Ausgabe #315 | 15. Januar 2026
Kann das weg?
In einigen Tagen geht mein Seminarjahr wieder los. Und gleich mit meinem Lieblingsthema: Einsatz von LEGO® SERIOUS PLAY® in der Beteiligung.
Im Grunde habe ich zu viele Seminartage im Jahr. Ich sollte etwas abbauen. Zumal wir am Berlin Institut für Partizipation zahlreiche fantastische Dozent*innen haben.
Von zwei Seminaren kann ich aber die Finger nicht lassen: unserem Zertifikatslehrgang Beteiligungsmanagement und eben den bunten Klemmbausteinen.
Tatsächlich setze ich die auch bei vielen anderen Themen ein. Gerne auch, um eine häufige Denkeinschränkung in der Beteiligung zu demonstrieren.
Das Experiment ist einfach. Schauen Sie sich diese Brücke an:

Sie haben 3 Sekunden. Wie würden Sie die Konstruktion reparieren?
Die meisten Menschen (bis zu 100 % in meinen Seminaren) fügen intuitiv den Stein hinzu. Unter Stress und Druck. Und manchmal brauchen sie dafür auch mehr als die 3 Sekunden.
Dabei könnte man genauso gut auch einen Stein entfernen. Die Konstruktion wäre genauso stabil. Und die, die sich dafür entscheiden, reißen auch nie das Zeitlimit.
Es gibt dieses Experiment in unterschiedlichen Varianten.
Die damit herausgearbeitete Präferenz, Probleme durch Hinzufügen von Ressourcen zu bewältigen, hat einen Namen: Addition Bias.
Fast alle Menschen haben die intuitive Tendenz, Probleme nicht durch Weglassen, sondern durch Hinzufügen anzugehen.
Weil Hinzufügen sichtbarer ist.
Weil Hinzufügen sich aktiver anfühlt.
Weil wir gelernt haben, dass „mehr“ erstrebenswerter ist: mehr Einkommen, mehr Kompetenzen, mehr Status, mehr Output.
Dieser Addition Bias steckt nicht nur in den Einzelnen, auch Institutionen neigen dazu. Ob Unternehmen oder Kommunalverwaltungen, Parteien oder NGOs: Wenn etwas nicht funktioniert, neigen sie dazu, mehr Zeit, Geld, Organisationskraft hineinzustecken.
Manchmal löst es das Problem, oft sorgt es für Stress, Druck, Überforderung, Frustration und Ressourcenverbrennung.
Dabei kann Weglassen oft die schnellste, einfachste, kostengünstigste und nachhaltigste Lösung sein.
So zum Beispiel in den Niederlanden. Der Alexanderplein in Amsterdam war ein chaotischer Verkehrsknotenpunkt. Fußgänger*innen, Radfahrer*innen, Autos und Straßenbahnen mussten geregelt werden.
Die meiste Zeit standen die meisten Verkehrsteilnehmer*innen still. Vor allem die Radfahrer*innen waren genervt.
Doch wie optimiert man so ein Chaos?
In den fahrradfreundlichen Niederlanden haben die Verkehrsplaner*innen zahlreiche Möglichkeiten.
Sie könnten Poller installieren, Ampelschaltungen optimieren oder Radwartezonen vergrößern. Am Alexanderplein entschieden sie sich jedoch anders.
Sie schalteten die Ampeln aus.
Mit überraschendem Erfolg.
Der Verkehrsfluss verbesserte sich schlagartig. Alle waren zufrieden, die Radfahrenden sogar begeistert.
Dabei hatten Umfragen wenige Wochen zuvor alle möglichen Ideen eingesammelt. Die Ampelabschaltung war nicht dabei.
Tatsächlich ist auch die Bürgerbeteiligung nicht frei von Addition Bias.
Alles andere wäre auch ein Wunder.
Wenn Hinzufügen die intuitive Lösungsstrategie von einzelnen Menschen ist, beeinflusst dies auch Ideen, die in Beteiligungsprozessen generiert werden.
Für gutes Prozessdesign heißt das: Bei Bedarf gezielt ein Format einbauen, in dem darüber nachgedacht wird, ob Weglassen ein Teil der Lösung sein kann. Das ist auch als „Aufgabe“ in klassischen Arbeitsgruppen und Beteiligungsformaten möglich.
Und es kann sogar ein eigenständiges Thema einer Beteiligung sein. Ob als Online-Umfrage oder in einem Präsenzformat: „Was kann weg?“ ist eine legitime Frage, die auch Bürgerinnen und Bürgern gestellt werden kann.
Das führt meist schnell zu einer Debatte über Prioritäten und Interessen unterschiedlicher Gruppen – genau das, was wir in der Beteiligung brauchen.
Auch und gerade in Zeiten knapper Kassen ist es ein möglicher Ansatz, partizipativ an Kommunalfinanzen zu arbeiten. Längst nicht alles, was in einer Kommune geschieht, ist so unverzichtbar, wie es auf den ersten Blick erscheint. Andere Dinge wären dagegen oft nötig, gelten aber als nicht finanzierbar.
Knappe Kassen können deshalb auch eine Chance sein, wenn sie als Chance zur Beteiligung verstanden werden.
Mehr Beteiligung, die auch über weniger nachdenkt, kann eine kluge Strategie sein.
Dabei ist genau diese Frage ein völlig legitimer und oft überraschend aktivierender Startpunkt:
Kann das weg?