#125 | Irgendwas mit Medien

Das Vertrauen in guten Journalismus schwindet. Und er kann nichts dafür.

Ausgabe #125 | 26. Mai 2022

Irgendwas mit Medien

Als ich in den frühen 80ern des vergangenen Jahrhunderts in meinem allerersten Politik-Seminar an der Uni saß, fragte der Professor nach unseren Berufswünschen.

Es war die Zeit der großen gedruckten Leitmedien. SPIEGEL-Artikel kamen oft ohne Bilder aus. Wortschatz, Satz- und Artikellänge lagen etwa um das Dreifache über der heutigen Norm. Politische Journalist*innen waren hoch angesehen und Intellektuelle, die etwas auf sich hielten, verbrachten den halben Samstag mit dem Studium der ZEIT. Journalist*in zu sein, galt als ebenso ehrbarer wie erstrebenswerter Beruf.

Kein Wunder also, dass von den knapp 20 Erstsemestern nahezu alle bekannten, eine Tätigkeit im Journalismus anzustreben. Ich antwortete damals ebenso ehrlich wie peinlich mit:

„Keine Ahnung.“

Über zehn Jahre später hatten wir unser erstes Alumni-Treffen. Diejenigen von uns, die das Studium abgeschlossen hatten, waren in Dutzenden von Berufen tätig. Manche blieben an der Uni, andere arbeiteten für Verbände, Abgeordnete oder PR-Agenturen. Einer fuhr tatsächlich Taxi, zwei verkauften Versicherungen und eine hatte Papis Baumarkt übernommen. Ein einziger von uns hatte tatsächlich ein Volontariat bei einer Tageszeitung absolviert.

Und das war ich.

Wir alle kennen die Verkettung mehr oder weniger glücklicher Zufälle, die letztlich Karrieren und Lebensläufe bestimmen. Fast nie laufen sie, wie von uns (oder unseren Eltern) geplant. Insofern überrascht es nicht, dass die Berufswünsche vieler junger Menschen heute eher weniger konkret sind als in meiner damaligen Generation.

Geblieben ist die Faszination für die Presse.

Was damals der (politische) Journalist bzw. die Journalistin war, ist heute „Irgendwas mit Medien“. Denn die Medienlandschaft hat sich fundamental verändert. Mit dem Internet sind völlig neue Medien und damit völlig neue Berufsbilder entstanden. Das ist der eine Faktor, der andere ist: Nie war es leichter, „interessengeleitete Medien“ ins Leben zu rufen. Dabei gibt es zwei an Umfang und Einfluss noch immer zunehmende Medienarten:

Einerseits die Medien mit konkreter Agenda. Zwar hat heute keine der im Bundestag vertretenen Parteien noch ein klassisches Parteiorgan in Form einer eigenen Tageszeitung, aber es gibt zugleich unzählige Medien, die konkrete politische Aufträge verfolgen. Nicht alle, aber die meisten, sind online. Und viele von ihnen machen ihre politische Agenda nicht transparent.

Andererseits nehmen Medien an Bedeutung zu, welche die klassische Trennung von Werbung und Journalismus nicht mehr praktizieren oder gleich ganz auf gekaufte Inhalte setzen.

„Influencer“ ist zwischenzeitlich einer der am häufigsten zu hörenden Berufswünsche. Tatsächlich ist diese Gruppe für große Teile der jungen Generation eine primäre Informationsquelle bei der Entwicklung ihres Weltbildes.

In dieser neuen Medienlandschaft sind klassische Journalist*innen mit klassischem Berufsethos zunehmend von Marginalisierung bedroht. In der Medienrezeption von immer mehr Menschen haben sie nur noch eine untergeordnete Bedeutung.

Zugleich spielt in den interessengeleiteten und den käuflichen Medien die Wirklichkeit kaum noch eine Rolle. Wahrheiten werden selektiert, ignoriert und manipuliert, bis sie mit den jeweiligen Botschaften kompatibel sind.

Das bleibt den Menschen letztlich nicht verborgen.

Doch für eine Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Qualität und Bullshit braucht es Kompetenzen und Ressourcen. Darüber verfügen nur Wenige. Und so ist es kein Wunder, dass einerseits immer mehr junge Menschen „Irgendwas mit Medien“ machen wollen – zugleich aber der Respekt gegenüber gutem Journalismus immer mehr unter die Räder kommt.

Seriösen Journalist*innen ergeht es letztlich ebenso wie seriösen Politikern: Von beiden gibt es gar nicht so wenige, aber sie haben es immer schwerer, Interesse und Akzeptanz für ihre Arbeit zu finden.

Vor diesem Hintergrund ist der in diesem Jahr zum dritten Mal ausgelobte Medienpreis Vielfältige Demokratie ein spannendes Schaufenster für echte journalistische Qualität zu politischen Themen. Zum dritten Mal durfte ich die Auswahl der drei Finalisten betreuen.

