Ausgabe #337 |18. Juni 2026
Die falschen Kids im Bundestag?
In den vergangenen Tagen schlugen die Wogen hoch im Parlamentsbetrieb.
Das jährliche Planspiel „Jugend und Parlament“ sollte wie immer eine handverlesene Auswahl junger Menschen mit dem Parlamentsbetrieb vertraut machen. Auf der Webseite des Parlaments wurde es so beworben: „Einmal selbst Abgeordneter sein und schauen, wie sich das so anfühlt? Das geht beim Planspiel Jugend und Parlament des Deutschen Bundestages.“
Anfang Juni durften 355 Jugendliche vier Tage den Bundestag simulieren. Nominiert wurden sie jeweils von einzelnen Abgeordneten aller Fraktionen. Mit dem Ergebnis, dass natürlich auch eine hohe Anzahl Jugendlicher aus dem AfD-Umfeld dabei war.
Wer nun konkret was getan oder gesagt hat, lässt sich schwer rekonstruieren. Beschimpfungen, körperliche Auseinandersetzungen und ein rassistisches Zeichen soll es gegeben haben.
Ein Teilnehmer soll die „White Power“-Geste gezeigt haben – Der Jugendliche wurde von dem Planspiel ausgeschlossen.
Während die einen sich über rassistische Beleidigungen beschwerten, behauptete die AfD-Fraktion, mehrere von ihr nominierte Teilnehmende wären selbst beleidigt und ausgegrenzt worden.
Letztlich gab es wohl sogar eine Schlägerei, die Bundestagspolizei musste eingreifen.
AfD, SPD und Grüne fordern nun eine detaillierte Untersuchung.
Dabei war das alles ein Scheitern mit Ansage.
Wer junge Menschen aus allen, auch extremistischen parteipolitischen Umfeldern vier Tage zusammenpfercht, um sie eine komplett wirkungsfreie Simulation „erwachsener“ Politik durchspielen zu lassen, darf sich nicht wundern, wenn das eskaliert.
Solche Planspiele habe ich selbst schon vor über 40 Jahren in der Jugendbildungsarbeit eingesetzt. Es eskalierte immer.
Und das war auch der Sinn:
Auszuloten, wo die Grenzen der gemeinsamen Konfliktbearbeitung liegen. Lernen, wie man zu gewaltfreien Dialogen (zurück-)finden kann, auch wenn einen kaum etwas verbindet.
Das war und das ist politische Bildungsarbeit. Genau so geht sie. Und genau das macht ihre Qualität aus.
Das Problem beim aktuellen Fall ist ein anderes. Und es ist beispielhaft für das, was wir aktuell in Deutschland viel zu oft als „Jugendbeteiligung“ verstehen:
„Jugend und Parlament“ ist ein einziges großes Missverständnis.
Es ist ein Format der politischen Bildungsarbeit, völlig überteuert, überreguliert und didaktisch unterqualifiziert.
Vor allem aber wird es als „Jugendbeteiligung“ verkauft.
So schwärmte zum Beispiel die SPD Abgeordnete Carmen Wegge noch wenige Tage nach dem gescheiterten Planspiel von diesem Format:
„Ich halte das Planspiel ‚Jugend und Parlament‘ für äußerst wichtig und inspirierend. Gerade in der heutigen Zeit ist es entscheidend, dass junge Menschen sich demokratisch beteiligen und mitmischen, denn nur so können sie ihre Zukunft aktiv mitgestalten.“
Ähnlich kommunizieren auch andere Abgeordnete auf ihren Webseiten.
Was sie dabei ignorieren: „Jugend und Parlament“ ist keine Beteiligung.
Beteiligung hat Wirkungsanspruch. Beteiligung bietet von kommenden politischen Entscheidungen betroffenen Menschen, diese Entscheidungen mit vorzubereiten und zu gestalten.
Gelingt das gut, gerade mit jungen Menschen, entstehen genau jene demokratischen Selbstwirksamkeitserfahrungen, die stärken: die jungen Menschen und die Demokratie.
