#127 | Die Stunde der Soziopathen

Welche Eigenschaften braucht es eigentlich, um demokratische Prozesse erfolgreich zu managen?

Ausgabe #127 | 9. Juni 2022

Die Stunde der Soziopathen

Die Psychologie ist eine anspruchsvolle Wissenschaft. Und sie ist, wie jede Wissenschaft, nicht frei von Widersprüchen. Dazu kommt eine Versuchung, wie wir sie aus dem Fußball kennen: Oberflächliches Halb-, Teil- und Scheinwissen hält viele nicht davon ab, überzeugende Fernanalysen zu verkünden.

So wie Deutschland an manchen Tagen ein Volk aus über 80 Millionen Bundestrainer*innen zu sein scheint, so ist die gemeine Küchenpsychologie aus dem Alltag – und leider auch aus unseren Medien – nur schwer zu verdrängen.

Gerade in Zeiten, in denen Politiker*innen schwer nachvollziehbare Entscheidungen treffen, blüht die Kunst der küchenpsychologischen Ferndiagnose auf.

Putin wird so zum Psychopathen – und sein Handeln plötzlich erklärbar. Das funktionierte schon bei Hitler und Stalin, bei Napoleon Bonaparte, Caesar und Kaiser Nero. Auch Donald Trump wurden psychopathische Züge zugeschrieben. Manchmal sind die besagten Männer (sic!) alternativ auch Soziopathen – je nach Medium und Autor*in.

Das kann in jedem einzelnen Fall sogar stimmen. Aus der Ferne und gar mit historischem Zeitabstand lässt sich das aber nicht seriös diagnostizieren.

Die Klärung der beiden Begriffe Soziopath und Psychopath ist ja nicht einmal in der Psychologie selbst unstrittig.

Konsens ist, dass beide eine psychische Störung vor allem des Sozialverhaltens einer Person beschreiben. Eine nicht küchenpsychologische, aber stark vereinfachte Begriffsklärung lautet:

Sowohl Soziopathen als auch Psychopathen leiden unter einer Persönlichkeitsstörung. Sie handeln mal impulsiv, mal manipulativ – und immer mit wenig Rücksicht auf ihre Mitmenschen. Soziopathen haben durchaus Gefühle, können sie jedoch nicht kontrollieren. Psychopathen hingegen sind unfähig, etwas zu empfinden.

Psychopathen verhalten sich nicht impulsiv, sondern in hohem Maße manipulativ – das macht es schwierig, einen Psychopathen zu erkennen.

Wir sehen schon: Ganz spontan sind wir versucht, einige der oben erwähnten Männer als Soziopathen, andere als Psychopathen zu sehen.

Und wir könnten aus der aktuellen Politik ein paar Namen nennen, die zumindest verdächtige Verhaltensmerkmale aufweisen.

Dazu kommt: Gerade in einer Demokratie, in der politische Macht nicht geerbt, sondern auf Zeit verliehen wird, sind insbesondere psychopathische Wesenszüge durchaus vorteilhaft für eine politische Karriere.

Minimale Emotionen, maximale Anpassung an soziale Erwartungen, die Fähigkeit, Menschen zu manipulieren und eine hoch flexible Moral in Verbindung mit völliger Skrupellosigkeit – die Kombination dieser Eigenschaften ist kein Garant für eine politische Karriere, aber scheinbar auch alles andere als karrierehinderlich.

Das Umgehen mit völlig unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Erwartungen ist tatsächlich leichter, wenn Emotionen nicht verdrängt werden müssen, wenn Moral oder Skrupel nicht bei der Suche nach akzeptierbaren Positionen und Lösungen im Wege stehen.

Das klingt beinahe so, als wäre so ein klein wenig beliebig zuschaltbare Psychopathie nicht nur für Politiker*innen vorteilhaft, sondern auch für jene, die demokratische Prozesse planen, gestalten und moderieren.

Wer schon öfter giftige Debatten in Beteiligungsprozessen nicht nur erleben, sondern gar moderieren durfte, wünscht sich manchmal, weniger schnell emotional zu werden, Menschen besser lesen und steuern zu können.

Das ist verständlich, aber tatsächlich geht es bei der Moderation von demokratischen Diskursen um weit mehr.

Im Rahmen der Allianz Vielfältige Demokratie wurde dazu eine Art Selbsttest zur Einschätzung jener Kompetenzen erarbeitet, die es braucht, um Beteiligungsprozesse erfolgreich zu verantworten. Es gibt davon sogar eine Online-Version.

Der Test dauert ca. 15 Minuten. Die Ergebnisse sind, wie bei allen Selbsttests, entspannt und zurückhaltend zu bewerten. Aber sie bieten, wenn Sie ehrlich mit sich selbst sind, durchaus eine grobe Orientierung.

Vor allem zeigen sie, dass demokratische Diskurse zu organisieren, eine anspruchsvolle Aufgabe ist. Es mag sein, dass in wenigen Momenten so ein spontaner „Psychopathie-Schalter“ kurzfristig die Rolle erleichtert – aber kein nachhaltiges Erfolgsmodell darstellt.

Gerade dann, wenn vermeintlich unlösbare Konflikte zur Debatte stehen, wenn Frustrationen hervorbrechen, ein aggressives Klima herrscht und gar einige Akteure den Prozess ebenso angreifen wie die Moderation, ist ein ganz besonderer Typ entscheidend gefragt.

Dieser Typ ist nicht abgestumpft gegenüber Emotionen, sondern eher das Gegenteil. Er oder sie kann Emotionen schnell und präzise wahrnehmen und deuten – ohne sich davon steuern zu lassen.

Das ist etwas völlig anderes als Psycho- oder Soziopathie. Gerade um anspruchsvolle demokratische Diskurse zu gestalten, bedarf es neben fachlichen Kompetenzen im Grunde zweier Kerneigenschaften:

Man sollte Menschen wirklich mögen. Und es sollte einem möglichst wenig ausmachen, wenn diese Zuneigung nicht erwidert wird.

Klingt banal? Ist es auch. Aber leider auch eine sehr seltene Kombination von Charaktereigenschaften. Deshalb habe ich persönlich immer einen Zettel mit diesen beiden Eigenschaften in der Tasche, wenn ich konfliktbeladene Prozesse moderiere.

Und manchmal, wenn es besonders schlimm ist, balle ich die Faust. Stecke sie in die Tasche. Spüre das Papier. Und bemühe mich redlich. Klappt das? Nicht immer. Aber oft.

Oft ist nicht perfekt. Aber gut.

Eben genau so wie unsere Demokratie.

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