#348 | Das ist mein Parkplatz

Manchmal betrachten wir Dinge als unser Eigentum, die uns eigentlich gar nicht gehören. Das bietet Chancen …

Ausgabe #348 | 3. September 2026

Das ist mein Parkplatz

Vier Männer werden von den Behörden gejagt – und verbringen ihre Zeit trotzdem damit, anderen Menschen aus der Klemme zu helfen.

Mehr braucht es eigentlich nicht, um das Grundprinzip einer der erfolgreichsten Fernsehserien der Achtziger zu erklären.

Damals gehörte das „A-Team“ gemeinsam mit Serien wie „Magnum“ oder „Ein Colt für alle Fälle“ für viele Kids zum festen Fernsehprogramm.

Eine Episode auszulassen, konnte soziale Folgen haben.

Wer am nächsten Morgen auf dem Pausenhof nicht wusste, was Hannibal, B. A., Face und Murdock diesmal angestellt hatten, war schnell Außenseiter.

Besonders kompliziert war es allerdings nicht, den Anschluss wiederzufinden. Denn das dramaturgische Rezept blieb erstaunlich zuverlässig dasselbe: Anständige Leute gerieten an skrupellose Ganoven und wussten sich nicht mehr zu helfen.

Also riefen sie das A-Team.

Die vier rückten an, entwickelten einen verwegenen Plan – und sorgten mit reichlich Action dafür, dass die Schurken am Ende ihre verdiente Abreibung bekamen.
Besonders auffällig war der bullige Van, mit dem das A-Team unterwegs war. Er galt quasi als fünfter Hauptdarsteller.

Unter der Kriegsbemalung des A-Team-Vans – unten schwarz und oben dunkelgrau, getrennt durch den roten Streifen – verbarg sich ein GMC Vandura, Baujahr 1983.

Den Vandura gab es in dutzenden Versionen, darunter Luxus-Ausführungen mit langem Teppichflor, elektrischen Ledersesseln, ausfahrbarem Bett und integriertem Fernseher – bereits vor über 40 Jahren.

Einige wenige Exemplare des Ungetümes mit 5,7-Liter-Motor und rund 300 PS verirrten sich auch nach Europa. Nur wenige, denn sie benötigten eine Sonderzulassung.

Eines dieser Luxusmobile landete in Kiel bei einer einschlägig bekannten Rocker-Gang.

Die modifizierten den Wagen weiter und gaben ihm ein ultimatives Rocker-Design: silberne Totenköpfe als Schalt- und Türhebel, brutale HiFi-Lautsprecher und eine Komplettlackierung in mattschwarz.

In den Neunzigern dann kam die Gang unter die Räder – und der Van unter den Hammer.

Ich schlug zu und so landete eines der wohl optisch gefährlichsten Autos auf Deutschlands Straßen in der Großfamilie Sommer.

In den folgenden Jahren verbrachten wir damit einige Sommer in Frankreichs Süden. Tagsüber erkundeten wir die Region, nachts wurde der Van zum Schlafplatz für zwei Erwachsene und vier Kinder.

Waren wir nicht damit auf Reisen, parkte der schwarze Brocken in unserer kleinen Anliegerstraße.

Und das führte eines Tages zu einer skurrilen Intervention.

Einer unserer Nachbarn, ansonsten nicht weiter verhaltensauffällig, stand plötzlich mit dunkelroter Gesichtsfarbe vor unserer Haustüre und herrschte mich an, ich solle mein Auto endlich von seinem Parkplatz wegfahren.

Mein freundlicher Hinweis darauf, dass der Parkplatz zwar vor seiner Hecke lag, aber öffentlicher Parkraum sei, beeindruckte ihn nicht.

Er parke da schon immer, ich solle da weg. Er würde ja auch nicht vor meinem Haus parken.

Ich tat ihm den Gefallen und parkte um.

