#321 | Konflikt oder Krise?

Welche Bedeutung ein Konflikt hat, definieren immer die Betroffenen. Und da gibt es meist große Unterschiede.

Ausgabe #321 | 26. Februar 2026

Konflikt oder Krise?

Es ist Herbst 2020. Die heute fast vergessene Corona-Krise bestimmt die öffentliche Debatte.

Demos der sogenannten „Querdenker“ haben hohen Zulauf.

So auch in Hannover. Dort tritt eine junge Frau auf die Bühne. Sie stellt sich als „Jana aus Kassel“ vor.

Sie berichtet, dass sie seit Monaten „aktiv im Widerstand“ sei. Sie gehe auf Demos, verteile Flyer, halte Reden, melde Versammlungen an. Dann fällt der entscheidende Satz: „Und ich fühle mich wie Sophie Scholl.“

Die Reaktionen im Publikum sind gemischt. Die einen johlen, andere schweigen schockiert. Ein junger Ordner zieht seine Weste aus und ruft: „Für so einen Schwachsinn mache ich doch keinen Ordner mehr!“

Die Rednerin beginnt zu weinen und wirft ihr Mikrofon weg. Polizei greift ein. Die Lage eskaliert.

Im Anschluss fegt ein Shitstorm durchs Internet.

Politiker*innen mischen sich ein, Zeitungen recherchieren, ein späterer Gesundheitsminister spricht von „groteskem Selbstmitleid“.

Im Internet ist von der Todesdrohung bis zur Empfehlung, „mal ein Buch zu lesen“, alles zu finden.

Die Menschen reagieren nicht nur deshalb so sensibel, weil sie eine Relativierung des Holocausts fürchten – sie nehmen bei vielen Querdenkern auch eine massenhafte Selbstinszenierung als „Opfer“ wahr.

Doch halten wir kurz inne.

Die Reaktion der jungen Frau damals zeigte rasch, dass da nicht alles Inszenierung war.

Als sie sagte, sie „fühle sich wie Sophie Scholl“, war das alles: Relativierung des Holocausts, Selbstüberschätzung, Selbstmitleid, Realitätsverlust.

Es war aber auch wahr.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit fühlte sie das tatsächlich.

Dieses Phänomen ist bekannt. Manche nennen es den Meaning-Making-Code. Und das führt uns tatsächlich zurück in die Zeit von Sophie Scholl.

Ausgangspunkt war ein Buch des jüdischen Psychiaters Viktor Frankl. Der durchlief diverse Konzentrationslager der Nazis, verlor den größten Teil seiner Familie, überlebte aber selbst.

In seinem Buch berichtete er darüber, wie unterschiedlich die KZ-Insassen mit ihrem Schicksal umgingen. Viele verzweifelten, wurden apathisch, erholten sich als Überlebende nie mehr von den Erlebnissen.

Andere standen die Torturen mental viel besser durch. Er stellte fest, dass diejenigen Häftlinge eine bessere Chance hatten, zu überleben, die jemanden hatten, der auf sie wartet.

Sein vereinfachtes Fazit lautete: „Du leidest nicht an dem, was passiert, sondern an der Bedeutung, die du dem gibst.“

Diese Erkenntnis funktioniert in beide Richtungen. Während die einen selbst Jahre im KZ überstehen, ist für andere der Zwang, eine Maske zu benutzen, scheinbar unerträglich.

Beides ist im Grunde nicht vergleichbar – in beiden Fällen aber gilt: Wie dramatisch es für die Betroffenen ist, hängt eben auch davon ab, was sie daraus machen.

Das erleben wir immer wieder auch in Situationen der politischen Teilhabe.

Der eine mag kein Windrad, weil es ihn am Horizont stört. Seiner Nachbarin ist es komplett egal. Und wieder zwei Häuser weiter wohnt jemand, der beim bloßen Gedanken daran Heulkrämpfe bekommt.

„Hab dich nicht so.“ ist eine verständliche Reaktion. Aber keine vernünftige Strategie.

Was für den einen ein Konflikt ist, ist für den anderen gar nichts. Und für den Dritten eine Krise.

Das zu berücksichtigen, ist Voraussetzung eines erfolgreichen Beteiligungsdesigns. Wer als beteiligende Institution ein Thema nicht als Krise, sondern als Akzeptanzproblem definiert, gestaltet einen Prozess, der funktionieren kann.

Wenn die Beteiligten es auch so sehen.

Ist es für zumindest einen Teil allerdings eine handfeste Krise, bringt das den Prozess schnell ins Schlingern.

Zu jeder guten Beteiligung gehört also vor allem eines: Nicht nur Konflikte sind relevant, sondern eben auch die subjektive Bedeutung für die Menschen.

Und die ist unterschiedlich, aber erfahrungsgemäß selten so, wie vermutet oder erhofft.

Das aber so früh und so wertschätzend wie möglich herauszuarbeiten, ist ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor.

Ob also bei einer aktivierenden Umfrage im Vorfeld oder in offenen Runden zu Beginn: Nicht nur Kritik, Befürchtungen und Erwartungen der Menschen müssen auf den Tisch – sondern auch die Frage, wie viel „Puls“ sie bei den einzelnen Themen haben.

Tatsächlich ist das häufig auch schon der erste Schritt in die Deeskalation.

Wer feststellt, dass die eigenen Emotionen nicht von allen geteilt werden, dass andere ganz andere Bauchschmerzen haben, wer selbst entsprechend gehört wurde, der hat den ersten Schritt auf dem Weg zu einer erträglichen Lösung bereits getan. Unser Fazit für die Gestaltung guter, erfolgreicher Beteiligung lautet also:

Häufig sprechen wir über Konflikte, verhandeln tatsächlich aber Krisen.

Solange uns das bewusst ist, haben wir alle Chancen auf Erfolg.

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