#221 | Wenn es an der Türe klingelt

Was wir aufsuchende Beteiligung nennen, ist erstaunlich oft weder aufsuchend noch Beteiligung.

Ausgabe #221 | 28. März 2024

Wenn es an der Türe klingelt

Junge Menschen, die sich für Klimaschutz engagieren, haben es schon erlebt. Junge Menschen, die sich an Aktionen gegen rechtsradikale Veranstaltungen beteiligen, ebenfalls.

Was lange Zeit vor allem Fußball-Hooligans erlebten, ist in jüngster Vergangenheit auch ein Phänomen an gutbürgerlichen Reihenhaustüren.

Es klingelt.

Und vor der Türe stehen zwei ernst dreinblickende Polizist*innen. Sie fragen nach Sohn oder Tochter und dann erfolgt sie.

Die sogenannte Gefährderansprache.

„Rechtfertigen Tatsachen die Annahme, dass eine Person in einem überschaubaren Zeitraum die öffentliche Sicherheit stören wird, kann die Polizei diese Person über die geltende Rechtslage informieren und ihr mitteilen, welche Maßnahmen die Polizei im Fall einer bevorstehenden oder erfolgten Störung ergreifen wird.“ (Polizeigesetz von Baden-Württemberg).

Die Botschaft lautet vor allem: Wir haben dich auf dem Kieker. Wenn du Mist baust, werden wir dich kriegen.

Die Gefährderansprache ist umstritten, aber immer wieder wirksam. Als Präventionsmaßnahme gegen Gewalt in deutschen Fußballstadien ist sie anerkannt.

Im politischen Raum wird sie auch als Einschüchterungsversuch gelesen.

In Bayern ist sie gegenüber Mitgliedern der Letzten Generation ein beliebtes Mittel. Die dort ja hin und wieder auch vorbeugend in Haft genommen werden.

In Berlin wurden die Gefährderansprachen 2023 weitgehend eingestellt. Weil laut Aussage der Polizei nahezu wirkungslos.

Die Exekutive zeigt mit der Gefährderansprache eines: Wenn Menschen anderweitig nicht erreichbar sind, kommt sie im Zweifel auch bis an die Haustüre, um den Dialog zu suchen.

Das Prinzip hat seine Vorteile.

Und so wundert es nicht, dass auch in anderen Handlungsfeldern damit experimentiert wird. Menschen aufzusuchen, um ihnen die Folgen ihres Handelns zu verdeutlichen, ist ein Konzept.

Menschen aufzusuchen, um sie zum Handeln einzuladen, ist ein gänzlich anderes Konzept.

Die sogenannte „aufsuchende Beteiligung“ ist zwar ebenfalls deshalb entstanden, weil manche Menschen anders nicht oder kaum erreichbar sind.

Doch dabei geht es nicht um Drohungen – sondern um Angebote.

Angebote zur demokratischen Teilhabe. Und das ist durchaus ein bemerkenswerter Ansatz. Demokratie nicht nur als Anspruch zur Mitwirkung an Wahlen zu verstehen, sondern sie Menschen gleichsam hinterherzutragen, ist ein eher neues Konzept in der Partizipation.

Zu freien demokratischen Wahlen gehört traditionell eben auch die Freiheit, NICHT zu wählen. So wie Dialoge, Konsultationen und Beteiligungsprozesse zunächst einmal nur Angebote sind, die man ablehnen kann und darf.

Die Organisator*innen von Bürgerräten erleben das tagtäglich. Je nach Bevölkerungsgruppe ist oft von mehr als 20 kontaktierten Menschen nur eine Person bereit, sich tatsächlich zu beteiligen. In besonders „beteiligungsfernen“ Milieus kann die Quote auch mal mehr als 1:100 betragen.

Und als beteiligungsfern gelten viele Gruppen. Junge Menschen gehören dazu, Alleinerziehende, Menschen mit niedrigem Einkommen, niedrigem formellen Bildungsgrad, Menschen mit Migrationshintergrund, in prekären Situationen, Pflegende, Schichtarbeitende …

Die Liste der Gruppen, die in Beteiligungsprozessen oft gar nicht oder zumindest stark unterrepräsentiert sind, ist lang.

Die aufsuchende Beteiligung soll Abhilfe schaffen.

Deshalb werden neuerdings Menschen, die für einen Bürgerrat ausgelost wurden, aber auf die Einladung nicht reagieren, öfter zu Hause besucht, um sie zur Teilnahme zu bewegen.

Deshalb stehen samstags in Fußgängerzonen Infostände, an denen Passant*innen dazu eingeladen werden, ihre Meinung zu bestimmten Vorhaben in Interviews oder mit Punkten an einer Tafel zu äußern.

Deshalb stehen manchmal sogar Tische mit Stadtplänen, Hocker oder Plakatständer auf Wochenmärkten. Und daneben Menschen, die mit Interessierten ins Gespräch kommen wollen.