Nicht weil er recht hatte, sondern weil er sich im Recht fühlte. Und weil Nachbarschaftskonflikte zu dramatischen Eskalationen neigen, wenn man sie ignoriert.

Denn der gute Mann wäre nur schwer von der aktuellen Rechtslage zu überzeugen gewesen.

Verantwortlich dafür ist ein Phänomen, das wir Psychological Ownership (psychologisches Eigentumserleben) nennen.

Was steckt dahinter?

Psychological Ownership bezeichnet das Gefühl, dass ein Gegenstand, eine Idee oder eine Organisation „mein“ oder „unser“ ist, ohne dass dafür ein formales oder rechtliches Eigentumsverhältnis bestehen muss.

Es entsteht durch Faktoren wie Gewohnheit, räumliche Nähe oder Personalisierung.

„Unsere“ Straße, „mein“ Parkplatz, oft auch auf Firmenparkplätzen, wo das Konzept ganz ohne Schilder funktioniert, oder „unser“ Tisch im Ferienhotel – das sind typische Fälle.

Aber auch in der Politik und in politischen Prozessen spielt dieses Konzept eine wichtige Rolle, da es Verhaltensweisen von Bürgern, Entscheidungsträgern und Organisationen maßgeblich beeinflusst.

Es erklärt manche Konfliktlinien und vor allem deren Verhärtung. Es ist deshalb ein Phänomen, das wir in der politischen Teilhabe kennen und berücksichtigen sollten.

Insbesondere wenn eine Verwaltung im unmittelbaren Lebensumfeld von Menschen gestaltend tätig ist, entstehen schnell Widerstände, die in ihrer Härte immer wieder überraschen.

Ob Bäume im öffentlichen Raum gefällt oder gepflanzt werden, ja selbst bei vermeintlich positiven Maßnahmen wie Verkehrsberuhigungen oder zeitlich befristeten „Sommerstraßen“:

Immer geht es um echte oder befürchtete Beeinträchtigungen.

Aber eben auch um Maßnahmen „Fremder“ (zu denen auch eine Verwaltung gehört) im „eigenen“ Bereich.

Die Betroffenen darüber aufzuklären, dass ihr Ownership nur eingebildet ist, klingt logisch. Funktioniert aber meist nicht.

Meist macht es Sinn, im ersten Schritt das Psychological Ownership anzuerkennen und zur Grundlage von Beteiligung zu machen.

Beteiligung entwickelt sich dann vom Defizitmodell (Wir klären die Beteiligten auf.) zu einem gemeinsamen Ownershipmodell: Wir gestalten etwas gemeinsam.

Das funktioniert aber nur, wenn die Beteiligten nicht mit vollendeten Planungen konfrontiert werden, sondern mit Herausforderungen.

Ownership anzuerkennen heißt: keine Lösungen zu erklären, sondern Lösungen gemeinsam zu gestalten.

Wird das zum Prinzip eines Beteiligungsprozesses, liegt im Psychological Ownership am Ende sogar Potenzial für besonders nachhaltige Lösungen.

Wenn nicht die Verwaltung ins Lebensumfeld eingreift, sondern gemeinsame Gestaltung organisiert, werden so gefundene Lösungen am Ende in den Bestand des Psychological Ownerships übernommen.

Kommunen, in denen zum Beispiel grüne Inseln nicht einfach hingepflanzt, sondern gemeinsam mit den Bewohner*innen entwickelt werden, berichten von dauerhaften Einsparungen, weil diese von den Anwohnern gehegt, gepflegt und im Sommer gegossen werden.

Warum?

Weil es „ihre“ grünen Inseln sind.

Psychological Ownership ist nur dann ein Risiko, wenn es nicht beachtet wird. Berücksichtigen wir es stattdessen in der Prozessgestaltung, ist es das Gegenteil:

Eine großartige Chance.

 

PS: Den Van haben wir übrigens später weitergereicht, als die Kinder älter wurden. Freunde von uns fuhren damit bis in den Iran, wo sich Jahre später die Spuren verloren …

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