#195 | Das Ich im Wir

Wir erleben eine immer weiter fortschreitende Individualisierung. Doch wenn das Ich im Mittelpunkt steht, wie viel Raum ist dann noch für das Wir?

Ausgabe #195 | 28. September 2023

Das Ich im Wir

Es war der 13. Juli 2014, als der junge Mann sein Gedächtnis verlor.

Dabei hatte er seit Monaten auf diesen Tag hingefiebert, geackert, sich angestrengt.

Er wollte genau da sein, wo er jetzt war. In diesem Moment. In Rio de Janeiro. Auf dem Rasen im legendären Maracanã-Stadion.

Vor Millionen von Zuschauer*innen in der ganzen Welt. Im Finale der Fußballweltmeisterschaft.

Die deutsche Mannschaft hatte in einem sensationellen Durchmarsch auf dem Weg ins Finale mit großartigem Fußball und fantastischen Mannschaftsgeist überzeugt, wie wir ihn seitdem nie wieder spüren konnten.

Es passte alles bei dieser WM. Und nun war der Titel zum Greifen nahe, auch für den damals gerade mal 23 Jahre alten Christoph Kramer.

Er war erst während der WM in die Startmannschaft gerückt, im Finale bis in die Haarspitzen motiviert.

Und dann passierte es. In der 17. Minute knallte er unglücklich mit dem Argentinier Ezequiel Garay zusammen, blieb zunächst benommen liegen, spielte dann aber weiter.

Erst als er den Schiedsrichter irritiert fragte, ob das hier „das Finale“ sei, wurde klar, dass er sich eine ernsthafte Kopfverletzung zugetragen hatte.

Christoph Kramer wurde ausgewechselt.

Bis heute kann sich der Rio-Weltmeister nicht daran erinnern und laut seinen eigenen Aussagen sind „die Ärzte sich sicher, dass meine Erinnerungen an diese Teile des Endspiels nicht wiederkommen werden“.

Und seit diesem Tag vergeht kaum ein Interview, bei dem der Fußballprofi nicht darauf angesprochen wird.

So auch am vergangenen Montag in Berlin. Wir hatten beide das Vergnügen, uns in einer Talkrunde zu treffen. Es ging um das „Ich im Wir“.

Ausgerichtet hatte die Drogeriemarkt-Kette DM eine „Zukunftswoche“ anlässlich ihres 50. Geburtstages.

Die Geschäftsführung um ihren Vorsitzenden Christoph Werner nahm das zum Anlass, um große gesellschaftliche Trends mit spannenden Gästen zu diskutieren. Auch um einen eigenen Platz als verantwortungsbewusstes, aber eben auch gewinnerwirtschaftendes Unternehmen zu finden.

Am Montag ging es also um das Ich im Wir, um die Frage, ob und wie Zukunftsgestaltung in einer immer individualisierteren Gesellschaft funktionieren kann.

Die Diskussion war spannend, gerade wegen des extrem diversen Panels.

Wie so oft finden aber auch abseits der großen Bühne spannende Dialoge statt. Ich habe Christoph Kramer nicht auf seinen WM-Blackout angesprochen.

Doch auf der Bühne blieb ihm das nicht erspart. Aber er hat zwischenzeitlich eine entspannte Antwort darauf gefunden: „Rein medial gesehen, war das super für mich. Das ist eine coole Geschichte. Dadurch ist mein Bekanntheitsgrad auf jeden Fall deutlich höher geworden.“

Wir beide sprachen im Anschluss noch eine ganze Weile, aber tatsächlich nicht über Fußball. Sondern über Demokratie. Und das Ich im Wir.

Über die Frage, was die Individualisierung mit der Gesellschaft macht. Und wie die Gesellschaft lernt, mit der Individualisierung umzugehen.

Der durchkommerzialisierte Profifußball gibt nun wahrlich selten ein gutes Beispiel für gesellschaftliche Verantwortung ab. Und doch ist er beim Ich im Wir eine spannende Projektionsfläche.

Profifußballer sind Individualisten, sie haben persönliche Berater*innen, persönliche Ziele, persönliche Karrieren. Wenn es gut läuft, verdienen sie unglaubliche Summen. Und das heute bei dem einen Verein, eine Woche später vielleicht schon beim schärfsten Konkurrenten.