All das sind spannende Entwicklungen. Und sie sind durchaus erfolgreich. Aber eines sind sie nicht:

Aufsuchende Beteiligung.

Das macht solche Maßnahmen nicht weniger wertvoll. Doch in der Partizipation ist es immer wichtig, zu wissen, was man da gerade tut. Sonst passiert es schnell – und es passiert oft –, dass die eine Seite glaubt, sie hätte beteiligt. Und die andere Seite alles mögliche erlebt, aber keine Beteiligung.

Und deshalb auch keine Selbstwirksamkeit.

Das ist keineswegs banal. Denn wer Beteiligung nur simuliert, auch ohne es selbst zu bemerken, neigt dazu, tatsächliche Beteiligung weit weniger intensiv zu praktizieren, als es sinnvoll und nötig wäre.

Und wer Breite Beteiligung nur simuliert, verstetigt letztlich doch nur den Einfluss der klassisch wirksamen Milieus.

Schauen wir uns deshalb drei Beispiele einmal genauer an. Die Werbung zur Teilnahme am Bürgerrat an der Haustür ist ohne Zweifel aufsuchend. Beteiligung aber ist sie (noch) nicht.

Es ist aufsuchende Rekrutierung.

Das ist gut. Und gefährlich. Denn es gibt Gründe dafür, dass manche Menschen sich nicht gerne auf solche Formate einlassen. Weil sie befürchten, sich dort zu blamieren, weil sie nicht glauben, dort wirksam sein zu können.

Und tatsächlich fangen die Herausforderungen erst dann richtig an, wenn die aufsuchende Rekrutierung in bestimmten Milieus erfolgreich war.

Selbstbewusste Akademiker*innen, die sowieso niemand aufsuchend rekrutieren muss, sind in dialogischen Prozessen um ein Vielfaches wirksamer als Menschen, die zum Beispiel die deutsche Sprache nur rudimentär beherrschen.

Das schafft neue Herausforderungen für die gemeinsamen Prozesse. Diese sind zu bewältigen. Doch das gelingt längst nicht immer.

Unser drittes Beispiel, die Einladung zum Dialog auf dem Wochenmarkt, kann durchaus Beteiligung sein. Aber keine aufsuchende Beteiligung.

Sondern Beteiligung im öffentlichen Raum.

Klingt spitzfindig. Ist es aber nicht. Weil bei der Beteiligung im öffentlichen Raum eben oft doch wieder das Prinzip der Selbstrekrutierung gilt. Genaue jene Milieus, die selten auf Einladung kommen, reagieren auch seltener positiv auf öffentliche Ansprache.

Oft umgehen sie solche drohenden Interaktionen weiträumig. Oft werden sie gar nicht angesprochen, weil die meist unter Studierenden rekrutierten Promoter*innen an den Infoständen und Schaubildern nur rudimentär ausgebildet und motiviert sind – und deshalb bevorzugt Menschen ansprechen, die ihnen schon äußerlich kulturell ähneln.

Das zweite Beispiel habe ich Ihnen nicht unterschlagen. Es ist offensichtlich ebenfalls nicht aufsuchend. Und Beteiligung ist es auch nicht. Es ist Konsultation im Öffentlichen Raum. Kann man machen. Darf man aber nicht als Beteiligung verbuchen. Konsultation ist allenfalls eine Vorstufe davon.

Bleibt die Frage: Was hat es denn nun mit dieser ominösen aufsuchenden Beteiligung auf sich? Gibt es sie überhaupt?

Auch wenn der größte Teil dessen, was als aufsuchende Beteiligung verkauft wird, keine ist: Natürlich gibt es sie.

Sie muss nur aufsuchend sein. Und beteiligen muss sie auch. Menschen in ihrem Wohnumfeld zu besuchen, und mit ihnen Dialoge mit Wirkungsanspruch zu führen, geht. In Bildungseinrichtungen. In Seniorenwohnheimen. In prekären Wohnvierteln. Unter Berliner Brücken. Sogar an Arbeitsplätzen.

Immer dann, wenn das Format zu den Menschen kommt, in ihr Umfeld, dann ist es aufsuchend.

Es muss dann immer noch wirksame Beteiligung ermöglichen. Also nicht Konsultation, nicht Information, nicht wertschätzendes Belabern.

Sondern methodisch auf Dialog setzend. Und zwar zu den Themen, die die Menschen jeweils betreffen, die ihre Lebensumstände beeinflussen.

Mit dem Plan, über diese Beeinflussung nicht nur zu sprechen, sondern daran gemeinsam zu arbeiten – ganz bewusst nicht „breit“, sondern „eng“, genau innerhalb des Milieus, in denen diese Menschen sich bewegen und als souverän empfinden.

In ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihrer kulturellen Praxis – und zu ihren Themen.

Das ist aufsuchende Beteiligung. Sie ist möglich. Sie ist selten. Aber sie ist wichtig. Und erstaunlich oft ein wunderbares Erlebnis für Beteiligte und Beteiligende.

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