#135 | Gefährliche Leitern

Alle 5 Minuten fällt in unserem Land ein Mensch von einer Leiter. Die Dinger sind gefährlich. Genau so wie das beliebte Konzept der “Partizipationsleiter”.

Ausgabe #135 | 4. August 2022

Gefährliche Leitern

Kennen Sie Odalis Amadol Pérez? Vermutlich nicht. In den USA war sein Tod im März dieses Jahres ein nationales Thema. Denn Pérez war ein All-Star Baseball-Spieler mit einer langen, erfolgreichen Karriere. Das heißt in den USA: Ein Promi.

Groß war also die Trauer nach seinem tödlichen Unfall. Allein auf seiner Terrasse starb er – als er von einer Leiter fiel.

Das ist tatsächlich gar nicht so selten.

Jedes Jahr gibt es allein im deutschen Baugewerbe über 10.000 Leiterunfälle, über 30.000 sind es in allen Branchen. Experten gehen davon aus, dass in unserem Land etwa alle fünf Minuten ein Mensch von einer Leiter fällt.

Das tut weh. Und wird oft teuer.

Pro Leitersturz rechnet die Berufsgenossenschaft Bau im Durchschnitt mit einer sechsstelligen Eurosumme Kosten – Renten, Heilbehandlung, Rehabilitation sind dabei keine Seltenheiten. Die Gesundheitsschäden reichen von schweren Prellungen bis hin zu Gehirnerschütterungen und Knochenbrüchen.

Leitern sind also gefährlich. Und je höher man steigt, um so gefährlicher wird es.

Vor diesem Hintergrund ist es tatsächlich verwunderlich, dass im Bereich der politischen Teilhabe so oft und gerne das Bild der Leiter bemüht wird.

Schon 1969 stellte die Politikwissenschaftlerin Sherry R. Arnstein ihr Modell der Partizipationsleiter vor. Seitdem sind mehr als 50 Jahre vergangen – und zwischenzeitlich ungefähr genauso viele Kopien, Variationen und Alternativen entstanden.

Arnsteins Leiter hatte 8 Stufen, Trojan erhöhte auf 12, Wright reduzierte wieder auf 9, die OECD arbeitet heute nur mit 3. Die Varianten im Leiterladen der Beteiligung sind zahlreich.

Allen gemeinsam ist die Logik: Von der untersten Stufe bis zur obersten steigt der Grad der Partizipation bzw. die Qualität der Beteiligung. Bei den acht Stufen von Arnsteins „Mutter aller Leitern“ sieht das so aus:

Die Kategorie „Keine Beteiligung“ umfasst die untersten Leitersprossen „Manipulation“ (Stufe eins) und „Therapie“ (Stufe zwei). Bürger*innen erhalten hier lediglich ausgewählte Informationen, damit mögliche Bedenken bei einem geplanten Vorhaben ausgeräumt werden.

In der Kategorie „Scheinbeteiligung“ besitzen die Bürger*innen zwar eine Stimme in Entscheidungsprozessen, jedoch besteht keine verbindliche Berücksichtigung dieser Meinungen. Arnstein beschreibt in dieser Kategorie die Verfahren „Information“, „Konsultation“ und „Beschwichtigung“ (Stufen drei, vier, fünf).

Die höchste Ebene der Leiter ist die „Bürgermacht“. Sie setzt sich aus den Kategorien „Partnerschaft“, „Machtübertragung“ und „Bürgerkontrolle“ (Stufen sechs, sieben, acht) zusammen.

Letztlich liegt auf der obersten Stufe die reale Kontrolle in der Hand der Bürger*innen, die maßgeblich entscheiden, zu welchen Bedingungen staatliche Organe sich in „ihre Angelegenheiten“ einmischen dürfen.

Alle anderen Leitern im Angebot beruhen auf diesem Konzept. Sie fassen lediglich einzelne Stufen zusammen, führen Zwischenstufen ein, benennen sie anders oder lassen die ersten oder letzten Stufen weg.

