Ausgabe #334 | 28. Mai 2026
Die müde Gemeinde
Marienthal ist der Name einer Arbeiterkolonie, in der Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde.
Der Anlass war, wie so oft, ein Drama.
Die Textilfabrik Marienthal entstand ab 1830 im Bereich der heutigen Gemeinde Gramatneusiedl in Niederösterreich, nicht weit von Wien entfernt.
Die Textilfabrik wuchs und gedieh. Eine eigene Spinnerei entstand, auch eine Weberei, Druckerei und eine Bleiche.
Viel Geld wurde mit Uniformen verdient. Der Erste Weltkrieg war eine Quelle für Profit und Wohlstand der Besitzer*innen.
Rund um die Fabrik entstand eine Siedlung für die Arbeiter*innen und ihre Familien. Die Arbeit war hart und beschwerlich, das Einkommen aber sicher.
Bis Ende der 20er Jahre die Weltwirtschaftskrise auch in Marienthal ankam.
Im Januar 1930 wurde das Werk schließlich ganz geschlossen. Über Drei Viertel der Familien vor Ort verloren ihre Lebensgrundlage.
Eine Katastrophe für die Betroffenen, eine Chance für die Wissenschaft.
Unter Leitung des Wiener Sozialpsychologen Paul Felix Lazarsfeld machte sich ein Team von mehr als einem Dutzend Wissenschaftler*innen auf den Weg nach Marienthal.
In dem nah gelegenen und doch weitgehend isolierten Sozialraum untersuchten sie über Monate hinweg, was die Arbeitslosigkeit bei den Betroffenen auslöste.
Dabei kam ein komplexer Mix von Methoden zum Einsatz.
Die Forscher*innen kombinierten qualitative mit quantitativen Methoden der Sozialforschung: Haushaltserhebungen, Fragebögen, Interviews, Gespräche, Tests. Dazu teilnehmende und verdeckte Beobachtungen.
Als die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ im Juni 1933 erschien, räumte sie mit einigen Vorstellungen der Zeit über die Folgen von Arbeitslosigkeit auf.
Insbesondere in Kreisen der Linken herrschte damals die Überzeugung, dass Arbeitslosigkeit fast zwangsläufig früher oder später zur Revolution führen würde.
Die Sozialwissenschaftler*innen kamen zu ganz anderen Ergebnissen.
Sie beobachteten vor allem einen Verlust des Selbstwertgefühls, Vereinsamung, Resignation und Apathie.
Die Autoren sprachen deshalb auch von der „müden Gemeinde“.
Der komplexe Methodenmix ihrer Studie war ebenso innovativ wie die Erkenntnisse spektakulär.
Doch die Studie erschien zur falschen Zeit.
Die zentralen Mitglieder der Forschungsgruppe waren Juden und Jüdinnen und mussten emigrieren, als die Nazis an die Macht kamen und Österreich 1938 ans Reich angeschlossen wurde. Die Studie verschwand wie so viele Werke aus den Bücherregalen.
Erst in den 70er Jahren wurde sie wiederentdeckt, erschien auch auf Englisch und gilt heute als ein Klassiker der Soziologie.
Insbesondere das Format der teilnehmenden Beobachtung fasziniert bis heute viele Forschende.
Es geht auf den polnischen Sozialanthropologen Bronisław Kasper Malinowski zurück, der zwischen 1915 und 1928 bei den Einwohnern der Trobriand-Inseln lebte und über sie berichtete.
Teilnehmende Beobachtung misst nicht nur quantitativ, sondern lebt von der persönlichen Anwesenheit des Forschenden. Er kann an den Interaktionen selbst aktiv teilnehmen, sie sogar initiieren – oder versuchen, sich still im Hintergrund zu halten.
Heute wird bei teilnehmender Beobachtung meist die stille, minimalinvasive Teilnahme bevorzugt, weil sie Verfälschungen durch eigene Aktionen minimiert.
Sie ist nach wie vor beliebt in der Ethnologie, aber auch ein starkes Evaluationstool für Sozialwissenschaftler.
Genau das macht die teilnehmende Beobachtung auch für die Bürgerbeteiligung interessant.
Ganz besonders dann, wenn dort Beteiligungsveranstaltungen zeitnah evaluiert werden sollen, um gegebenenfalls noch während eines Prozesses nachzusteuern.
Natürlich lassen sich viele Reaktionen auch über Fragebögen und Interviews erfassen.
Doch bietet die teilnehmende Beobachtung neben diesen beiden Formaten als drittes Tool die besondere Chance, spontane Reaktionen zu lesen, die essenziell für eine erfolgreiche Beteiligung sein können.
Wie reagieren Teile der Beteiligten auf bestimmte Informationen, auf die Moderation, auf Input der Expert*innen, auf Beiträge anderer Beteiligter? Wie intensiv sind sie dabei? Wann steigen sie aus? Wann ist Frustration, gar Resignation erkennbar, die aber nicht laut artikuliert wird?
Die Methode ist gut geeignet, um bei längeren Prozessen eine eigenständige formative Evaluation vorzunehmen.
Die formative Evaluation unterscheidet sich von der summativen Evaluation eben genau dadurch, dass sie schon während des Prozesses Erkenntnisse liefert, die ein Nachsteuern und Verbessern ermöglicht.
Schade eigentlich, dass formative Evaluationen in der Beteiligung noch immer Seltenheitswert haben.
Sicher, es ist gut, hinterher zu wissen, warum etwas nicht funktioniert hat.
Noch besser ist es aber, rechtzeitig zu wissen, was wir ändern müssen, damit es funktioniert.
Denn gute Bürgerbeteiligung lernt aus Erfahrung. Und am besten, noch während sie diese Erfahrung macht.