Ausgabe #327 | 9. April 2026
Rote Teller machen schlank
Die Farbe Rot ist in vielen Kulturen (und im Tierreich) eine Warnfarbe. Wir verbinden sie mit Gefahr. Deshalb sind unsere Stoppschilder rot. Und unsere Ampeln, wenn sie uns stoppen wollen.
Dieses Rot scheint in unserer Kultur so tief verankert zu sein, dass es sogar Auswirkungen auf unsere Nahrungsaufnahme hat.
Eine Studie der Uni Basel konnte belegen, dass wir deutlich weniger Snacks zu uns nehmen, wenn sie uns auf einem roten Teller serviert werden.
Dazu muss nicht mal der ganze Teller rot sein. Einen ähnlichen Effekt wie bei den roten Tellern stellten die Forscher sogar dann fest, wenn Getränke aus Bechern serviert wurden, die lediglich rote Aufkleber hatten.
Aus diesen wurde deutlich weniger getrunken als aus Bechern mit blauem Sticker.
Es gibt Dutzende Untersuchungen, die den Einfluss der Farbe auf unser Essverhalten belegen. Sie beeinflusst sogar den Geschmack, den wir dabei empfinden.
Erdbeermousse, die zum Beispiel Versuchspersonen auf weißen Tellern serviert wurde, schmeckte diesen deutlich besser und süßer als auf schwarzen Tellern.
Das ist kein unnützes Wissen. In der Spitzengastronomie wird es schon lange berücksichtigt und die Lebensmittelindustrie wählt Farben bei den Verpackungen und in der Werbung seit vielen Jahren sehr bewusst aus.
Es ist eben nicht nur allein das Produkt, das uns beeindruckt. Viele weitere Faktoren bestimmen maßgeblich, wie wir etwas wahrnehmen.
Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich erstaunlich, dass wir im demokratischen Diskurs immer noch der Vorstellung anhängen, wichtig sei allein, dass man miteinander spricht. Wann, wo, in welchem Setting wird maximal zur Nebensache erklärt.
Dabei wissen wir sehr genau, dass die Zahl der Faktoren, die über die Qualität eines Diskurses entscheiden, erstaunlich hoch ist.
Die meisten Studien dazu kommen allerdings aus der Bildungsforschung. So wissen wir seit vielen Jahren, dass Neonlicht besonders aggressiv macht – und doch war es lange Zeit die Standard-Lichtquelle in deutschen Schulen. Ausgetauscht wurden sie in den vergangenen Jahren weniger aus psychologischen Gründen, sondern vor allem mit dem Ziel der Energieeffizienz.
Im Zertifikatslehrgang Beteiligungsmanagement sprechen wir auch über diese, vermeintlich nebensächlichen, Rahmensetzungen für gute Beteiligung.
Und die Liste der Gelingensbedingungen gerade für Beteiligung in kritischen Situationen ist lang. Wir können sie hier nur anreißen. Doch schon diese Übersicht kann als kleine Checkliste dienen.
Das Licht hatten wir schon. Nicht nur Neonlicht kann negative Auswirkungen auf die Diskurskultur haben. Auch zu helle Räume sind nicht immer gut. Wir wissen aus Studien, dass introvertierte Personen leichter in die Debatte finden, wenn das Licht etwas gedimmt ist. Umgekehrt braucht es dann genügend Licht, wenn Informationen gelesen werden sollen – vor allem für ältere Beteiligte. Spotlicht auf die Moderation kann in schwierigen Gemengelagen helfen, dieser mehr Durchsetzungsfähigkeit zu ermöglichen. Wir sehen: Selbst in einer einzigen Veranstaltung kann es manchmal sinnvoll sein, mit dem Licht zu spielen. Dazu braucht man keine Theaterlichtanlage. Schon ein paar Leuchten ein- bzw. auszuschalten, kann helfen.
Aber auch der Ton ist wichtig, wichtiger sogar noch als das Licht. Wann immer es möglich ist, den Raum so zu bemessen, dass es keine Tonanlage braucht, ist das zu bevorzugen. Braucht es aber Tontechnik, muss sie betreut sein und verlässlich funktionieren – und die Moderation im Umgang mit dem Mikrofon geschult. Gute Moderator*innen wissen, dass kohlensäurehaltige Getränke tabu sind. Nichts verschafft so viel ungewollte Aufmerksamkeit wie ein großartiger Rülpser auf 12 Lautsprechern. Soll ein Diskurs stattfinden und nicht nur eine Frontalbespaßung, sind Mikrofone immer ein Störfaktor. In diesem Fall sind kleine Tisch- und Arbeitsgruppen zwingend.
Das wiederum hat unmittelbar etwas mit dem Raum zu tun. Der muss zur Methodik passen und umgekehrt. Zu hohe Räume sind ein No-Go. Aus diesem Grund prinzipiell auch Kirchen. Auch, weil die Sitzordnung dort (alle frontal zur Moderation) einer der größten Diskurskiller überhaupt ist. Wenn wir die Wahl haben: Teppichboden ist stets besser als Holz oder gar Fliesen. Und wie wir gesehen haben: Auch die Farben von Decke, Wand und Möbeln sind ein Thema. Blau ist gut, alles andere möglich, Schwarz und Rot gehen gar nicht. Und wenn viel weniger Menschen kommen als geplant? Dann müssen wir rasch Stühle entfernen, damit die Gruppe so kompakt wie möglich zusammensitzt. Deshalb ist es stets besser, zu wenig Stühle aufgestellt, aber viele in Reserve zu haben.
Von erheblicher Bedeutung ist auch die Versorgungsfrage. Ist genügend Verpflegung vorgesehen? Sind insbesondere Getränke in ausreichender Zahl vorhanden? Sind Pausen für die Verpflegung eingeplant? Ist die Verpflegungsstation so platziert, dass sie nicht stört, aber schnell erreichbar ist? Ist Essen/Trinken während der geplanten Formate möglich oder störend? All diese Fragen sollte man sich vorher stellen.
Diese Liste ist nicht abschließend. Aber sie zeigt uns, wie viel vermeintlich Nebensächliches berücksichtigt werden kann.
Nicht immer kann man alle Faktoren beeinflussen, man muss es auch nicht. Aber gerade in anspruchsvollen Prozessen lohnt sich ein kurzer Blick darauf. Manche Dinge sind ganz einfach anzupassen – und sie alle haben die Tendenz, auch Gute Beteiligung besser zu machen.
Was sie aber nicht können: Aus schlechter Beteiligung gute machen. Am Ende braucht es vor allem eine Haltung, die die Ergebnisse nicht schon vorab definiert, den kritischen Diskurs nicht als Risiko versteht und die Bürger*innen nicht als Störung im Betriebsablauf.
Stimmt die Haltung, ist die Farbe des Tellers nur ein Faktor unter vielen.
Diese Faktoren zu kennen, kann sich lohnen.
Wenn wir nicht nur gut, sondern besser beteiligen wollen.