Und doch geht es bei jedem Spiel zunächst einmal nur um eines: nach 90 Minuten als Sieger vom Platz zu gehen. Da müssen elf hochbezahlte Individualisten, oft eben auch Egoisten, zusammenarbeiten.

Und das nicht irgendwie und widerwillig, sondern von der ersten Sekunde an konsequent, taktisch clever und bedingungslos.

Elf Spieler müssen von ihren Ichs zum Wir kommen. Und immer wieder gelingt es.

Tatsächlich entdeckten wir überraschende Analogien zwischen Fußball und Demokratie.

Auch in unserer Gesellschaft gilt: Das Ich kann sich nur im Wir entfalten.

Wenn das Ich in den Vordergrund rückt, bleibt das Wir auf der Strecke.

Die richtige Balance zwischen ich und wir zu finden – das ist die Aufgabe der Demokratie.

Doch das funktioniert nur, wenn möglichst viele an ihr teilhaben können – und wollen. Doch dazu müssen wir auch demokratische Prozesse haben, die das Aushandeln zwischen dem Ich und dem Wir ermöglichen. Wahlen alleine genügen dazu nicht.

Es braucht Dialoge, auch und gerade kritische Dialoge. Das ist die Aufgabe von Beteiligung: Dialoge ermöglichen.

Anhand konkreter Fragen, ob Windrad, Kinderspielplatz oder Klimaschutz, immer wieder neu das Ich mit dem Wir in Einklang zu bringen, auch und gerade, wenn es schmerzhaft und schwierig ist.

Je mehr wir miteinander streiten, um so weniger müssen wir uns übereinander empören.

Am Ende des Abends habe ich zwei Dinge gelernt: Mit Fußballern zu philosophieren, kann ergiebig sein. Und Unternehmen können und sollten durchaus gesellschaftliche Debatten befördern. Wenn sie denn ernsthaft am Wir interessiert sind. Und etwas beizutragen haben.

Für all die anderen gilt meine Empfehlung: Fangen Sie mit den Debatten erst mal klein an. Im eigenen Haus. Mitarbeitende zu beteiligen, ist einfacher, als man denkt. Und ergiebiger.

In viel zu vielen Belegschaften kommt immer noch beides zu kurz: Das Ich und das Wir. Auch hier gilt, wie immer bei diesem Thema: Partizipation ist der Schlüssel.

Das schauen wir uns demnächst einmal genauer an. Für heute schließen wir mit einem Lesetipp.

Das Ich im Wir ist nämlich auch der Titel eines sehr empfehlenswerten Buches.

Es hat nichts mit DM zu tun. Oder mit Fußball. Und es ist auch schon vor längerer Zeit erschienen.

Der Soziologe Axel Honneth diskutiert darin über den Begriff der Anerkennung. Hinter dem fast harmlos erscheinenden Wort verbirgt sich gewaltiger sozialer Brennstoff.

Sowohl Anerkennung als auch ihre Verweigerung sind wichtige Komponenten bei der Untersuchung von Konflikten.

Doch das ist unser Thema in der kommenden Woche. Dann schauen wir uns an, was mangelnde Anerkennung mit Menschen macht.

Und mit demokratischen Prozessen.

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Dr. Gesa Maschkowski
28. September 2023 22:51

Lieber Herr Sommer, vielen Dank für den schönen Vergleich. Dem mag ich gern nachgehen. Beim Fußball sind zwei Sachen klar 1) Das Ziel 2) Alle wissen dass ihr Wohl- und Wehe davon abhängt ob sie gut zusammenspielen.
Nehmen wir die Klimakrise als Demokratieprojekt. Da ist klar was die meisten von uns nicht wollen: Hitze, Dürre, Fluten, Ernteausfälle. Diffus wird es bei der Frage: Was genau müssen wir schaffen, im Bereich Wohnen? Mobilität? Wirtschaft? Und wer muss wann was tun, damit das Spiel gelingt, z.b. die Regierung, die Kommunen, die Wirtschaft, die Hausbesitzer:innen oder auch die Reisebranche? Und wer koordiniert das Zusammenspiel? Wer trainiert die neue Sportart “glücklich leben mit weniger Konsum?” Immerhin konnten wir in Bonn feststellen: Verständliche, klare Ziele führen dazu, dass völlig unterschiedliche Individualist:innen gute Lösungen erarbeiten. Genau diese verständlichen Ziele forderten die Bürger:innen ein Mehr https://beteiligung.bonn4future.de

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