#342 | Hybrid in Präsenz

Hybride Beteiligungsveranstaltungen sind beliebt. Doch sie haben ihre Tücken.

Ausgabe #342 | 23. Juli 2026

Hybrid in Präsenz

Die griechische Mythologie kennt viele Götter, noch mehr Götter und unendlich viele Geschichten, die uns noch heute etwas sagen können.

Da ist zum Beispiel die Geschichte des Phaeton. Der Sohn des Sonnengottes Helios hatte einen Wunsch frei. Das hatte sein Vater geschworen.

Also verlangte Phaeton, für einen Tag den Sonnenwagen lenken zu dürfen.

Doch als der ungeschulte Phaethon am Morgen die Zügel übernahm, bekam er die Pferde nicht in den Griff. Prompt brachen sie aus ihrer gewohnten Umlaufbahn aus.

Mal entfernte sich der Sonnenwagen zu weit von der Erde, mal kam er ihr zu nah.

Mal gefror dadurch die Erde komplett, dann wieder trockneten durch die extreme Hitze der Sonne Flüsse und Seen aus, Wälder fingen Feuer, und die Erde riss auf.

Göttervater Zeus, von der Erdmutter Gaia alarmiert, musste handeln: Er schleuderte einen Blitz und tötete Phaeton.

Die tragische Geschichte des Phaeton steht für den Begriff der Hybris.

Hybris bedeutet maßlose Selbstüberschätzung, Überheblichkeit, Hochmut und Realitätsverlust.

Irgendjemand im Volkswagen-Konzern muss das gewusst haben – und zugleich einen ausgeprägten Hang zu Sarkasmus.

Denn Anfang der 2000er Jahre verließ VW erstmals sein Konzept der „Volks“-wagen und brachte eine Luxuslimousine auf den Markt. Sie sollte laut Anspruch von VW das „beste Auto der Welt sein“.

Doch es verkaufte sich schlecht. In der Optik ähnelte es einem Mittelklassewagen, sollte aber über 100.000 DM kosten. VW versuchte alles, überarbeitete das Modell mehrfach, aber schließlich musste der Konzern nach nicht mal 90.000 gebauten Autos die Produktion einstellen.

VW war an der eigenen Hybris gescheitert.

Den Namen, den VW damals für das Modell gewählt hatte: Phaeton.

Hybris ist aber nicht nur eine Herausforderung für Konzerne. Sie kann auch Politiker*innen irreleiten und sogar Menschen, die aufrichtig und engagiert demokratische Teilhabe organisieren.

Ein Phänomen ist zum Beispiel bekannt: die Vorstellung, man könne gute Beteiligungsprozesse gleichzeitig im analogen und digitalen Raum stattfinden lassen, oft sogar in der gleichen Veranstaltung. Verbunden manchmal mit dem Gedanken, es würde die Qualität der Beteiligung weiter verbessern.

Bezeichnenderweise nennen wir solche Konzepte nicht Hybris, aber:

Hybrid.

Ja, der Begriff leitet sich von Hybris ab. Hat aber im digitalen Zeitalter irgendwann die negative Konnotation abgeschüttelt.

Und das ist schade.

Denn die Genese des Begriffs sollte uns eine Mahnung sein. Hybride Beteiligung kann manchmal eine Option sein, manchmal die einzige Option.

Aber nur in Ausnahmefällen eine gute Option.

Denn die Hybris ist in der hybriden Beteiligung eine ständige Herausforderung. Vor allem dann, wenn wir sie gar nicht als solche erkennen.

Die klassische Idee der hybriden Veranstaltung, bei der einige Beteiligte im Raum und andere digital zugeschaltet sind, ist dabei gar nicht die größte Herausforderung.

Das kann man machen. Wenn man muss. Weil die Anreise für viele nicht möglich ist. Weil der Raum nicht alle fasst. Auch aus anderen Gründen. Wir dürfen dabei nur nicht der Vorstellung erliegen, da wäre Deliberation auf Augenhöhe zwischen den Menschen vor Ort und den Zugeschalteten möglich.

Gute Beteiligung braucht diese aber. Deshalb taugen solche Konzepte eher für Information als für echte Beteiligung. Was sie für Informationsphasen in komplexeren Beteiligungsprozessen durchaus tauglich macht.

Die wahren Klippen liegen anderswo. Dort, wo wir glauben, wir wären nicht hybrid. Es aber sind.

Der Klassiker im digitalen Raum: eine Online-Videokonferenz. 80 Menschen im Call. Keine 20 haben ihre Kamera an. Lange Vorträge zu Beginn, dann wenige Fragen aus dem Publikum. Am Ende die Einschätzung: 80 Menschen erreicht, alle Kritik eingefangen.

In der Realität hat in diesen 2 Stunden nur ein Bruchteil der summierten Lebenszeit in diesem digitalen Raum stattgefunden. Viele haben sich eingewählt, aber dann ganz andere Dinge erledigt, manche parallel in einer WhatsApp-Gruppe diskutiert – und sich in Meinungen bestärkt, andere kaum 2 Minuten zugehört.

Deliberation im digitalen Raum ist meist nur eine Vorstellung, selten Realität. Und das nur dann, wenn man permanente Interaktion konzipiert und realisiert.

Auch umgekehrt kennen wir das Phänomen. Bei der Evaluation eines Beteiligungsprozesses in der Schule – während der Schulzeit, in der Turnhalle – haben wir in der teilnehmenden Beobachtung vermerkt: „Die Mehrheit der Anwesenden beschäftigt sich während des einführenden Vortrages ausschließlich mit dem eigenen Smartphone.“

Auch hier wieder ein doppelter Realitätsverlust: Die einen verlassen die Realität der analogen Veranstaltung. Die anderen glauben, sie wären noch da.

Ein angemessener Umgang mit der Digitalaffinität junger Menschen in der Beteiligung lautet übrigens nicht: Handys verbieten.

Ich selbst setze sie eher bewusst ein: Auch in analogen Stuhlkreis-Diskussionen nutze ich gerne Beamer oder Monitor. Für Präsentationen nutze ich Mentimeter oder noch lieber PowerPoint mit Slido-Add-on.

Jede zweite oder dritte Folie lädt zu digitalen Votings oder Feedback ein.

Wenn wir diskutieren, bleibt der Monitor an: Alle können sich analog melden, oder ihren Beitrag digital posten. Analoge und digitale Meldungen werden abwechselnd berücksichtigt.

Die hybride Realität wird anerkannt – und aktiv gestaltet.

Das funktioniert auch mit anderen Gruppen. Immer dann, wenn Menschen beteiligt sind, die aus kulturellen, sozialen oder sprachlichen Gründen freie Wortbeiträge scheuen – aber doch beteiligt werden sollen.

Was wir daraus lernen können? Hybrid sollten wir nicht als Angebot denken, sondern als gezielt gestaltete Prozessstruktur.

Dann können wir organisieren, dass unser Prozess weder einfriert noch austrocknet.

Das Fazit lautet: Hybrid kann funktionieren. Solange man nicht der Hybris erliegt.

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