#338 | Die Liste

Gute Beteiligung ist wichtig. Genauso wichtig ist es aber auch, die Richtigen zu beteiligen. Das ist herausfordernd.

Ausgabe #338 | 25. Juni 2026

Die Liste

Menschen, die einen Teil ihrer Zeit auf Konferenzen verbringen, haben oft eine ähnliche Erfahrung gemacht: Wirklich wichtig waren am Ende des Tages oft nicht die Präsentationen, die Podiumsgespräche oder die Arbeitsgruppen.

Es waren die Kaffeepausen.

Dort haben wir interessante Menschen kennengelernt, spannende Erfahrungen gehört, Kontakte geknüpft und gepflegt und manchmal sogar Inspiration erfahren.

Genau dieses Feedback erhielt Harrison Owen, der 1983 ein Jahr lang einen Kongress für 250 Organisationsentwickler vorbereitet hatte.

Am Ende der Konferenz kamen alle Beteiligten einhellig zu dem Schluss, dass der „wirklich nützliche Teil“ des insgesamt durchaus gelungenen Events in den Kaffeepausen bestanden habe.

Für Owen war dies der Anlass, darüber nachzudenken, wie denn eine Konferenz funktionieren könne, die quasi nur aus Kaffeepausen bestünde.

Das Open-Space-Konzept war geboren.

Open-Space-Events geben kein Thema vor, liefern keinen Input – die Teilnehmenden bringen ihre Themen mit, es ist ihre Konferenz. Sie gestalten sie weitgehend selbst.

Barcamps sind so ein Open-Space-Format. Es gibt aber unzählige weitere Varianten.

Gemein ist allen eines: Open Space schafft einen stabilen methodischen Rahmen, in dem viele Menschen selbstorganisiert und selbstverantwortlich ihre Anliegen gemeinschaftlich bearbeiten können.

Das klingt gut. So gut, dass der Ansatz auch in Beteiligungsprozessen immer wieder genutzt wird.

Das ist gut.

Aber auch ein wenig gefährlich.

Denn Open Space basiert auf vier Grundsätzen. Und die sind nicht zu 100 % kompatibel mit den Anforderungen an gute Beteiligung.

Ein Grundsatz lautet: Es beginnt, wenn die Zeit reif ist. Wichtig ist die Energie, nicht die Pünktlichkeit. Das mag zum Beispiel für Verwaltungen manchmal ungewohnt sein, ist aber kein echtes Problem in der Beteiligung.

Spannend ist auch der Grundsatz: Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte. Ungeplantes und Unerwartetes ist oft kreativ und nützlich. Auch hier gilt wieder: Herausfordernd, aber eine gute Grundhaltung für Beteiligung.

Der dritte Grundsatz lautet: Vorbei ist vorbei – nicht vorbei ist nicht vorbei. Wenn die Energie zu Ende ist, ist die Zeit um. Für ihn gilt dasselbe wie für die ersten beiden.

Kommen wir zum vierten Grundsatz: Wer auch immer kommt, es sind die Richtigen. Das mag in kreativen Open-Space-Formaten Sinn ergeben.

In der Beteiligung ist dies – fast immer – falsch.

Und das ist essenziell. Denn eine der größten Herausforderungen in der Beteiligung ist es, die Richtigen zu erreichen. Also jene, die von einem Vorhaben betroffen sind, oder von einer Problemlösung betroffen sein könnten – und die nicht ohnehin schon Wirkungsmöglichkeiten in den üblichen Strukturen haben.

Das aber sind häufig Menschen, die nicht ohne Grund in Politik und Gesellschaft relativ einflussarm sind.

Und es sind genau jene Menschen, die auch besonders zurückhaltend sind, wenn sie zu Beteiligung eingeladen werden.

Im Grunde wissen wir aus vielen Jahren Beteiligungspraxis eines mit großer Sicherheit. Wenn wir einfach nur einladen, dann sind die, die da sind, eben nicht die Richtigen.

Deshalb sprechen wir so viel über das Ziel „Breiter“ Beteiligung. Sie meint eben ausdrücklich nicht, möglichst viele zu beteiligen, sondern besonders die Gruppen, die es betrifft, die aber nicht oder kaum von allein kommen.

Wer aber sind diese Menschen?

Es gibt mehrere Ansätze, diese Gruppen zu beschreiben. Sie alle helfen uns weiter, keiner von ihnen ist erschöpfend.

Zum einen gibt es die Erklärung nach dem Sinus-Modell. Die sogenannten Sinus-Milieus wurden vom SINUS-Institut entwickelt und sind heute elementar, zum Beispiel für Werbung und Marketing.

Die Sinus-Milieus fassen Menschen mit ähnlichen Werten und einer vergleichbaren sozialen Lage in einer Matrix zusammen.

In der vertikalen Achse ist jeweils die soziale Lage (sie reicht von niedrig bis hoch) dargestellt und in der horizontalen Achse die Wertorientierung (sie reicht von traditionell bis postmodern).

