#75 | Demokratische Analphabeten?

Viele junge Menschen können mit Demokratie nicht viel anfangen. Ist das eine Frage der Bildung? Was müssen wir ändern?

Ausgabe #75 | 10. Juni 2021

Demokratische Analphabeten?

Irgendwie ist es noch mal glimpflich ausgegangen. Das ist zumindest die überwiegende Meinung in Medien und den meisten Parteien.

Wir sprechen von der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Dort wurde ein selbst innerhalb der AfD besonders rechtslastiger Landesverband mit über 20% der Stimmen „nur“ zweitstärkste Partei und (fast) alle zeigen sich erleichtert. So sieht unsere demokratische Wirklichkeit im Jahr 2021 aus. Zumindest an der Oberfläche.

Denn schauen wir ein wenig genauer hin, sind die Ergebnisse noch weitaus dramatischer: Nahezu in jedem Jahrgang unterhalb von 45 Jahren war die AfD stärkste Partei oder lag mit der CDU gleichauf.

Was treibt junge Menschen in Teilen Deutschlands heute dazu, mehrheitlich eine Partei zu wählen, deren zentrales Führungspersonal mit völkisch-nationalistischen und rassistischen Positionen auffällt und eng mit Alt- und Neonazis verbandelt ist?

Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist beendet, die AfD zweitstärkste Partei, aber deutlich schwächer als die CDU. Allerdings nur im Durchschnitt: Denn gerade bei den jüngeren Wählerinnen und Wählern konnte die AfD deutlich punkten. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Die Erklärungsmuster, die dazu kursieren, sind wenig überzeugend. Wenn der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, davon spricht, viele Ostdeutsche seien eben „diktatursozialisiert“ und nicht in der Demokratie angekommen, so könnte dies möglicherweise das Wahlverhalten der Älteren in Sachsen-Anhalt erklären, faktisch haben jedoch genau jene den völligen Erfolg der AfD verhindert. Dass nun ausgerechnet deren Kinder, weit überwiegend Jahre nach dem Ende der DDR geboren, von jener „sozialisiert“ worden sein sollen, scheitert schon an den Gesetzen der Logik.

Eine andere Erklärung bekam ich jüngst von einer ostdeutschen Politik-Professorin angeboten. Wir hatten eine kleine Debatte darüber, wie rechtes, „queres“, demokratieverachtendes Denken entsteht – und was die Demokratie unternehmen kann und muss, um wieder an Attraktivität zu gewinnen.

Ihre Diagnose: Es läge vor allem am „demokratischen Analphabetismus“.

Es fehle schlicht an der Kenntnis unserer elementaren demokratischen Institutionen und Prozesse. Ihre logische Schlussfolgerung: Auch die Angebote neuer Beteiligungsformate – bis hin zu den gerade beliebten Bürgerräten – bräuchte zunächst einmal eine Bildungsphase für die Teilnehmenden, um vernünftige Debatten und Ergebnisse erwarten zu lassen.

Das klingt zunächst einmal sehr attraktiv. Auch weil es uns einen vermeintlich klaren Weg aufzeigt, wie wir unsere Demokratie stärken können: Mit mehr Wissen.

Doch leider ist dieser Weg einer Sackgasse. Wer glaubt, Demokratie sei eine Frage der Bildung hat weder Demokratie noch Bildung wirklich verstanden. Dieser Ansatz hat keine Aussicht auf Erfolg. Denn:

Demokratie ist keine Frage des Wissens.

In den USA hat es eine lange Tradition, die Reihenfolge der bislang 46 Präsidenten auswendig zu lernen, abzufragen und die Unterrichtsräume mit ihnen zu dekorieren. Nummer 45 wurde dennoch ein gewisser Donald Trump. Und es ist durchaus möglich, dass er auch wieder die Nummer 47 sein wird.

Wenn unsere Schülerinnen und Schüler also in Zukunft die Liste unserer ehemaligen Bundeskanzler*innen aufsagen, die Rolle des Bundespräsidenten erklären und souverän die D’Hondtsche Höchstzahl genauso erläutern, wie das Kumulieren und Panaschieren, wird das die Wahlergebnisse kaum verändern. Denn:

Demokratie ist keine Frage des Wissens – sondern der Haltung.
Demokratische Haltung ist in der Tat keine Frage des Wissens. Sie ist aber auch keine genetische Disposition. Sie kann nicht gelehrt und durch Klausuren gefestigt werden. Sie ist keine Frage des Lehrens, sehr wohl aber eine des Lernens.

