#212 | Die Ohrfeige

Rituale haben eine wichtige Funktion für Menschen. Aber auch für Gesellschaften. Und für unsere Demokratie.

Ausgabe #212 | 25. Januar 2024

Die Ohrfeige

Wären Sie im Mittelalter eine bedeutende Person im Umfeld eines Herrschers gewesen, dann hätte Ihnen durchaus eine Ohrfeige blühen können.

Besonders dann, wenn Sie erfolgreich gearbeitet haben.

Denn damals gab es einen interessanten Brauch: Sobald ein zwischen zwei Mächtigen bzw. von deren Untergebenen ausgehandelter Vertrag unterzeichnet wurde, geschah es: Beide Vertragspartner*innen drehten sich um und verabreichten allen Anwesenden eine Ohrfeige.

Die Betroffenen fühlten sich dabei keinesfalls abgestraft oder in ihrer Ehre gekränkt.

Die Klatsche war als symbolische Erinnerungshilfe gedacht – um sich die eben geschlossene Vereinbarung besser merken zu können.

Denn das Ohr galt im Mittelalter als der Sitz des Gedächtnisses. Ein Schlag aufs Ohr sollte das Gedächtnis aktivieren. Da das aber auch damals schon schmerzhaft wahr, schlugen sich die vertragschließenden Herrscher*innen nicht gegenseitig, sondern ihre jeweilige Entourage.

Es war ein Ritual, das die abgeschlossenen Verhandlungen beendete und das Ergebnis feierte.

Nun sind Rituale in vielen Kulturen üblich, gerne mal schmerzhaft, stets jedoch von besonderer Bedeutung.

In unserer modernen Gesellschaft gelten Ohrfeigen als das, was sie sind: eine übergriffige Körperverletzung. Sie sind nicht mehr üblich.

So wie viele andere Rituale. Es gibt sie noch, aber sie haben an Bedeutung verloren.

Das ist durchaus bedauerlich, denn Rituale sind besser als ihr Ruf. Sie schaffen Gemeinsamkeit, emotionale Verbundenheit, geben Strukturen, sorgen dafür, dass wir gemeinsam Prozesse beginnen und beenden.

Nicht nur Religionen, auch die Demokratie kann Rituale nutzen, um Gemeinsamkeit zu manifestieren.

Das gilt auch für Teilhabeprozesse. Gerade in der Bürgerbeteiligung gibt es klare Anfänge, Enden und aufeinanderfolgende Prozessschritte.

Allzu oft endet ein Beteiligungsprozess still. Mit einer freundlichen Abmoderation im Kreis der Beteiligten, einem verbalen Dank und einem mehr oder minder verbindlichen Versprechen, dass die Ergebnisse nun in den „politischen Prozess einfließen“ werden.

Das ist gut. Aber es geht besser.

Denn gerade die Kultur der Anerkennung demokratischen Engagements ist wichtig – wenn wir unsere Demokratie wirklich stärken wollen.

Engagement braucht Anerkennung. Das gilt besonders in der Beteiligung. Denn sie ist häufig mit Konflikten verbunden, die die Beteiligten aushalten müssen. Aktives bürgerschaftliches, auch kritisches Engagement braucht eine Demokratie mehr als unauffälliges Wohlverhalten.

Es sind die meinungsstarken Bürger*innen mit streitbaren Positionen, die unsere Demokratie stark und widerstandsfähig machen.

Gerade wenn sie besonders aktiv sind, fällt Wertschätzung häufig schwer.

Gerade wenn sie besonders aktiv sind, ist Wertschätzung jedoch wichtig.

Und auch da helfen Rituale.

Es gibt Kommunen, in denen Ergebnisse aus Beteiligungsprozessen grundsätzlich durch die Beteiligten dem Stadtoberhaupt übergeben werden. Das dauert nicht lange, wird aber von den Beteiligten als besondere Würdigung wahrgenommen und geschätzt.

Anderswo stellen einzelne Beteiligte die Ergebnisse sogar dem Kommunalparlament oder einem Ausschuss persönlich vor. Oder werden zumindest zur Vorstellung eingeladen.

Ich kenne einen schwäbischen Oberbürgermeister, der nach einem Beteiligungsprozess allen Beteiligten eine persönlich unterzeichnete Dankespostkarte schickt.

Die Möglichkeiten von Anerkennungsritualen sind vielfältig. Wichtig ist, dass es sie gibt.

Denn sie signalisieren, ebenso wie die Ohrfeige im Mittelalter: Hier ist etwas Wichtiges passiert. Etwas ist abgeschlossen, es gibt ein Ergebnis.

Vergesst das nicht.

Rituale sind übrigens auch schon zu Beginn von Beteiligungsprozessen möglich – und sinnvoll.

Tatsächlich schließe ich selbst, dort wo ich das beeinflussen kann, gerne zu Beginn einen formellen Vertrag zwischen Beteiliger*innen und Beteiligten:

Beide Seiten versprechen sich gegenseitige Wertschätzung.

Die Beteiligten bringen Zeit, Wissen und Engagement ein und verpflichten sich zu einer fairen Diskurskultur.

Die Beteiligenden stellen Zeit, Raum, Finanzen und Informationen zur Verfügung und verpflichten sich, im Anschluss zurückzuspiegeln, was mit den Ergebnissen aus welchem Grund passiert ist.

So ein Vertrag hat wenige Absätze und meist mehr Unterschriften als Text. Er ist symbolisch. Wie Rituale es eben sind.

Doch er zeigt gleich zu Beginn: Es ist uns ernst.

Es muss nicht immer ein Vertrag sein, es gibt auch andere Rituale. Eine formelle Eröffnung durch die Verwaltungsspitze oder Kommunalpolitiker*innen, ein kleines Dankeschön auf den Plätzen, eine ausführliche wertschätzende Vorstellungsrunde.

Zweck von Ritualen in der Beteiligung ist es nicht, ritualisierte Beteiligung durchzuexerzieren.

Zweck von Ritualen in der Beteiligung ist es vielmehr, Anerkennung spürbar werden zu lassen. Anerkennung der Prozesse. Anerkennung der Ergebnisse.

Vor allem aber. Anerkennung der beteiligten Menschen.

Denn Anerkennung macht nicht nur Menschen resilienter. Sondern auch unsere Demokratie.

Und die braucht es dringend.

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2 Kommentare
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Marianne Gerhardus
25. Januar 2024 23:21

Anerkennung ist unbestritten wichtig. Und Rituale, die diese Anerkennung sichtbar machen.
Man/ Frau mag es auch durchaus ernst meinen mit der Anerkennung und sie zur Chef*innensache machen.
Schön und gut?!

Was mir in diesem Zusammenhang allerdings fehlt, ist eine ebensolche Ernsthaftigkeit und ein Engagement der Entscheidungsträger für eine Umsetzung von Verbesserungs- oder Veränderungsvorschlägen von Bürgerinitiativen, Stadtteilbeteiligung usw.

Die grösste Anerkennung ist doch wohl, wenn neben einem Termin mit dem Bürgermeister/ der Bürgermeisterin und einer handschriftlich signieren Dankeskarte die durch bürgerschaftliches Engagement erarbeiteten Konzepte, Ideen und Vorschläge auch eine Umsetzung erfahren.

Das ist doch die höchste Form der Anerkennung.
Alles andere (s.o.) kann sehr schnell zur Farce werden.

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