Ausgabe #325 | 26. März 2026
Themen in der Tram
Wenn ich diese Woche tagsüber aus dem Fenster schaue, dann bietet sich mir ein ungewohnter Anblick.
Ich sehe Straßenbahnen. Viele Straßenbahnen. Sehr viele Straßenbahnen.
Seit Montag leite ich einen besonderen Durchgang unseres Zertifikatslehrgangs Beteiligungsmanagement. In ihm lernen die Teilnehmenden, wie man gute Beteiligungsprozesse plant, durchführt und evaluiert.
Erstmals führen wir in dieser Woche den Lehrgang nicht offen, sondern als Inhouse-Seminar durch. Exklusiv für Mitarbeitende der Rostocker Straßenbahn AG und Kolleg*innen, die im Bereich Infrastruktur in und um Rostock beteiligen.
Und da unser Seminarraum auf dem Betriebsgelände liegt, wo auch die Straßenbahnen gewartet und repariert werden, genieße ich die wundervolle Aussicht.
Straßenbahnen faszinieren nicht nur große und kleine Kinder. Sie haben tatsächlich auch eine demokratische Tradition. Im 19. Jahrhundert etablierten sie weltweit in vielen Städten oft erstmals einen öffentlichen Nahverkehr zu erschwinglichen Tarifen für die breite Masse.
In Rostock rollte die erste Straßenbahn oder Tram, wie sie auch oft genannt wird, ab 1881 auf zunächst 3 Linien, gezogen von Pferden. Das war damals durchaus üblich, eine umfangreiche Elektrifizierung kam erst später.
Für Jahrzehnte war die Tram der Garant für Mobilität, nicht nur in den Innenstädten, sondern oft auch bis weit in die Peripherie. Private Fuhrwerke oder dann Autos standen lange nur den wirklich Vermögenden zur Verfügung.
Das änderte sich in den 20er Jahren. Autos wurden billiger. Noch lange nicht so billig, dass die Masse der Bevölkerung sie nutzen konnte. Aber doch so, dass die Gutverdiener keine Straßenbahnen mehr benötigten.
Aus Sicht der rasch an Macht gewinnenden Automobilkonzerne war die Straßenbahn zunehmend Störfaktor und Konkurrenz. Sie reagierten rustikal, was u. a. der sogenannte „Große Amerikanische Straßenbahnskandal“ zeigte.
Im Jahr 1922 gründete General Motors eine spezielle Abteilung, die unter anderem für die Aufgabe verantwortlich war, die Trams durch Autos, Lastwagen und Busse zu ersetzen.
Auch in Deutschland wurden im 19. Jahrhundert viele Linien stillgelegt. Erst in jüngerer Vergangenheit kam es zu einer Revitalisierung der Tram im Zuge der Bemühungen um eine nachhaltige Verkehrswende.
Der weitere Ausbau ist ein Vorhaben, das jedoch an vielen Stellen auch auf Widerstand stößt. Nicht immer sind potenzielle Anwohner begeistert. Und bis heute ist manchem Menschen das Auto heilig und die Straßenbahn eine Konkurrenz um Straßenraum.
Deshalb beteiligen Straßenbahnunternehmen. Und deshalb wollen sie gut beteiligen. Was zu Seminaren wie in dieser Woche führt.
Straßenbahnen haben nachhaltiges Potenzial. Und sie haben demokratisches Potenzial.
Nicht nur wegen Beteiligungsprozessen für die Straßenbahn.
Sondern auch wegen Beteiligungsprozessen in der Straßenbahn.
Ja, das gibt es tatsächlich.
Zum Beispiel in Dresden.
Hinter dem Projekt „metro_polis“ stehen Menschen, die sich fragen, ob und wie drängende gesellschaftliche Themen früher behandelt und besser diskutiert werden können als in der Gegenwart und Vergangenheit.
Sie gestalten einen neuen Weg der Kooperation und Beteiligung von möglichst vielen Menschen an demokratischen Prozessen.
Metro_polis ist ein Demokratieprojekt, das dort stattfindet, wo Menschen jeden Tag versammelt sind: in den Straßenbahnen der Stadt.
Dort, wo Menschen unterschiedlichster Lebenswelten tagtäglich versammelt sind, initiiert metro_polis den Austausch der Fahrgäste über Themen, die uns als Gesellschaft betreffen.
Und das geht so:
An einer Endhaltestelle besteigt das metro_polis-Team zu dritt eine im Alltagsbetrieb verkehrende Straßenbahn. Alle Linien kommen dabei zum Einsatz.
Zwei Teammitglieder besetzen zwei Sitzplätze in Viersitzplatzgruppen, die sich idealerweise gegenüberliegen.
Dieser „Gesprächsraum“ wird an den Fensterscheiben mit wiederverwendbaren, selbstklebenden Plakaten markiert. Ein Teammitglied bewegt sich flexibel durch die Bahn und spricht hinzusteigende Fahrgäste an, informiert sie über das Projekt und lädt zur freiwilligen Teilnahme ein.
Wenn eine Person teilnehmen möchte, dann setzt sie sich in den Gesprächsraum, wo sie von einem metro_polis-Teammitglied begrüßt und in das Thema oder in ein bereits laufendes Gespräch mit einem weiteren Fahrgast eingebunden wird.
Die Moderation ist dafür zuständig, das Gespräch als Dialog mit einem Fahrgast zu führen oder als Kleingruppendiskussionen mit mehreren Fahrgästen zu begleiten.
Gleichzeitig dokumentiert die Moderation Gesprächsbeiträge der Fahrgäste auf einem Tablet in einer speziell für metro_polis entwickelten App. Auf diese Weise entsteht ein kollektives Stimmungsbild aus Erfahrungen und Vorschlägen, das im Nachgang zu den Fahrten ausgewertet, veröffentlicht und an Politik/Verwaltung zur weiteren Nutzung übergeben wird.
Das ist niederschwellige Beteiligung im öffentlichen Raum. Und sie ist durchaus erfolgreich. Zwischenzeitlich wird sie auch in anderen Städten wie Leipzig und Chemnitz angeboten. Seit 2024 findet sie auch in Regionalbahnen im ländlichen Raum der Lausitz statt.
Sogar in einigen ICEs der Deutschen Bahn kann es Ihnen passieren, dass Sie das metro_polis-Team zum Gespräch einlädt.
Ähnliche Projekte der Beteiligung im öffentlichen Nahverkehr gibt es z. B. auch in Kassel, Halle oder Freiburg.
Manchmal sind sie zeitlich begrenzt, oft von Fördermitteln abhängig (die gerade im Visier einiger konservativer Politiker sind). Aber die Erfahrungen und Ergebnisse sind ermutigend.
Themen in der Tram zu verhandeln, ist eine Form von Demokratie, die Potenzial hat.
Sie macht demokratische Teilhabe im Alltag erfahrbar, ringt um wertschätzenden Diskurs, organisiert Wirksamkeit.
Sie ist ein Booster für die Demokratie.