisches Hauptwerk. Er stellt darin seine Überlegungen zu einer neuen politischen Weltordnung vor. Sie basieren auf dem alten chinesischen Prinzip des tianxia – der Inklusion aller unter einem Himmel. In Auseinandersetzung mit okzidentalen Theorien des Staates und des Friedens von Hobbes über Kant bis Habermas sowie unter Rückgriff auf die Geschichtswissenschaft, die Ökonomie und die Spieltheorie eröffnet uns Zhao einen höchst originellen Blick auf die Konzeption der Universalität.

Auch dieses Buch verleitet ähnlich wie „Das Ende der Geschichte“ zu einem rezeptionellen Kurzschluss. Es wird vom Verlag angepriesen, als „wegweisendes Buch, auch um Chinas aktuelles weltpolitisches Denken zu verstehen.“ Dabei kann es in der Tat hilfreich sein.

Es leistet aber mehr, denn es diskutiert ein Verständnis der „Vernunft“, das uns in den von der Philosophie der Aufklärung geprägten liberalen Demokratien bislang weitgehend fremd ist – und das auch weite Teile unserer politischen Landschaft sowie unserer Beteiligungskultur prägt:

Unsere Systeme, Prozesse und Akteure gehen zumeist davon aus, es gäbe für alle gesellschaftlichen Fragen, die eine „richtige“ oder zumindest „optimale“ Antwort, die man lediglich erkennen und entweder bürokratisch verordnen oder demokratisch zu Mehrheiten verhelfen müsse. Auf Basis des tianxia ist die Grundannahme jedoch eine völlig andere. (Sehr) vereinfacht ist die Hypothese, dass grundsätzlich alle unterschiedlichen Positionen „richtig“ sind und es ergo also nicht darum gehen kann, den anderen ihre „Fehler“ zu beweisen, sondern nach Lösungen zu suchen, die alle Sichtweisen rezeptionieren.

Das ist etwas anderes als das Konsensprinzip, aber es ist eine interessante Sichtweise, gerade auch auf Beteiligungsansätze in konfliktbeladenen Räumen. Zhaos Werk ist deshalb all jenen zu empfehlen, die Beteiligungsprozesse gestalten, moderieren oder beauftragen. Die Übersetzung ist recht gelungen und ziemlich flüssig, so dass das Etikett „Philosophie“ auch die Praktiker unter uns nicht abschrecken sollte. Die Lektüre lohnt sich.

Zhao Tingyang
Alles unter dem Himmel: Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung
Suhrkamp, 2020, 266 Seiten
ISBN: 978-3518298824, 22,- EUR

Ich hoffe, Sie finden die Zeit, sich einem oder mehreren der vorgestellten Bücher zu widmen und freue mich auch selbst über Lesetipps von Ihnen, die ich ggf. auch gerne in diesem Newsletter vorstelle.

Bleiben Sie gesund!

Herzlichst, Ihr Jörg Sommer

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