Den Prozess aber kann man nicht simulieren. Scheinbare Selbstwirksamkeitserfahrung ist keine.
Doch genau das zieht sich durch viele Formate, mit denen Kinder und Jugendliche heute „beteiligt“ werden.
Die regelmäßig abgehaltenen „Jugendwahlen“, bei denen im Umfeld der Bundestagswahlen eigene Wahlen simuliert werden – ohne dass die Ergebnisse irgendwelche Wirkung hätten –, sind so ein Beispiel.
Ebenso wie andere Projekte.
„Schule als Staat“ ist häufig so ein gut gemeintes, aber völlig absurdes Format. Es produziert Selbstwirksamkeitserfahrungen auf Zeit, erkennbar ohne Relevanz für den realen Schulalltag nach Projektende und dann auch häufig nur für die wenigen „Regierenden“, in der Praxis fast immer auch noch genau jene Schülervertreter*innen aus ohnehin politisch wirksamen Milieus.
Am Ende sind solche und ähnliche Formate in der Praxis kaum mehr als Nachwuchstraining für künftige politische Eliten.
Was sie nicht sind: Beteiligung.
Die doppelte politische Hygiene schadet dem Anliegen der Demokratiestärkung gleich doppelt:
Einerseits werden simulierte Wirkungen als echte Wirksamkeit verkauft, zum anderen sollen diese Projekte dann auch noch frei von den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten ablaufen.
Sie sind deshalb letztlich so vielfach fiktional, dass ihr Nutzen für die Demokratie mehr als zweifelhaft ist.
Dabei gäbe es so viele Themen, die die Zukunft junger Menschen beeinflussen und sie massiv beschäftigen.
Ob Klimawandel oder Sicherheitspolitik, soziale Sicherung oder zukünftige Arbeitswelt: Junge Menschen müssen so vieles ausbaden, was Erwachsene heute anrichten.
Was bieten wir Ihnen an echter Beteiligung dazu an?
Nichts.
In unserem Land gehen große Teile der (jungen) Menschen nicht wählen. Oder sie geben ihre Stimme mehrheitlich Rechtsradikalen.
Wie laut müssen die Alarmglocken noch läuten?
Große Teile der jungen Generation glauben nicht an unsere Demokratie, sie glauben nicht, dass sie gehört werden, dass ihre Meinung Relevanz hat.
Und was fällt uns dazu ein? Wir bieten für einige Auserwählte Scheinwahlen, Staats- und Parlamentssimulationen an, die garantiert keine Relevanz haben.
Denn darum geht es letztlich: um Relevanz.
Um Wirksamkeit. Um das Erleben dieser Wirksamkeit. Demokratie ist kein Spiel. Demokratische Haltung entsteht nicht durch Zuschauen oder Simulieren, sondern ausschließlich durch Erleben von Selbstwirksamkeit.
Ja, wir müssen dringend darüber sprechen, wie wir jungen Menschen die Gelegenheit geben, ein positives Verhältnis zur Demokratie zu entwickeln.
Dazu müssen wir ihnen aber keine Spiele anbieten, sondern Demokratie.
Reale Möglichkeiten, die zu realen Diskursen, Debatten und Konflikten führen – und zu realen Selbstwirksamkeitserfahrungen.
Ein erster Schritt wäre die Organisation des Schulalltages als dauerhafte Beteiligung zu organisieren, wirksam und nicht als Projekt.
Möglichkeiten gibt es viele. Wem keine einfallen: Einfach mal die jungen Menschen fragen …
Im Bundestag diskutieren sie übrigens bereits über die Lehren, die aus dem diesjährigen Scheitern zu ziehen sind. Das Ergebnis steht noch nicht fest. Zwei Dinge scheinen aber bereits klar zu sein:
Das Planspiel soll bleiben, es sei „unverzichtbar“.
Aber die Jugendlichen sollen in Zukunft „besser ausgewählt“ werden.