#316 | Die Demokratie der anderen

Beachtlich viele Unternehmen wollen die Demokratie stärken. Wie wäre es, wenn sie im eigenen Haus anfingen?

Ausgabe #316 | 22. Januar 2026

Die Demokratie der anderen

Die Demokratie ist unter Druck. Mit diesem Satz beginnen immer mehr Vorträge und Berichte in den Medien.

Weil es offensichtlich ist.

So offensichtlich, dass zwischenzeitlich auch immer mehr Unternehmen aktiv werden, Stellung beziehen, auf den Wert der Demokratie hinweisen.

Das ist grundsätzlich begrüßenswert. Auch weil große Teile der deutschen Wirtschaft aktiv an der Vernichtung der ersten deutschen Demokratie beteiligt waren. Ohne deren Rückendeckung hätten es die Nazis nicht so einfach gehabt, die Weimarer Republik zu schleifen.

Bis heute haben viele Unternehmen, die tief im Faschismus verstrickt waren und massiv von Zwangsarbeit und Enteignung jüdischer Unternehmen profitierten, ihre Vergangenheit nicht wirklich aufgearbeitet.

Deshalb ist es so wichtig und wertvoll, dass sich zahlreiche deutsche Unternehmen aktiv für die Demokratie engagieren.

Tatsächlich gibt es zwischenzeitlich so viele Initiativen, dass einem schnell der Überblick verloren geht. Sie heißen „Unternehmen für Demokratie“, „Demokratie VEREINt“, „Business Council for Democracy“, „Initiative für betriebliche Demokratiekompetenz“, „Gemeinsam für Demokratie!“ oder “Initiative Unternehmen und Demokratie“.

Sie klingen ähnlich, und sie haben auch eine Gemeinsamkeit.

Zu der kommen wir später.

Zuerst aber sortieren wir die Szene ein wenig. Dann wird sie rasch durchschaubarer.

Da gibt es Privatinitiativen Einzelner, die unter dem Label Workshops verkaufen wollen (“Initiative Unternehmen und Demokratie“) oder vor allem zum Teil dubiose Kleinunternehmen und Freiberufler*innen einsammeln („Gemeinsam für Demokratie!“).

Andere sind öffentlich finanzierte Projekte mit begrenzter Laufzeit, wie die „Initiative für betriebliche Demokratiekompetenz“, die die Arbeit schon wieder eingestellt hat.

Manchmal sind es auch Einzelunternehmen wie z. B. die BASF, die im Rahmen ihrer „Demokratie VEREINt“ eine Plattform bietet, bei der Vereine in deren Einflussbereich ihre eigene Demokratiearbeit „präsentieren“ dürfen.

Von all den Beispielen ist im Grunde nur der Business Council for Democracy (BC4D) von einer gewissen Breite geprägt:

AOK, Bayer, Bulthaupt, Bosch, Deutsche Bank, Telekom, Dr. Oetker, Lufthansa, SAP und Volkswagen sind nur einige Namen. Auch die Robert Bosch Stiftung und die Hertie-Stiftung sind dabei.

Die wichtigste Aktivität: Schulungen für Mitarbeitende zum „Umgang mit Hassrede, Desinformation, Verschwörungsmythen und digitaler Polarisierung.“

Damit wir uns nicht missverstehen: Das ist eine gute Sache. Problematisch ist etwas anderes.

Eben die erwähnte Gemeinsamkeit.

All diese mehr oder weniger authentischen Unternehmensnetzwerke haben unterschiedliche Arbeitsweisen, Formate und Adressaten.

Immer geht es um Demokratie.

Aber stets um die Demokratie der anderen.

Seien es Forderungen an die Politik, vollmundige Erklärungen, kuriose Unterschriftensammlungen oder Schulungen für die Beschäftigten: Demokratie ist stets etwas, was andere bedrohen, andere gestalten oder bewahren, andere organisieren, andere lernen sollen.

Fast so, als wäre man selbst nicht Teil, sondern so etwas wie ein wohlwollender, mahnender, gar aufklärender Zuschauer.

