Ausgabe #319 | 12. Februar 2026
Was uns wirklich fehlt
Sie ist eine französische Institution: Die Bar-Tabac. Frankreich-Reisende kennen sie. Sie ist eine Mischung aus Café, Bistro und Tabakwarenverkauf, erkennbar an einer roten „Karotte“ (Leucht-Zigarre).
Die meisten Bar-Tabacs gibt es im ländlichen Raum. Dort ist die Bar-Tabac von morgens bis in den späten Abend hinein und ohne wöchentlichen Ruhetag durchgehend geöffnet. Meist verfügt sie nur über wenige Stühle und bietet zusätzlich Zeitungen, Zeitschriften, Süßigkeiten und Lotterielose an.
Die Einrichtung ist oft karg, die Lage aber meist zentral. Genau an diese Orte denken die Franzosen, wenn sie Bar-Tabac hören.
Denn sie sind oft der wichtigste, manchmal der einzige Ort für soziale Kontakte. Fast immer findet man dort jemand zum Quatschen, gerne bei einem günstigen Café Noir.
Doch die Bar-Tabac stirbt aus. Gab es in den 60ern noch rund 600.000 Bar-Tabacs sind es aktuell nur noch um die 30.000. Das hat Folgen. Auch politische.
In einer aktuellen Studie wird belegt, dass dort wo Bar-Tabacs schleißen, die Zustimmung für die Rechtsextremen steigt.
Eben weil der häufig letzte Ort informeller Diskussionen – gerade auch zwischen Menschen unterschiedlicher Meinung – verschwindet.
Dort, wo diese Debatten verschwinden, haben Verschwörungserzählungen, menschenfeindliche Argumente und rassistische Einstallungen leichteres Spiel.
Mangelnde Debatten spalten die Gesellschaft, wie die Studie belegt.
Das ist eine wichtige Erkenntnis.
Dialog – gerade auch, wenn er nicht zielgerichtet als Mittel der Akzeptanzförderung gestaltet wird – hat einen demokratischen Wert an sich.
Das widerspricht gängigen Erzählungen auch von politischen Akteuren, die meinen, der „Staat müsse einfach besser funktionieren“. Dann würden rechtsextreme Parteien an Bedeutung verlieren.
Dafür gibt es keinen Beleg. Zumal eine Menge Demokratien gibt, deren öffentliche Verwaltung weit weniger effizient arbeitet, als die deutsche – ohne das ein Rechtsruck kurz bevorsteht.
Die Stärke der Demokratie hängt tatsächlichweniger von der Qualität der Verwaltungsprozesse ab, als von der Menge der Dialoge, die die Menschen führen.
Das mögen Akteure wie die von der Hertie-Stiftung finanzierte „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ nicht gerne hören, die Aussagen formulieren wie diese:
„Das Vertrauen in die Demokratie und staatliche Institutionen hängt maßgeblich davon ab, wie hilfreich die Bürgerinnen und Bürger ihren Staat im Alltag erleben und wie effektiv er politische Prozesse umsetzt.“
Eben nicht.
Es geht nicht darum, wie gut wir funktionieren – sondern wie oft wir miteinander sprechen. Eine Erkenntnis, die in der Paartherapie schon lange als gesichert gilt, ist mit der aktuellen Studie nun auch für die Gesellschaft als Ganzes unterfüttert.
Natürlich gibt es noch mehr Faktoren, die für Demokratie-Resilienz sorgen. Und natürlich sind funktionierende Verwaltungen auch ein Faktor. Doch wer glaubt, Demokratie durch Effizienz stärken zu können, hat Demokratie nicht verstanden.
Es gibt kaum etwas weniger Effizientes, als seine Zeit in einer Bar-Tabac oder Dorfkneipe zu verbringen, Kaffee zu trinken und über Gott und die Welt zu reden. Und doch ist es genau das, was Demokratie stärkt.
Das ist auch der Grund, weshalb wir gute Beteiligung als „Dialog mit Wirkungsanspruch“ definieren.
Und das ist mehr, als die Menschen auf einer Online-Plattform nach ihrer Meinung zu fragen – und das Ergebnis dann umzusetzen – oder zu ignorieren.
Das mag effizient sein, eben weil der Dialog weggelassen wird. Doch es verzichtet damit genau auf die Sache, um die es geht.
Gute Beteiligung organisiert Raum und Zeit für Dialog. Das ist nicht effizient. Aber es ist wichtig. Geradezu unverzichtbar. In Anlehnung an das Berühmte Mops-Zitat von Loriot könnte man überspritzt sagen:
Dialogfreie Beteiligung ist möglich. Aber sinnlos.
Übrigens hat die französische Studie noch ein weiteres Ergebnis gebracht: Da wo Bar-Tabacs wieder eröffnen, gehen tatsächlich nach einiger Zeit die Stimmenanteile für die Rechtsextremen wieder zurück.
Die Entwicklung ist nicht unumkehrbar. Und das ist eine gute Botschaft. Gerade auch für den ländlichen Raum. Manchmal ist der erste Schritt der Demokratiestärkung: Wieder eine Dorfkneipe zu eröffnen. Gerne auch mit Laden. Und gerne mit vielen anderen gemeinsam.
Initiativen dieser Art gibt es überall in Deutschland. Sie allein werden die Demokratie nicht retten. Aber dazu beitragen.
Genau das ist es, was wir aus dem französischen Beispiel lernen können.