#329 | Das Scherbengericht

Gute Beteiligung kann mehr als viele denken: Zum Beispiel überflüssige Projekte und Aktivitäten lokalisieren.

Ausgabe #328 | 16. April 2026

Das Scherbengericht

Wir wissen, dass viele Elemente unserer heutigen Demokratie Bezüge zur attischen Demokratie haben. Sie hatte ihren Höhepunkt etwa im 5. Jahrhundert vor Christus, also vor rund 2.500 Jahren.

Deshalb interessieren archäologische Funde in Athen nicht nur Historiker, sondern auch Menschen, die heute Demokratie gestalten.

Solche Funde gibt es reichlich.

Oft erschließt sich deren Bedeutung erst nach längeren Bemühungen, so wie beim Kleroterion – einer großen Steinplatte, in der sich in mehreren Spalten angeordnete Schlitze befanden.

Heute wissen wir, dass es sich dabei um eine antike Losmaschine handelt, bei der zufällig Bürger bestimmt wurden. In der Regel im Rahmen von Gerichtsprozessen.

Denn in der attischen Demokratie grassierte die Korruption. Und die Auslosung von Richtern sollte Absprachen in Prozessen verhindern oder zumindest erschweren.

Andere Funde erweckten zunächst den Eindruck, man habe eine antike Mülldeponie ausgegraben. Immer wieder wurden ganze Berge von Scherben gefunden. Tausende sind es inzwischen. Und sie sind beschriftet.

Aus literarischen Quellen wissen wir heute sehr genau, dass es sich um Überbleibsel eines Partizipationsprozesses handelt, der auf den ersten Blick etwas seltsam erscheinen mag.

Der sogenannte Ostrakismos war ein sehr spezifisches Wahlverfahren. Als Stimmzettel wurden Bruchstücke von Tongefäßen verwendet. Diese Tonscherben hießen auf griechisch Ostrakon.

Der Prozess selbst war mehrstufig.

Einmal im Jahr, in etwa im heutigen Januar, stimmte die Volksversammlung in Athen ohne vorherige Aussprache darüber ab, ob ein Scherbengericht stattfinden sollte.

Wurde es beschlossen, so wurde ein Termin für das Scherbengericht angesetzt.

Dort mussten mindestens 6.000 Stimmberechtigte anwesend sein. Jeder konnte auf seine „Stimmscherbe“ schreiben, wen er aus der Stadt verwiesen sehen wollte. Verbannt wurde nach durchgeführtem Ostrakismos jeweils nur einer, und zwar derjenige, gegen den die Mehrheit der mindestens 6000 Stimmen gerichtet war.

Er musste innerhalb von zehn Tagen für zehn Jahre in die Verbannung gehen, unter Androhung der Todesstrafe im Fall der vorzeitigen Rückkehr. Er behielt sein Eigentum und konnte nach Ablauf der Frist wieder als vollwertiger Bürger zurückkehrten.

Im alten Athen war der Ostrakismos als Konzept der Resilienz ein Faktor zur Stärkung der Demokratie, weil erbitterte Fehden so entschärft werden konnten – und weil allein schon das Wissen um dieses Risiko in der Lage war, politische Akteure zu mäßigen.
Historiker betrachten den Ostrakismos heute aus unterschiedlichen Perspektiven. Sicher ist aber eins:

Er war ein ungewöhnlicher Ansatz der „negativen Wahl“.

Ähnliche Konzepte finden in der Wirtschaft zunehmend Freunde. Vor allem in großen Konzernen besteht die ständige Gefahr der „Projekteritis“. Immer mehr neue Projekte binden Ressourcen.

Bei vielen Projekten ist irgendwann klar, dass sie scheitern werden oder zumindest keinen vertretbaren Mehrwert generieren. Und doch werden sie fortgeführt, weil Karrieren daran hängen, keiner Verantwortung für ein Scheitern übernehmen will oder schlicht keine Prozesse vorgesehen sind, um solche Projekte zu lokalisieren und zu eliminieren.

Dazu kommt der sogenannte Endowment-Effekt.

Der Endowment-Effekt beschreibt ein kognitives Vorurteil: Menschen neigen dazu, Dingen, die ihnen gehören oder an denen sie mitgewirkt haben, einen höheren Wert beizumessen, als objektiv gerechtfertigt wäre.

Die Antwort darauf lautet: Regelmäßig prüfen Unbeteiligte, ob ein Produkt, ein Projekt, eine Aktivität Sinn ergeben oder besser eingestellt werden.

In Unternehmen sind das oft externe Berater. Manche haben aber auch eigene Kommissionen. In anderen Unternehmen gibt es die Vorgabe von oben an einzelne Bereiche, pro Quartal mindestens ein Projekt zu “beerdigen“.

In dem von mir mitbegründeten IT-Unternehmen Syscom feierten wir sogar alle drei Monate formelle „Beerdigungs-Partys“, bei denen wir Projekte und die Beteiligten wertschätzten – dann aber gemeinsam den Stecker zogen.

In nahezu allen Unternehmen gibt es solche lebenden Projektleichen. Auch in vielen Organisationen und Institutionen – ebenso in zahlreichen Verwaltungen.

Deren Identifizierung – und die Legitimation zu deren Beerdigung – sind tatsächlich ein wundervoller Beteiligungsgegenstand.

Denn Mitarbeitende, Mitglieder und Aktive wissen meist viel besser als die Führungsebene, welchen Ballast die Institution mitschleppt.

Regelmäßig, ob quartalsweise oder jährlich, in einem Beteiligungsformat Kandidaten zu sammeln und gemeinsam zu befinden, wie deren Zukunft aussieht, kann vieles bewirken:

Es spart Ressourcen und schafft Bewusstsein für deren Wert.

Es drückt Wertschätzung gegenüber jenen aus, die Sinn in ihrer Arbeit sehen wollen.

Es fördert ein gemeinsames Verständnis für die Ziele und Werte der Institution.

Dafür müssen nicht möglichst viele Projekte „verbannt“ werden. Es reicht, wenn es jedes Mal nur eines ist. Wie beim Ostrakismos.

Denn die Botschaften sind wichtig. Die Erkenntnis, dass immer mehr nicht immer besser ist.

Und dass Beteiligung das korrigieren kann.

Abonnieren
Benachrichtige mich bei

0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments
Weitere Ausgaben