Demokraten werden wir aus Erfahrungen. Weil wir als akzeptierte Mitglieder einer Gemeinschaft Respekt und Selbstwirksamkeit erfahren. Weil wir lernen, im respektvollen Konflikt mit anderen unsere Interessen zu artikulieren und Lösungen anzustreben. Das müssen wir erleben, reflektieren und so die Sicherheit gewinnen, dass dies der Weg ist, indem wir in einer freien Gesellschaft Gemeinwohl generieren.

Es ist also durchaus eine Frage unseres Bildungssystems. Wenn wir in Ländern wie Sachsen-Anhalt nachhaltig über Jahre hinweg zu großen Teilen Wähler*innen mit Präferenzen für demokratieverachtende Positionen produzieren, dann müssen wir dieses Bildungssystem kritisch hinterfragen. Mehr Politik-Wissen in den Lehrplan zu schreiben, wird da aber nicht genügen.

Beteiligungspraktiker*innen wissen, dass Belehrungen zum Anfang von Beteiligungsprozessen die Debatten ganz schnell ins Kippen bringen können. Auch Lehrer*innen wissen, dass Betragensnoten keine besseren Menschen produzieren. Warum sollten dann Demokratienoten bessere Demokrat*innen produzieren?

Es geht nicht darum, Demokratie zu lehren und zu prüfen. Es geht darum, Demokratie zu erleben. Dazu gehören Diskurse, Debatten, aber eben auch demokratisch getroffene Entscheidungen über viele Alltagsfragen im schulischen Kontext. Es geht um demokratische Wirksamkeit der Schüler*innen in ihrem schulischen Alltag. Doch das sind wir nicht gewöhnt. Bereits der Gedanke daran irritiert uns.

Stattdessen praktizieren wir noch heute ein Schulkonzept, das in all seinen Grundlagen noch aus dem Kaiserreich stammt. Wir können wir da ernsthaft glauben, dass wir so Demokrat*innen produzieren?

Wenn wir langfristig eine starke Demokratie wollen, dann müssen wir demokratische Haltung von den jungen Menschen nicht einfordern, sondern sie ihnen ermöglichen. Dann müssen wir Selbstwirksamkeit ermöglichen und Autorität hinterfragen lassen. Dann müssen wir über Lehrpläne sprechen, über die Lehrer*innenausbildung, vor allem aber: Über das Konzept Schule.

Über ein neues, ein demokratisches Konzept von Schule.

Wie das aussehen kann, darüber sprechen wir in einigen der folgenden Ausgaben von demokratie.plus. Ihre Gedanken dazu interessieren mich – wie immer – sehr.

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Claudia Schleicher
10. Juni 2021 17:11

Sie sprechen mir so aus dem Herzen! In NRW erlebe ich an der Grundschule meiner Tochter, dass die Zusammenarbeit mit Eltern, selbst der Schulpflegschaft sich allein auf die Organisation von Weihnachtsbasaren u.ä. bezieht; wesentliche Themen (Umbauten von Schulen, pädagogische Konzepte etc.) werden außen vor gehalten bzuw. nur mitgeteilt (wenn überhaupt), obwohl es wohl wenig im Sinne des NRW-Schulgesetzes ist. Und Teilhabe der Schüler? O-Ton der Klassenlehrerin: “Wie kommen Sie denn darauf, dafür sind die doch noch viel zu jung.” Auweia! Bildungskonzepte entsprechen exakt dem, was ich selbst vor 40 (!) Jahren als Schülerin erlebte – derselbe Drill ohne jede Inspiration oder Engagement. Das Schlimmste daran ist, dass ich den Eindruck habe, dass die Schulleitung und die Lehrerschaft es garnicht anders können – denn sie haben es selbst nie gelernt (oder vielleicht hat das Schulsystem es ihnen auch wieder abtrainiert?)! Sie administrieren nur und setzen um, was ihnen vorgesetzt wird; einen bildungsauftrags- und zeitgemäßen, dem STand der Erkenntniswissenschaften entsprechenden Gestaltungsanspruch erlebe ich nicht. Und dabei will ich noch nicht einmal böse Absichten unterstellen, es ist schlicht UNVERMÖGEN.
Auf Ebene des Landesministeriums und der Schulträger fehlt eine Repräsentanz von Eltern (und Kindern) gleich ganz. Es gibt nur selbstgegründete Vereine, deren Einfluss damit begrenzt ist. Wo bleibt da die Einbeziehung der Betroffenen? Die Gewaltenteilung? Demokratie? Diese Konstruktion erklärt eine MENGE, warum die Zustände so sind, wie sie sind.
Wie kann man da endlich Bewegung hineinbringen? Ich stehe als Mutter und Bürgerin ohnmächtig und finde keinen Zugang, mich einzubringen. Sollten wir die Fridays For Future-Bewegung auf die Bildung erweitern?!

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