#84 | Narzissmus und Wahrheit

Die Welt scheint voll von kleinen (und großen) Narzissten. Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, was macht das mit unserer demokratischen Kultur?

Ausgabe #84 | 12. August 2021

Narzissmus und Wahrheit

Erdogan ist ein Narzisst. Boris Johnson auch. Donald Trump sowieso. Hitler war einer. Und natürlich Stalin. Auch Gaddafi.

Zumindest wenn man die Ferndiagnosen glaubt, die von Menschen formuliert werden, welche die besagten Politiker niemals getroffen haben. Seriöse Psycholog*innen sind nicht ohne Grund vorsichtig mit solchen Aussagen.

Auch und gerade dann, wenn es sich um eine „Trenddiagnose“ handelt, oder, wie der Deutschlandfunk formulierte: um die „Leitneurose unserer Zeit“.

Die psychoanalytische Theorie hat sich intensiv mit der narzisstischen Persönlichkeitsstörung beschäftigt. Sie ist natürlich erheblich komplexer und taugt im Grunde kaum zur eindimensionalen Beschreibung populistischer Politiker*innen oder Diktator*innen.

Dass es einen Zusammenhang zwischen dem Narzissmus einer Person und seiner politischen Orientierung gibt, hat erst 2018 eine Studie der Universität Leipzig belegt. In Deutschland finden sich die höchsten Narzissmuswerte bei den Anhänger*innen der AfD.

Daraus nun aber zu schließen, das ganze Problem mit der Demokratiefeindlichkeit bei bestimmten Politiker*innen und deren Wählerpotential sei im Grunde nur ein pathologisches, liegt nahe, ist aber falsch.

Denn zwischen dem, was manche eine „gesunde Portion Narzissmus“ nennen und einer Persönlichkeitsstörung gibt es erhebliche Unterschiede. Ein Stück weit stecken narzisstische Neigungen tatsächlich in uns allen, Therapiekandidat*innen sind wir deshalb noch lange nicht.

Denn Narzissmus ist ein recht vager Begriff, der fast ausschließlich alltagspsychologisch verwendet wird. Menschen, die selbstverliebt sind, die sich für besonders großartig halten, nennen wir Narzisst*innen. Und wir meinen das negativ.

Politiker*innen, die ja im Grunde immer eine großartige Meinung von sich selbst haben und auch kommunizieren müssen, um es bis an die Spitze zu schaffen, brauchen mehr als nur ein wenig Narzissmus – oder erwecken zumindest den Eindruck.

Gerade in Krisenzeiten – und wer will bestreiten, dass wir uns in einer solchen befinden – schlägt die Stunde des narzisstischen Politikerprofils. Zum einen suchen die Menschen nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen – die Antwort des narzisstischen Politikstils heißt im Grunde: „Die Antwort bin ich“.

Dabei ist es eigentlich unerheblich, ob dieses ich tatsächlich eine Persönlichkeitsstörung hat, oder nur diesen Politikstil anbietet: In beiden Fällen kommen damit zwei wichtige Grundlagen des demokratischen Diskurses abhanden: Wahrheit und Nachdenklichkeit.

Der narzisstische Politikstil in einer Krise geht in etwa so: Mit einem extrem überzogenen Selbstbewusstsein werden alle unpassenden Fakten in Frage gestellt, neue Wahrheiten kreiert, die einfach sind und dem Publikum gefallen. Politische Konkurrent*innen, die auf die Komplexität des Themas hinweisen, werden als Idiot*innen gebrandmarkt – oder es werden ihnen verbrecherische Absichten unterstellt.

Klimawandel? Gibt es gar nicht. Migration? Grenzen dicht machen. Atommüllproblem? Haben die Russ*innen längst mit einem neuen Reaktortyp gelöst, der aus radioaktivem Abfall Strom macht. Wahl verloren? Betrug. Corona? Nur eine Grippe. Impfungen? Die wollen uns nur „chipen“.

Das sind einige narzisstische Narrative aus der aktuellen Debatte. In jedem dieser Fälle ist völlig uninteressant, wie viel Narzissmus in den jeweiligen politischen Protagonist*innen steckt. Viel wichtiger ist, dass diese Narrative bei erheblichen Teilen der Bevölkerung funktionieren.

Wir alle werden Tag für Tag „zum Narzissmus verführt“.

Dazu gehört Werbung, die immer individueller auf uns zugeschnitten wird und deren Leitmotiv vom Handyvertrag bis zur Feuchtigkeitscreme immer dasselbe „habe ich mir verdient“ ist. Meinungsblasen in den asozialen Medien, die Kritik von uns fernhalten und jede noch so schräge Sicht auf die Welt bestätigen. Mediale Politikinszenierung, die Mensch und Amt nicht trennt (ein ganz wesentliches narzisstisches Motiv). Überforderte Eltern, die Bestätigungsblasen um ihre Kinder bauen …

All das fördert narzisstische Handlungsmuster und Erwartungen.

Kein Wunder, dass dies nicht nur Auswirkungen auf Wahlen hat, sondern auch auf andere Formen politischer Teilhabe. Wenn „ich will das aber nicht“ zum anerkannten Handlungsmotiv wird, kann zum Beispiel in einem Beteiligungsverfahren zum Leitungsbau lange mit den Notwendigkeiten der Energiewende und dem Klimaschutz argumentiert werdent. Beteiligungspraktiker*innen erleben das Tag für Tag.

Tatsächlich sind also mehr oder weniger narzisstische Politiker*innen nicht die wirkliche Herausforderung. Vielmehr ist es die Frage, wie resilient unsere demokratischen Teilhabeprozesse gegenüber individuellen und kollektiven narzisstischen Verhaltensweisen sind.

Aktuell sind sie es häufig nicht.

Dies liegt einerseits daran, dass wir in der Breite der Bevölkerung den demokratischen Diskurs vernachlässigt und damit ein Stück weit verlernt haben. Andererseits sind wir alle dem täglich auf uns einströmenden süßen Duft des Narzissmus ausgesetzt.

Narzisstische, gemeinwohlignorierende Reaktionen auf Belastungen werden zunehmend Praxis.

Da diese Verhaltensweisen immer dann besonders extrem werden, wenn es um konkrete Konflikte und Krisen geht, sind zum Beispiel in jüngster Zeit diverse Formate der „Zufallsbürger“ so beliebt geworden. Nicht weil auf diese Weise ausgewählte Personen weniger narzisstisch veranlagt sind, sondern weil Menschen, die sich mit Themen beschäftigen, zu denen sie nicht über persönliche Betroffenheit gelangt sind, potentiell weniger in narzisstische Diskursmuster verfallen.

Eine Lösung ist das natürlich nicht.

Demokratie ist dann stark, wenn sie Konflikte gemeinwohlorientiert anpackt, nicht umschifft. Die Beteiligung von Betroffenen ist das Grundkonzept jeder demokratischen Teilhabe, ob in Wahlen, Diskursen oder eben Beteiligungsformaten.

Wie aber kann das gelingen?

Indem man den Betroffenen „einen ordentlichen, einen richtig realitätsnahen, krassen Spiegel vorhält und nicht den, in dem sie sich gerne sehen“, wie es in dem bereits erwähnten Beitrag des Deutschlandfunks heißt?

Das wollen wir uns in der kommenden Woche genauer anschauen. Dann sprechen wir über die „Erdung“ politischer Teilhabe.

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