Ausgabe #330 | 30. April 2026
Nilpferdgeschichten
Vielleicht liegt es daran, dass Nilpferd und niedlich sich die ersten beiden Buchstaben teilen?
Niemand weiß es so genau, doch die Zahl netter Nilpferde in deutschen Kinderbüchern ist nahezu grenzenlos.
Ob „Nilpferd Stella träumt vom Tanzen“, „Milo das Nilpferd“ oder „Das Nilpferd, das einen Hut umarmte“: Stets finden wir in Medien für Kinder die gleichen Stereotypen.
Sie sind liebenswert, gemütlich, nett, etwas langsam und ziemlich tollpatschig. Sie sind geschickt im Wasser und träge an Land.
Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein.
Nilpferde sind schnell. Richtig schnell. Und das auch an Land. Sie können bis zu 30km/h rennen, und so die meisten Menschen locker einholen.
Nilpferde verbringen zwar den größten Teil des Tages im Wasser, aber schwimmen können sie nicht.
Nilpferde sind bissig, mit ihren großen Zähnen können sie locker menschliche Beine durchbeißen.
Nilpferde sind aggressiv. Sie töten jährlich etwa 500 Menschen in Afrika (20 mal mehr als Löwen) und gelten deshalb als die gefährlichsten Tiere des Kontinents.
Nilpferde sind fies. Bullen töten immer wieder fremden Nachwuchs.
Die süßen Nilpferde aus den Kinderbüchern sind also pure Fantasie.
Insofern passt der Name für einen Effekt, den wir heute näher betrachten wollen, sehr gut: Er heißt nicht Nilpferd, sondern HIPPO-Effekt, abgeleitet aus dem biologischen Gattungsnamen Hippopotamus.
Zugleich steht HIPPO als Akronym für „Highest Paid Person’s Opinion“.
Darum geht es: Erstaunlich oft findet die Meinung (opinion) der bestbezahlten (highest paid) Person bei einer Entscheidung mehr Beachtung, weil diese per se einen höheren Wert hat.
Der Wert der Meinung wird also mit dem Gehalt der Person verknüpft, die besagte Meinung äußert. Je höher das Gehalt, desto wichtiger die Meinung.
Als Begriff wurde der HIPPO-Effekt erstmalig vermutlich von Avinash Kaushik 2007 in seinem Buch „Web Analytics: An Hour a Day“ verwendet. Kaushik argumentiert, dass der Effekt insbesondere dann auftritt, wenn es keine validen Daten gibt, die eine Entscheidung maßgeblich beeinflussen.
Dabei ist die Gehaltsstufe eher ein Indikator für den sozialen Status. In Unternehmen ist beides meist deckungsgleich, in zivilgesellschaftlichen Gruppen, wird der Status auch durch andere Faktoren bestimmt. Geschlecht, Alter, politische Funktionen, öffentliche Bekanntheit, beruflicher Status, aber auch ethnische Zugehörigkeit spielen hinein.
In beiden Zusammenhängen aber ist der Faktor regelmäßig zu beobachten: In freien Debatten zu offenen, nicht zwangsläufigen Entscheidungen sind die Einflüsse eben nicht gleich.
Da Menschen mit höherem sozialen Status meist auch bessere rhetorische Kenntnisse haben, liegt es nahe, dass dies der entscheidende Faktor sein könnte.
Es ist ein Faktor, aber eben nicht der einzige. Denn die HIPPOS im Raum sprechen oft sehr viel weniger als andere – und doch erhalten sie auch bei kurzen Interventionen viel Zustimmung.
Tatsächlich ist der HIPPO-Effekt besonders in der Beteiligung in hierarchischen Organisationen, also zum Beispiel in Unternehmen, ein sehr problematischer Faktor.
Deshalb gibt es das Konzept der „Qualität durch Hierarchiefreiheit“, das uns hilft, Gute Beteiligung auch in solchen Kontexten zu organisieren. Es wird in diesem ePaper ausführlich vorgestellt.
Vereinfacht gesagt bedeutet dies: Soll Beteiligung in hierarchischen Organisationen funktionieren, muss die Hierarchie raus aus dem Raum.
Das ist mehr als die bloße Abwesenheit von Vorgesetzten. Es braucht zusätzlich Formate, die zumindest befristet „enthierarchisieren“, eine entsprechend geschulte Moderation, die Wertschätzung von individuellen Beiträgen und die Aufwertung von „hinterfragen“ gegenüber „funktionieren“.
Wer in Unternehmen beteiligt, kommt um den HIPPO-Effekt nicht herum.
Aber auch in der zivilgesellschaftlichen Beteiligung sind wir gut beraten, beim Design des Prozesses zumindest kurz daran zu denken. Denn dort geht es uns ja genau darum, nicht exakt jene wieder dominieren zu lassen, die schon in den klassischen politischen Prozessen überproportional wirksam sind.
Was also können wir tun?
Zunächst einmal macht es auch hier Sinn, die späteren Entscheider*innen, Bürgermeister*innen, Amtsleiter*innen, Politiker*innen nicht aktiv an den eigentlichen Diskursen teilhaben zu lassen. Eine wertschätzende Begrüßung ist sehr gut, eine Übergabe der Ergebnisse eine gute Idee, eine Anhörung bzw. Befragung als Experten kann sinnvoll sein. Eine permanente Mitwirkung ist es nicht.
Dazu kommen Formate, die insbesondere zu Beginn verhindern, dass einzelne Akteure sich und ihren sozialen Status dominant manifestieren können. Gerade bei breiten, inhomogenen Beteiligungsgruppen (die wir ja meist anstreben) verzichten wir deshalb auf Selbstvorstellungen, sondern setzen auf wechselseitiges Kennenlernen und Vorstellen.
Und wir starten in solchen Fällen nie mit allgemeinen Runden im Stil von „Jetzt sagt jeder mal, was er dazu meint“, sondern nutzen zum Beispiel Formate des Creative Writing.
Wenn wir offene Debatten haben, versuchen wir, den identifizierten HIPPOs nicht zu Beginn und nicht zu oft das Wort zu erteilen. Zum Beispiel durch die Regel, dass die zweite Wortmeldung erst aufgerufen wird, wenn es keine ersten Wortmeldungen mehr gibt.
Und wenn wir trotz allem bemerken, dass der HIPPO-Effekt wirksam zu werden droht? Dann konfrontieren wir die Gruppe genau damit, erklären ihr und besprechen gemeinsam, wie wir sensibel damit umgehen.
Was wir aber nicht tun sollten: den HIPPO-Effekt ignorieren. Denn schließlich ist die unterschiedliche Wirksamkeit von Menschen einer der Gründe, warum wir Beteiligung organisieren.
Beteiligung, die genau das unreflektiert reproduziert, brauchen wir nicht.
Deshalb gilt:
Gute Beteiligung hat die HIPPOs im Blick.