Ausgabe #335 | 4. Juni 2026
Die private Stadt
Vergangene Woche haben wir die Geschichte der Arbeiterkolonie Marienthal kennen gelernt.
Die Idee solcher kommunalen Strukturen ist alt. Spezifische Siedlungen für spezifische Bewohner, oft ökonomisch motiviert, gab es schon im alten Ägypten.
Auch wenn die Idee nicht neu ist, so gibt es doch eine neue Variante.
Und zwar eine, die sich qualitativ ganz erheblich von dem unterscheidet, was wir bislang kennen.
Schon in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schuf die Walt Disney Corporation in Florida eine eigene Stadt für 11.000 Einwohner*innen.
Ein wenig erinnert die Architektur der Stadt Celebration auch an die Disney Vergnügungsparks. Doch hier sollten Menschen dauerhaft leben.
Wie im Paradies, gut gesichert und bewacht, ohne Angst vor Kriminalität, ohne Obdachlose, ohne die in den USA überall sichtbare Armut.
Doch dieses Leben hatte einen Preis.
Das betrifft nicht nur die hohen Kosten für den Erwerb eines Hauses in Celebration – sondern auch das ganz eigene Regelwerk, dem sich alle Bewohner*innen unterwerfen mussten.
Zum Beispiel waren in Celebration keine gewählten Bürgermeister vorgesehen, auch kein Stadtrat. Disney nahm den Bewohnern viel ab.
Auch die Demokratie.
Zudem gab Disney als Eigentümer der Stadt ein 70 Seiten starkes Regelbuch an Neuankömmlinge heraus. Festgelegt war, welche Pflanzen in den Vorgärten blühen durften, wie hoch der Rasen wachsen durfte und welche Farbe die Vorhänge haben mussten.
Demokratie war in der von Platon inspirierten Struktur einer perfekten Dienstleistungsgesellschaft nicht vorgesehen.
Und genau daran scheiterte das Projekt letztlich. Denn für Frust gab es keinen Kanal, keine Chance, Probleme anzupacken und gemeinsam zu lösen.
Der Streit begann schon im ersten Jahr – es ging um die Lehrmethoden der Schule. Schnell eskalierte der Konflikt, weitere kamen hinzu. In der Zeit demokratischer Strukturen endete jeder Konflikt regelmäßig damit, dass Unzufriedene und Unterlegene die Stadt wieder verließen.
Schnell verlor Disney die Freude am Projekt, schon 2004 wurde die ganze Stadt an einen Investor verkauft, in der Finanzkrise 2008 kollabierte die Struktur.
Heute wirkt Celebration eine eher normale, wie üblich leicht heruntergekommene amerikanische Kommune. Ohne dickes Regelwerk, ohne Einheitsrasen, mit Gewalt und Mord.
Die Idee der perfekten, demokratiebefreiten Stadt in Celebration ist gescheitert.
Das könnte das Ende der Geschichte sein, doch aktuell erlebt Celebration Neuauflagen, in ganz anderen Dimensionen, finanziert von Superreichen, überall in der Welt.
Oft werden bewusst Regionen in armen Staaten ausgesucht, wie beispielsweise in Honduras, wo nach dem Putsch von 2009 alles angerichtet ist für solche Projekte.
Eines dieser Projekte, die gerade errichtet werden, ist Próspera. Dahinter steckt u.a. der umstrittene Investor Peter Thiel (Paypal).
Aus den Erfahrungen von Disney hat man gelernt: Auch in einer solchen Kommune muss Wirksamkeit angeboten werden.
Aber nur für jene, die es sich leisten können.
Próspera soll von einem Rat aus neun Mitgliedern regiert werden, von denen vier vom Betreiberunternehmen ernannt werden. Landbesitzer erhalten pro Quadratmeter Land eine Stimme und wählen zwei Mitglieder des Rates, die Einwohner wählen zwei. Ein sogenannter technischer Sekretär leitet die Stadt. Beschlüsse werden mit einer Mehrheit von zwei Dritteln gefasst, was der Betreiberfirma ein Vetorecht verschafft. Dafür ist vorgesehen, unverbindliche Beteiligungsformate zu aktuellen Themen anzubieten.
In Próspera sollen Gesetze und Rechtsprechung von Honduras nicht gelten, sondern das Regelwerk des Betreibers. Auch Polizei und Justiz sollen an private Unternehmen ausgelagert werden.
Im Gegenzug gibt es dafür nur geringe Steuern.
Es gibt kein Zuzugsrecht, sondern einen „Bewerbungsprozess“. Ausgeschlossen werden „Schwerkriminelle, Kommunisten und Islamisten“.
Anders als in Celebration können in Próspera auch Firmen angesiedelt werden und vom niedrigen Steuersatz profitieren. Diese für Unternehmen bei einem Prozent. Die Arbeitsschutzgesetze von Honduras gelten in Próspera natürlich nicht, Gewerkschaften sind nicht vorgesehen.
Wenn Superreiche wie Peter Thiel von einem Paradies träumen – so ungefähr sieht es aus.
Und es ist keine Nische. Nach aktuellen Schätzungen geht die Zahl ähnlicher Projekte, die geplant oder bereits in der Realisierung sind, in die Tausende.
Die AfD forderte übrigens unlängst die Ausrichtung der deutschen Entwicklungs¬politik auf die Förderung solcher Modellstädte.
Privatstädte wie Próspera sind nicht demokratiefrei. Sie bieten Demokratie aber nur selektiv und für eine kleine, vermögende Oberschicht an.
Ob das ausreicht, um die auch in diesen scheinbaren Paradiesen reichlich entstehenden Konflikte dauerhaft zu befrieden, wird die Praxis zeigen.
Möglicherweise entsteht hier eine Art Blaupause für eine dystopische Zukunft auf einem überhitzten Planeten, in der Demokratie nur noch für wenige existiert und eine „Abstimmung mit dem Geldbeutel“ ist.
Oder es endet erneut im Fiasko und damit als Lehrbeispiel dafür, dass Gesellschaften Prozesse, Institutionen und den Willen zum Ausgleich von Interessen auf demokratischem Weg braucht.
Wir bleiben gespannt …