Ausgabe #317 | 29. Januar 2026
Die Genossen und die Demokratie
Friedrich Wilhelm wurde 1818 geboren. Und er war in vielem ein typisches Kind seiner Zeit.
Er trug nicht nur damals weit verbreitete Vornamen, dieselben wie auch der damalige deutsche Kaiser. Friedrich Wilhelm war tief religiös, hatte acht Geschwister und später sieben Kinder.
Und er schimpfte über Juden.
Tatsächlich hatte eine vom ihm begründete Initiative etwas mit seiner kritischen Sicht auf jüdische Bankiers zu tun:
„Ich betrachte es für die Bevölkerung als das allein richtige und zugleich wirksamste Mittel, wenn sich dieselbe von den Juden selbst emancipiert, die betreffenden Geschäfte, namentlich die Geldangelegenheiten, selbst in die Hand nimmt und sich so vor den bisherigen verderblichen Einflüssen der Juden selbst schützt.“
Friedrich Wilhelm Raiffeisen – der Protagonist unserer Geschichte – sah insbesondere in seiner Zeit als Bürgermeister von Flammersfeld, wie Übervorteilung und Kreditwucher zahlreiche kleine Landwirte in den Ruin trieben.
Er suchte nach einer Lösung – und fand sie in der Idee der gegenseitigen Bürgschaft.
Um nachhaltig zu helfen, gründete Raiffeisen den „Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirthe.“
Auf der Gründungsversammlung kritisierte er die damalige Entwicklung:
„Wie das gierige Raubtier auf das gehetzte und abgemattete Wild, so stürzen sich die gewissenlosen und habgierigen Blutsauger auf die hilfsbedürftigen und ihnen gegenüber wehrlosen Landleute, deren Unerfahrenheit und Not ausbeutend, um sich allmählich in den Besitz ihres ganzen Vermögens zu setzen. Eine Familie nach der anderen wird zugrunde gerichtet.“
Der Verein nahm Kredite auf, um den Landwirten zu helfen – diese Kredite wurden durch eine gemeinsame Bürgschaft aller abgesichert.
Die Idee der Genossenschaft war geboren.
Das Konzept einer solidarischen Insel in einer ansonsten gnadenlosen Markt- und Finanzwirtschaft brauchte jedoch etwas, um Verbreitung zu finden.
Nach einigen eher erfolglosen Versuchen, auf eigene Faust Unternehmen zu führen – so als Zigarrenproduzent und Weinhändler – konzentrierte Raiffeisen sich erst einige Jahre später auf die Ausarbeitung und Verbreitung seines Genossenschaftsgedankens.
Im Jahr seines Todes 1888 existierten bereits 423 Raiffeisen-Vereine. Ein Jahr später wurde das erste Genossenschaftsgesetz erlassen.
Es gibt diese Organisationsform bis heute.
Genossenschaften haben Mitglieder, die einerseits selbstständig wirtschaften und handeln – sich aber gegenseitig unterstützen.
Sie haben eine eigene Rechtsform und agieren marktwirtschaftlich, sind aber nach innen demokratisch organisiert.
„Die Genossenschaft als Rechtsform ist urdemokratisch.“ sagte Ralf Barkey, Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbandes, 2019 in einem Interview.
Heute gibt es rund 8.000 Genossenschaften in Deutschland – mit steigender Tendenz.
Eine wichtige Gesetzesnovellierung trat am 18. August 2006 in Kraft und ermöglichte in Deutschland eine Weiterentwicklung der Genossenschaftsidee – auch durch eine Öffnung der Rechtsform für soziale und kulturelle Zwecke.
Diese Öffnung hat auch zu einem interessanten Projekt geführt, das kürzlich in Chemnitz entstanden ist:
Dort bereiten bislang 58 Menschen rund um Boris Kaiser gemeinsam die Gründung einer Demokratiegenossenschaft vor.
Unter dem Motto „Demokratie braucht mehr als Applaus“ geht es den Beteiligten darum, Demokratiestärkung nicht als kurzfristiges Projekt zu sehen – sondern als eine Aufgabe, die Zeit, Werkzeug und Rückhalt benötigt.
Bislang weitgehend unbeachtet von den Medien haben die Gründer*innen am Konzept gearbeitet.
Ihre Kritik: „Demokratiearbeit in Deutschland lebt auf Zeit. Sie hangelt sich von Förderantrag zu Förderantrag. Ist das Geld weg, verschwinden oft die Strukturen.“
Ihre Lösung: „Wir bauen eine Infrastruktur, die bleibt. Wie ein Stromnetz wollen wir die Energie bereitstellen, damit andere handeln können. Wir planen das Fundament, auf dem die Zivilgesellschaft sicher steht.“
Mitglied der Genossenschaft wird man, in dem man einen oder mehrere Anteile erwirbt.
Die sind keine Spende, sondern bleiben Eigentum der jeweiligen Mitglieder. Unabhängig von den Anteilen hat jedes Mitglied genau eine Stimme.
Geschaffen wird mit dem Geld und weiteren Spenden und Einnahmen Infrastruktur für Engagement: Räume, Technik, Wissen und Werkzeuge, die Initiativen und Engagierten helfen, handlungsfähig zu bleiben. Auch dann, wenn gerade kein Fördertopf da ist.
Die „Rendite“, die andere Genossenschaften regelmäßig ausschütten, ist hier „gesellschaftlicher Frieden.“ Die Genossenschaft will so verhindern, dass die Reparatur der Demokratie später unbezahlbar wird.
Aktuell läuft die Vorbereitung der Gründung. Interessierte können (unverbindlich) Gründungsanteile reservieren.
Ob die Genossenschaft in Chemnitz nachhaltig Wirkung entfalten kann, ist natürlich noch offen. Vieles spricht jedoch dafür, dass die Gründer*innen sehr ernsthaft und reflektiert agieren.
Schön ist zum Beispiel das öffentliche „Fehlerprotokoll“ auf der Webseite, in dem Lernprozesse dokumentiert und Nachjustierungen erläutert werden.
Deshalb lohnt es sich, die Initiative weiter zu verfolgen. Was in Chemnitz wächst, kann auch eine Inspiration für andere Kommunen sein. Denn die Demokratie braucht genau das:
Dauerhafte Stärkung in allen Ecken der Republik.