Ausgabe #318 | 5. Februar 2026
Wertvoller Widerstand
Einer meiner besten Freunde ist Bürgermeister in einer schwäbischen Gemeinde. Seit vielen Jahren schon.
Dreimal hat in dieser Zeit die politische Mehrheit im Gemeinderat gewechselt. Es gab Konflikte um Windräder und Industrieansiedlung, zweimal schrammte die Kommune knapp an der Pleite vorbei.
In all diesen Phasen blieb eines konstant: Der Respekt, den mein Freund in der Einwohnerschaft bis heute genießt – der sich auch in seinen Wahlergebnissen abbildete.
Daran mag sein unkonventioneller Führungsstil einen Anteil haben. Er spricht zum Beispiel prinzipiell mehr und öfter mit den Minderheits- als mit den Mehrheitsfraktionen im Gemeinderat.
Wenn er Beteiligung anbietet, dann startet er prinzipiell immer mit einem Termin, zu dem alle Einwohner*innen eingeladen werden – und an dem er das Vorhaben persönlich vorstellt. Sein Prinzip hat er mir so erläutert:
„Beim ersten Termin lass ich mich ausführlich beschimpfen – und das zu jedem Thema, dass die Leute mitbringen. Am Ende lade ich zu einem zweiten Treffen ein – und da wird dann geschafft.“
Auf meine Frage, warum er das praktiziert, erläuterte er mir vor einiger Zeit seine Grundhaltung:
„Widerstand ist wertvoll.“
Die Idee dahinter ist tatsächlich etwas komplexer. Aber interessant:
Widerstand und Kritik gibt es immer, es allen recht zu machen, ist meist nicht möglich.
Politische Macht, rechtlicher Rahmen oder fundierte Mehrheiten bieten einem oft die Möglichkeit, Widerstand zu ignorieren, schlicht darüber hinwegzugehen. Das funktioniert erstaunlich oft.
Es hat aber zwei Nachteile.
Zum einen löst es zwar häufig den aktuellen Konflikt auf. Es bleiben aber Verlierer*innen zurück. Menschen, deren Kritik schlicht übergangen wurde. Das sorgt erfahrungsgemäß selten dafür, dass die Betreffenden zufrieden sind und ihre Niederlage klaglos wegstecken.
In der Regel sorgt es für Frustrationen, Abkehr und negative Einstellungen gegenüber den persönlichen, politischen und institutionellen Akteuren. Das mag im einzelnen Fall kein Problem sein.
Wenn man aber zum Beispiel viele Jahre als Bürgermeister wirken will, dann ist das Prinzip meines Freundes klug. Oder, wie er sagt: „Der Frust muss raus.“
Es gibt aber noch eine zweite Perspektive: Erstaunlich oft haben Mehrheiten Unrecht und kritisierende Weitsicht.
Kritik also ernst zu nehmen, kann dabei helfen, Vorhaben und Ideen besser, resilienter, erfolgreicher zu machen.
Wer so denkt, lässt sich nicht unbedingt von der Lautstärke oder der Anzahl der Kritisierenden beeindrucken. Sondern lauscht gezielt nach Kritik, ganz besonders nach der leisen.
So wird Widerstand vom Problem zur Ressource. Mein Freund zum Beispiel hat das Rathaus-intern zum Prinzip gemacht. Immer, wenn Projekte anstehen, die eine Arbeitsgruppe erfordern, ernennt er einen Mitarbeiter – oder eine Mitarbeiterin – offiziell zum Advocatus Diaboli.
Die offizielle Aufgabe: Gegen alles zu sein und dafür gute Argumente zu suchen. Die Folge: Diskussionen werden tiefer, die Argumentationen schärfen sich, Fehler werden früher entdeckt, Entscheidungen werden robuster, die Gesprächskultur lebendiger, mutiger, dynamischer.
Ein Geheimnis hat mein Freund mir auch verraten: Er wählt für diese Rolle gezielt den größten Griesgram im Team aus, genau jene Person, die am liebsten gar nicht da wäre. Damit legitimiert er die Einstellung – und macht damit gute Erfahrungen.
Man kann dieses Konzept als Führungstool nutzen. Man kann aber auch für die Beteiligung daraus lernen. Und zwar gleich zwei Dinge.
Einerseits macht vor diesem Hintergrund Beteiligung nicht nur dann Sinn, wenn Vorhaben gefährdet sind, weil es viele und/oder laute Kritiker*innen gibt.
Sondern eben auch dann, wenn auf den ersten Blick alles ganz einfach und breit akzeptiert ist. Dann steht nicht Befriedung im Fokus der Beteiligung, sondern Qualität. Und bei langfristig wirksamen Themen ist das genau der richtige Fokus.
Zum anderen kann Widerstand, egal ob laut oder leise, breit oder partiell tatsächlich kein Problem, sondern eine wertvolle Ressource sein.
Das ist die Grundidee von Beteiligung. Die allerdings häufig hinter anderen Motiven verschwindet.
Beteiligung ist eben (auch) Beteiligung der Andersdenkenden.
Und dafür braucht es manchmal gar keine ausgefeilten neuen Methoden, sondern schlicht den Mut Reibung zu legitimieren.
Ob Widerstand wertvoll ist, hängt zu großen Teilen davon ab, ob er als Problem gesehen wird.
Oder als Ressource.