Je höher ein Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter nach rechts es sich erstreckt, desto moderner im soziokulturellen Sinn ist die Grundorientierung des jeweiligen Milieus.

Studien haben ergeben, dass vor allem die soziale Lage einen Bezug zur Bürgerbeteiligung erkennen lässt. Die grobe Erkenntnis lautet: Je geringer das Einkommen, desto weniger Beteiligungsbereitschaft.

Die Werteorientierung hat eher einen geringen bis kaum messbaren Einfluss.

Das hilft ein wenig bei der Identifizierung „beteiligungsferner“ Gruppen, ist aber im Alltag eher unscharf, und zudem wissen wir in der Regel wenig über die reale finanzielle Lage unserer Mitmenschen.

Das führt uns zu einem anderen Hilfsmittel: der „Liste“.

Sie wird, in unterschiedlichen Nuancen, in vielen beteiligenden Institutionen geführt, selten veröffentlicht – nicht, weil sie Herrschaftswissen ist, sondern weil sie großes Stigmatisierungspotenzial hat – und Raum für rassistische Interpretationen lässt.

Doch es gibt sie. Und sie wird oft zu Rate gezogen, wenn breite Beteiligung ernsthaft versucht wird. Hier ein Auszug der wichtigsten Gruppen auf der Liste:

  • Menschen ohne festen Wohnsitz
  • Menschen mit geringer Literalität
  • Menschen mit formal geringer Bildung
  • Menschen ohne Internetzugang
  • Arbeitssuchende
  • Vielbeschäftigte
  • Flüchtlinge und Asylsuchende
  • Migrant*innen
  • Arme bzw. armutsgefährdete Menschen
  • Chronisch Kranke
  • Psychisch Kranke
  • Suchtkranke
  • Wenig mobile Menschen
  • Kinder und Jugendliche
  • Alte Menschen
  • Alleinerziehende
  • Menschen mit Behinderungen
  • Ethnische Minderheiten
  • Menschen in Heimen und Einrichtungen
  • Radikal Religiöse
  • Menschen in ländlichen Regionen
  • Pendler*innen
  • Reichsbürger*innen
  • Menschen mit extremen politischen Ansichten
  • Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen.

Die Liste hilft. Wenn sie nicht zu absolut gelesen wird. Sie besagt lediglich, dass Menschen, die einer (oder mehrerer) dieser Gruppen angehören, statistisch dazu neigen, sich eher ungern zu beteiligen, und deshalb eine besondere, persönliche Ansprache Sinn machen kann – wenn sie beteiligt werden sollen, weil sie betroffen sind.

Ein drittes Modell ergänzt diese Liste.

Der deutsche SPD-Politiker und Publizist Peter Glotz prägte in den 1990er Jahren den Begriff der „Zeitreichen“ und „Zeitarmen“.

Ein Großteil der Gesellschaft ist durch die zunehmende Beschleunigung (durch Technologie, Arbeit und globalen Wettbewerb) in ständiger Hektik. Sie leiden unter Zeitmangel und Druck – die sogenannten Zeitarmen.

Andere (oft hochqualifizierte Wissensarbeiter, Manager oder Vermögende, aber auch gut situierte Rentner) können sich ihre Zeit autonom einteilen und genießen Flexibilität – es sind die Zeitreichen.

Glotz warnte davor, dass die Kontrolle über die eigene Zeit zu einem der wichtigsten Güter der Zukunft wird und die traditionelle Klassengesellschaft (Besitz von Kapital) durch eine Zeit-Klassen-Gesellschaft abgelöst wird.

In der Beteiligung beobachten wir, dass wir ganz häufig die Zeitarmen nicht erreichen (und sie sind auch ein großer Teil der obigen Liste).

Denn Beteiligung braucht Zeit. Nicht nur in den Prozessen und Projekten, sondern eben auch bei den Beteiligten.

Was heißt das nun für die Menschen, die Beteiligung planen und organisieren?

Ob wir den SINUS-Ansatz berücksichtigen, die Liste oder das Konzept der Zeitarmen und -reichen – oder am besten alle drei.

Immer sollten wir von drei Grundsätzen ausgehen, wenn wir wirklich breite Beteiligung anstreben:

  1.  Wenn wir einfach nur einladen, kommen möglicherweise welche, selten aber „die Richtigen“.
  2.  Wenn wir die „Richtigen“ beteiligen wollen, dann brauchen wir Respekt vor deren Zeit und deren Lebenslage.
  3.  Das bedeutet, wir müssen nicht nur die Rekrutierung anpassen, sondern auch die Prozesse.

Das heißt manchmal auch, dass es mehr als ein Format für mehr als eine Zielgruppe braucht. Dass es intensive Beteiligung genauso brauchen kann, wie „schnelle“, asynchrone, niedrigschwellige Formate – die ebenfalls wirksam sind.

Und auch wenn wir Open-Space-Formate nutzen – haben wir dabei eine ganz spezifische Beteiligungshaltung.

Einfach nur ein schickes Event organisieren und breit einladen – das ist eben noch lange nicht Beteiligung.

Ganz zu schweigen von breiter Beteiligung.

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