Demokratie im eigenen Unternehmen?

In keinem dieser Netzwerke relevantes Thema.

Doch Demokratie ist keine Wahlform, auch kein Diskussionsstil, sondern eine Gesellschaftsform, die Tag für Tag gelebt und erfahren werden muss, um stark und resilient zu sein.

Und gerade am Arbeitsplatz verbringen viele Menschen einen großen Teil ihrer wachen Zeit.

Der aber ist von ganz anderen Formen des Miteinanders geprägt.

Macht wird hier nicht demokratisch legitimiert, sondern mit Geld gekauft oder von oben verliehen.

Die unbequeme Wahrheit lautet: Hinter den Werkstoren endet zumeist der demokratische Sektor.

Nun ist nachvollziehbar, dass die Arbeitsorganisation eine gewisse Hierarchie benötigt, dass Kompetenz in Fach- und/oder Führungsfragen wichtiger ist, als demokratische Legitimation. Doch das ist im Grunde ohnehin nur eine Legende. Am Ende entscheidet selten Kompetenz, sondern die Frage, wem das Unternehmen gehört. Und selbst wenn es anders wäre:

Das Kompetenzgebot legitimiert noch lange keine diktatorischen Strukturen.

Demokratie in Deutschland findet statt, zumeist aber außerhalb der Unternehmen.

Immerhin werden in vielen Unternehmen Betriebsräte gewählt. Doch die Zahl der Beschäftigten, die durch einen Betriebsrat vertreten werden, sinkt seit Jahren. Sie liegt zwischenzeitlich bei unter 50 %. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten kennt nicht einmal die elementaren Grundlagen betrieblicher Demokratie.

Das machen auch die bislang noch wenigen Unternehmen nicht wett, die Beteiligungsformate organisieren.

Fakt ist: In der deutschen Wirtschaft ist – was das eigene Haus angeht – in Sachen demokratischer Teilhabe noch viel Luft nach oben.

Richtig viel Luft.

Das Projekt PIDA („Partizipation in der Arbeitswelt“) ist eine Kooperation der Gewerkschaft IG BCE und des Berlin Instituts für Partizipation. In diesem Projekt wurde ein Tool entwickelt, mit dem man im eigenen Unternehmen messen kann, wie es um die Beteiligung bestellt ist.

Der Teilhabeindex, kurz TIX, ist öffentlich zugänglich und berücksichtigt organisierte Strukturen der Interessenvertretung wie Betriebsräte, Betriebsversammlungen und Vertrauensleute ebenso wie informelle Beteiligungsangebote.

Die Daten sind in wenigen Minuten erfasst, das Ergebnis kommt sofort. Machen Sie es ruhig einmal für Ihren eigenen Arbeitgeber. Die Nutzung ist kostenlos, persönliche Daten werden nicht erfasst.

Die bislang ermittelten Ergebnisse sind höchst unterschiedlich. Es gibt große und kleine Unternehmen, die ernsthafte demokratische Teilhabe leben. Und es gibt eine Menge Unternehmen, die schlecht abschneiden.

Der Teilhabeindex zeigt jenseits der Sonntagsreden und Presseerklärungen, dass Demokratie in der Arbeitswelt nach wie vor einen exotischen Status hat, auch wenn der Trend – langsam – in die richtige Richtung geht.

Vielleicht brauchen wir einfach weniger Netzwerke, die mit großen Gesten Demokratie stärken wollen, dabei aber doch immer nur die anderen meinen.

Vielleicht brauchen wir viel dringender ein Netzwerk, in dem Unternehmen, Demokratie nicht nur anderswo einfordern, sondern selbst fördern.

Bei sich.

Im eigenen Haus.

Eine starke Demokratie muss ihren Menschen starke demokratische Erfahrungen ermöglichen.

In ihrer eigenen alltäglichen Lebenswirklichkeit.

Und dazu gehört nun einmal in ganz besonderem Maße auch ihr Arbeits- oder Ausbildungsplatz.

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