Mit diesem Preis werden Journalist*innen öffentlich ausgezeichnet und gewürdigt, die sachbezogen, umfassend, objektiv und verständlich aktuelle Themen der demokratischen Beteiligung aufgreifen, sorgfältig recherchieren und einer breiten Öffentlichkeit nahebringen.

Bei der Auswahl der Preisträger*innen achtet die Allianz Vielfältige Demokratie darauf, dass die Beiträge unbeeinflusst von Auftraggeber*innen, Anzeigenkund*innen, Verlagen, politischen Parteien und anderen gesellschaftlichen Gruppen, Behörden und Wirtschaft entstanden sind. Sachverhalte müssen unverfälscht dargestellt sein.

Weder interessengeleitete noch gekaufte Beiträge haben also bei diesem Preis eine Chance.

Die endgültigen Preisträger*innen werden Ende Juni verkündet – die Mitglieder der gleichnamigen Allianz Vielfältige Demokratie wählen diese aus den drei Nominierten aus.

Aber schon heute lohnt sich der Blick auf die drei Beiträge, die es aus einer Anzahl von über 150 Vorschlägen in die letzte Runde geschafft haben:

Bundesweite Volksentscheide? Was dann?

Was wäre, wenn bundesweite Volksentscheide künftig zu allen Themen möglich wären? Wenn die Bevölkerung beispielsweise über Tempolimits auf Autobahnen und deutschlandweite Klimaschutzmaßnahmen abstimmen dürfte? Haben wir dann mehr Einfluss auf die Politik? Oder hätten Konzerne mit viel Geld und populistische Stimmen mehr Einfluss? Diesen Fragen gehen die beiden Korrespondenten Vera Wolfskämpf und Justus Kliss aus dem ARD Hauptstadtstudio in Berlin nach und suchen im Zukunfts-Podcast der tagesschau zusammen mit Expertinnen und Experten nach Antworten.

Die vollständige Podcast-Folge zum Hören

Die Suche nach dem Endlager – eine never ending Story?

Auch wenn das Ende der Kernenergie in Deutschland besiegelt scheint, ist die Frage nach der Endlagerung des Atommülls noch immer ungeklärt. Wo sollen und können die großen Mengen an radioaktiven Abfällen dauerhaft gelagert werden? Vielerorts wird darüber gestritten, insbesondere in den Regionen, die nach derzeitigem Kenntnisstand für ein Endlager infrage kommen könnten. Wie schwierig sich der Prozess gestaltet und mit welchen Hürden sich die Bürgerinnen und Bürger vor Ort konfrontiert sehen, zeigt der Bericht von Alexandra Endres.

Der vollständige Beitrag als PDF

Zeit für Local Heroes

Bürgermeisterinnen und Kommunalpolitiker arbeiten in Städten und Gemeinden an der Basis der Demokratie – ganz egal, welcher Partei sie angehören. Zumeist wirken sie ehrenamtlich und fast immer mit hohem Einsatz. Für ihr Engagement bekommen sie nicht nur Anerkennung und Lob. Im Gegenteil. Vielfach werden sie angefeindet oder bedroht. Dem widmet sich das crossmediale Doku-Projekt „Zeit für Local Heroes“: Ein Reporter-Team von rbb und BR begleitete für ein Jahr die Arbeit von Kommunalpolitiker*innen in ganz Deutschland und zeigt, warum sich Engagement an der Basis der Demokratie lohnt – trotz angespannter Lage. Sie sind auch dann dabei, wenn die Politikerinnen versuchen, mit den Bürgern in Austausch zu treten, damit die ihre Sorgen und Wünsche loswerden können. Doch viele Bürger scheinen nur Interesse daran zu haben, Dampf abzulassen und wollen gar nicht mitgestalten. Beteiligung vor Ort ist deshalb eine große Herausforderung an Kreativität, Geduld – und Leidensfähigkeit.

Die beispielhafte Folge 6 der Reihe „Wir müssen reden!“

Alle drei Beiträge beschäftigen sich mit Fragen der politischen Teilhabe, alle drei schauen genau hin. Sie greifen Themen auf, die eine hohe Relevanz für unsere Demokratie haben und werden ihrer jeweiligen Komplexität gerecht.

Alle drei Beiträge zeigen, dass es auf große Fragen keine einfachen Antworten gibt, sondern das es oft mühsamer, schmerzhafter und langfristiger Prozesse bedarf, um Demokratie zu stärken.

Vor allem aber zeigen Sie, dass Demokratie nie nur aus schwarz oder weiß besteht. Dazwischen gibt es auch viele Grautöne.

Und in einer tatsächlich vielfältige Demokratie vor allem auch sehr viel Farbe.

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