Sie versuchen damit, die jeweilige Leiter nützlicher für den praktischen Einsatz zu machen und Mehrwert für die Planung von Beteiligungsprozessen zu generieren. Wie schief das dabei genutzte Bild letztlich ist, gerät dabei schnell aus dem Fokus. Denn wir erinnern uns:

Das Unfallrisiko steigt, je höher man auf der Leiter klettert.

Nun könnten böse Zungen einwenden, dass Verwaltungen, die ja im Allgemeinen für die Planung von Partizipationsprozessen zuständig sind, vor allem an Risikominimierung denken.

Und so könnte die Leiter wunderbar erklären, warum so viel Beteiligung gar keine echte Beteiligung ist.

Schon merken wir, wie verführerisch solch eindimensionale Modelle sind. Und wir tun Arnstein damit unrecht: Sie wollte ihre Leiter nämlich nie als Anleitung zur Planung von Beteiligungsprozessen verstanden wissen.

Es ging ihr um etwas anderes. Sie wollte dies schon damals oft praktizierte Gleichsetzung von leerem Ritual und echter Beteiligung herausarbeiten und kritisierte diese Praxis aus emanzipatorischer Sicht:

„Partizipation ohne Umverteilung von Macht ist ein leerer und frustrierender Prozess für die Machtlosen. Es erlaubt den Machthabern zu behaupten, dass alle Seiten berücksichtigt wurden, aber es ermöglicht das nur eine dieser Seiten davon profitiert. Es erhält den Status quo aufrecht.”

Sie entwickelte Ihre Kritik Ende der Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als in nahezu allen Demokratien der Generationenkampf zwischen autoritär geprägten Strukturen und den Ansprüchen der jungen Generation auf echte Teilhabe entbrannte.

Ihr Modell beeinflusste diese Debatte so nachhaltig, dass uns diese Leiter und ihre Kopien bis heute beschäftigen.

Sowohl in der Planung, als auch in der Evaluation.

Weil sie so schön einfach ist, so linear und quantitativ abbildbar. Doch gerade in der Beurteilung der Qualität von Beteiligung führen solche Ansätze schnell in die Irre.

Arnstein selbst formulierte das bereits unmissverständlich:

“Beteiligung wird daran gemessen, wie viele zu Sitzungen kommen, Broschüren mit nach Hause nehmen oder einen Fragebogen ausfüllen. Was die Bürger bei all diesen Aktivitäten erreichen, ist, dass sie sich an der Beteiligung beteiligt haben. Und was die Machthaber erreichen, ist der Nachweis, dass sie die erforderlichen Schritte unternommen haben, um diese Menschen zu beteiligen.”

Ein halbes Jahrhundert und Zigtausend Beteiligungsprozesse später wissen wir deutlich mehr über Gute Beteiligung – und über Mechanismen der Scheinbeteiligung.

So hübsch – und schräg – heute die Bilder von Leitern in der Partizipation sind, so unbrauchbar sind sie letztlich für die seriöse Evaluation von Beteiligungsprozessen.

Denn die sind nicht ein- sondern mehrdimensional, von komplexen Interaktionen geprägt, von Ressourcen, Informationen, Zeitschienen, Diskursen und Wirksamkeitsclustern beeinflusst.

Deshalb misst das Evaluationskonzept des Berlin Institut für Partizipation zum Beispiel 84 Indikatoren – und ihre Wechselwirkungen.

Wir haben in den vergangenen 50 Jahren in Sachen politischer Teilhabe viel dazugelernt. Wir haben längst noch nicht alles verstanden. Aber wir wissen, dass Beteiligung auf sehr unterschiedliche Arten gelingen kann.

Wir wissen, dass es wenig absolute Wahrheiten gibt.

Wir wissen auch, dass die Evaluation, also der möglichst regelmäßige kritische Blick auf das, was man getan und gelassen hat, ungeheuer wichtig für den Erkenntnisfortschritt ist. Und wir wissen:

Moderne Evaluation von Beteiligung ist aus gutem Grund komplexer als eine Leiter.

Und weitaus weniger unfallgefährdet.

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