#326 | Sicher unterwegs

Ein Kompass hilft dabei, uns in der Natur zu orientieren. Und in der Beteiligung.

Ausgabe #326 | 2. April 2026

Sicher unterwegs

Der Mann war 40 Jahre alt, also nicht gänzlich unerfahren.

Und doch hatte er die Gefahren einer Bergtour völlig unterschätzt.

Statt mit Karte, Kompass und solider Ausrüstung zog er mit seinem Handy los. Und vertraute dabei völlig auf Google Maps.

Genau jene App, die einen selbst in Berlin gerne mal zu nicht existierenden Orten oder stundenlang im Kreis schickt.

Es kam, wie es kommen musste. Google führte ihn nicht zur anvisierten Berghütte in den Berchtesgadener Alpen – sondern direkt in den überaus anspruchsvollen Hochthron-Klettersteig.

Dort musste ihn dann mitten in der Nacht, unterkühlt und erschöpft, die Bergwacht einsammeln. Direkt nach der Rettung drehte der erschöpfte Mann sich dann erstmal einen Joint. Zur Beruhigung, wie er sagte.

Klingt irre? Ist es auch. Und doch zwischenzeitlich Teil der Routine unserer Bergretter*innen.

Nahezu täglich machen sich naive, digitalkonditionierte Menschen in real gefährliche Teile unserer Natur auf. Mit Navigations-Apps, manchmal mit Drogen, dafür ohne angemessene Kleidung, ohne Kenntnisse, ohne Kartenmaterial, ohne Kompass.

Wobei ihnen Karten und vor allem Kompass meist auch wenig nützen würden – weil sie schlicht nicht damit umgehen können.

Tatsächlich kommt es so immer wieder auch zu vermeidbaren Todesfällen.

Dabei ist genau der Kompass eine der wichtigsten Erfindungen, die umfangreiches globales Reisen erst möglich machte.

Wer ihn wann genau wo erfunden hat, ist bis heute unklar. Manche Quellen bieten (unterschiedliche) konkrete Jahreszahlen an. Vorläufer gab es wohl schon vor über 2.000 Jahren.

Im 11. Jahrhundert wurden in China erstmals Kompasse für die Navigation nachgewiesen. Sie hießen „Südweiser“, denn Süden war die markierte Hauptrichtung, und kannten 4, 32, 48 oder 64 Richtungsstriche.

Irgendwie kamen diese Kompasse dann auch nach Europa. Dort galten sie unter den Kreuzrittern als extrem wertvolles, gut zu hütendes Geheimtool.

Noch heute spielen sie dort eine Rolle, wo Google Maps nicht zur Verfügung steht – oder dessen Einsatz zu riskant ist. Also im Grunde überall jenseits der Zivilisation.

In der demokratischen Teilhabe kennen manche den „Beteiligungskompass“ der Bertelsmann Stiftung. Eine Webseite mit zahlreichen hilfreichen Informationen und vor allem einer soliden Datenbank mit zahlreichen Beteiligungsformaten und -Methoden.

Anschauen wollen wir uns heute aber einen anderen Kompass:

Den Themenkompass.

Er hilft dabei, zu erkennen, ob ein bestimmtes Thema oder Szenario geeignet für einen Beteiligungsprozess ist.

Besonders Akteuren mit noch geringer Beteiligungserfahrung kann er tatsächlich Orientierung bieten.

Der Themenkompass hat vier Richtungen. Nur sind es nicht Norden, Osten, Süden oder Westen.

Wie in einer Matrix wird auf jeder der vier Richtungsachsen jeweils ein Punkt markiert. Je näher der Punkt am Zentrum ist, desto niedriger ist der entsprechende Faktor ausgeprägt.

Abgebildet werden auf den einzelnen Achsen folgende Faktoren:

Der Grad der Uneinigkeit: Je uneiniger sich die Betroffenen bei einem Thema sind, je breiter das Meinungsbild, je schärfer der Konflikt, desto weiter außen wird der Markierungspunkt gesetzt.

Der Grad der Unsicherheit: Je weniger klar die „richtige“ Lösung auf der Hand liegt, je mehr unbekannte oder nicht offensichtliche Faktoren einwirken, desto weiter außen wird der Markierungspunkt gesetzt.

Der Grad der Laienexpertise: Je mehr spezielles Fachwissen eine Entscheidung benötigt, desto weiter innen wird markiert, je mehr Laienexpertise bei diesem Thema einfließen kann, desto weiter außen wird der Markierungspunkt gesetzt.

Der Grad der Wirkungsfantasie: Gibt es kaum noch Entscheidungsspielraum, sitzt die Markierung nahe am Zentrum. Je mehr noch verhandelt und verändert werden kann, desto weiter außen wird der Markierungspunkt gesetzt.

Abschließend werden alle vier Punkte verbunden. Je größer die dabei entstandene Fläche ist, desto eher eignet sich das Szenario für eine Beteiligung.

Der Themenkompass funktioniert für klassische Bürgerbeteiligung ebenso wie für Beteiligungsprozesse mit Kindern und Jugendlichen oder in der Arbeitswelt.

Er kann eine solide Prozessgestaltung nicht ersetzen, hilft aber dabei, schnell zu erkennen, ob Beteiligung überhaupt Sinn macht, oder andere Formen der Themenbearbeitung (Expertenentscheidung, Mediation, politische oder rechtliche Klärung) erfolgversprechender sind.

Die drei Minuten für den Themenkompass lohnen sich immer.

Denn wenn wir uns in der Beteiligung verirren, ist das zwar meist nicht tödlich – aber immer frustrierend und manchmal auch durchaus gefährlich.

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