Ausgabe #313 | 1. Januar 2026
Der Pygmalion-Effekt
My Fair Lady ist eines der erfolgreichsten Musicals des vergangenen Jahrhunderts.
Es basiert auf einer Komödie des irischen Schriftstellers George Bernard Shaw. Im Zentrum der Geschichte steht Professor Henry Higgins, ein selbstherrlicher Sprachwissenschaftler, der wettet, dass er eine arme Blumenverkäuferin, Eliza Doolittle, zu einer Herzogin machen könne.
Er müsse ihr dazu nur beibringen, mit dem Akzent der feinen Londoner Gesellschaft zu sprechen.
Das gelingt. Bei einer Botschafter-Party gibt er sie schließlich erfolgreich als Herzogin aus.
Der Titel von Shaws Komödie „Pygmalion“ beruht auf einem alten griechischem Schauspiel von Ovid.
Die zentrale Botschaft lautet: Wir bewerten Menschen nicht nur nach unserer Wahrnehmung, sondern auch nach unserer Erwartung. Und das hat Folgen.
Wer die „richtige“ Sprache spricht, wer gesellschaftlich als erfolgreich markiert wird, der hat auch eine größere Chance, erfolgreich sein.
Das ist nicht nur eine dichterische Hypothese, sondern zwischenzeitlich experimentell bewiesen.
Schon 1965 führten die US-amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal und Lenore F. Jacobson dazu ein Experiment an einer Grundschule durch.
Den Lehrer*innen wurde vorgetäuscht, dass auf der Basis eines wissenschaftlichen Tests die Leistungspotenziale der Kinder eingeschätzt werden sollten.
Durch diesen Test würden die 20 Prozent Kinder einer Schulklasse identifiziert werden, die kurz vor einem Entwicklungsschub ständen. Bei diesen sei im folgenden Schuljahr mit besonderen Leistungssteigerungen zu rechnen.
In Wirklichkeit wurden die 20 Prozent der Schüler*innen jedoch ohne Wissen der Lehrer*innen zufällig per Los ausgewählt.
Und tatsächlich steigerten sie so ausgewählten Kinder ihre Leistungen innerhalb des folgenden Jahres deutlich überdurchschnittlich.
Zudem wurde der Charakter der zufällig Ausgewählten von den Lehrkräften ebenfalls überdurchschnittlich positiv beurteilt.
Der Effekt war übrigens bei den Kindern an stärksten, die ein besonders attraktives Äußeres hatten.
Ob Äußeres, positive Prognose, Sprachkompetenz oder auch nur der Vorname: Alles, was dazu beitragen kann, dass die Erwartungen an Menschen positiver ausfallen, kann auch dafür sorgen, dass eben diese Erwartungen eher und umfassender erfüllt werden.
Heute ist der im Experiment von Rosenthal und Jacobson beschriebene Einfluss auch als Pygmalion-Effekt bekannt.
Das spannende daran ist: Er funktioniert immer. Auch wenn keine einfache Kausalkette gebastelt werden kann.
Es braucht gar keine (oft vermutete) spezielle Förderung z.B. von Schüler*innen, denen mehr zugetraut wird.
Die Erwartung allein beeinflusst das Ergebnis.
Das belegt eine andere, noch ältere Studie von Robert Rosenthal. In einem Laborexperiment wurden zwölf Studenten jeweils fünf Laborratten eines gleichen Stammes gegeben.
Der einen Hälfte der Studenten wurde mitgeteilt, dass „ihre“ Ratten darauf hin gezüchtet wurden, einen Irrgarten besonders schnell zu durchlaufen.
Der anderen Hälfte der Studenten wurde gesagt, dass „ihre“ Ratten auf besondere Dummheit hin gezüchtet wurden.
Obwohl die Ratten in Wirklichkeit alle vom gleichen genetischen Stamm kamen, zeigten die angeblich intelligenteren Ratten deutlich bessere Leistungen als jene der Kontrollgruppe.
Das Fazit aus diesen und zahlreichen anderen Experimenten: Erwartungen bestimmen Ergebnisse. Und nicht nur das. Sondern auch die Rezeption dieser Ergebnisse.
Tatsächlich kennen wir ganz ähnliche Situationen aus Prozessen der Bürgerbeteiligung.
Prozesse, die mit einer Haltung gestaltet werden, die Bürger eher als „Problemfaktoren“ sieht, denn als Menschen mit wertvoller Alltagsexpertise, neigen dazu, weniger gute Ergebnisse zu produzieren.
Akteure, die Bürgerbeteiligung eher lästig finden, die Bürger für zu dumm, egoistisch, unerfahren halten, neigen dazu, diese Ergebnisse zudem weniger wertzuschätzen.
Auch Beteiligung ist für selbsterfüllende Prognosen empfänglich.
Wird sie als Beruhigungspille, Beschäftigungstherapie oder didaktischer Lernprozess gestaltet, kann sie nicht liefern, was sie liefern könnte.
Viel Frust von Beteiligten, aber auch von Beteiligenden, hängt mit dem Pygmalion-Effekt zusammen.
Die gute Nachricht lautet: Das funktioniert auch umgekehrt.
Wer Bürger*innen nicht als Problembären sieht, sondern als wertvolle Expert*innen, hat beste Chancen auf gute Ergebnisse. Die Rosenthal-Experimente zeigen: Schon das kann reichen.
Noch besser wird die Quote natürlich, wenn wir das bewusst in Projektgestaltung und -sprache einfließen lassen.
Wenn die Einladung eher Sätze wie „Wir brauchen Sie!“ enthält, als „Wir beantworten Ihre Fragen…“,
wenn Formate nicht „Infomarkt“ heißen, sondern „Bürgergutachten“,
wenn Moderator*innen sich nicht zuerst für die Großzügigkeit des Bürgermeisters bedanken, sondern für die Zeit und das Wissen der Beteiligten,
wenn die Ergebnisse nicht als „Bürgerwünsche“ bezeichnet werden, sondern als „Empfehlungen aus der Bürgerschaft.“,
dann sind das untrügliche Indizien für eine Haltung, die den Pygmalioneffekt positiv gestaltet.
Dass es ihn gibt, ist belegt.
Also sollten wir ihn auch nutzen.