Ausgabe #323 | 12. März 2026
Wie wir die Falschen finden
Ich esse gern. Also wirklich gern. Und deshalb tendenziell zu viel.Damit gehöre ich zu dem nicht geringen Teil unserer Bevölkerung, der sich in seinem Leben immer mal wieder mit unterschiedlich klugen und selten erfolgreichen Diäten gequält hat.
Mit Leidensgenoss*innen teile ich dabei eine merkwürdige Erfahrung: Sobald ich hungere, sehe ich an jedem Eck irgendwelche Leute essen. Viel mehr als sonst.
Ähnliches beobachten Ex-Raucher*innen in der Entwöhnungsphase oder Menschen, die ihren Alkoholkonsum einschränken wollen.
Immer dann, wenn wir etwas vermissen, fällt uns besonders intensiv auf, wenn andere es genießen. Dafür gibt es einen Begriff: Salienz.
Er kommt, wie so oft, aus dem Lateinischen, von „salentia“ und meint „Hervorspringen“.
In der Psychologie, beschreibt Salienz, dass ein Reiz (z. B. ein Objekt oder eine essende Person) aus seinem Kontext hervorgehoben und dadurch dem Bewusstsein leichter zugänglich ist als ein nicht-salienter Reiz.
Deshalb fallen einem hungrigen Menschen Lebensmittel eher auf als einem satten Menschen.
Salienz entsteht aber auch, indem sich etwas besonders von seiner Umgebung abhebt. In einem Korb grüner Äpfel fällt der einzige rote Apfel ganz besonders auf.
Tatsächlich fördert Salienz auch ein anderes gesellschaftliches Phänomen, nämlich die Zuschreibung von Merkmalen zu Bevölkerungsgruppen.
Wenn Angehörige von Minderheiten bestimmte Verhaltensweisen zeigen, wird dieses Verhalten von den übrigen Menschen mit höherer Wahrscheinlichkeit auf die Zugehörigkeit zu dieser Minderheit zurückgeführt als dasselbe Verhalten eines Mitglieds der Mehrheit auf die Zugehörigkeit zu ebendieser Mehrheit.
Salienz ist ein wenig bekanntes Konzept, das aber durchaus Wirkung auf unser demokratisches Miteinander hat.
Tatsächlich auch im Bereich der demokratischen Teilhabe.
Nämlich dann, wenn es um die Frage geht, wer nun eigentlich wirklich zu einem Thema oder einem Vorhaben beteiligt werden soll.
Überall da, wo nicht gelost wird (wie z. B. bei Bürgerräten) oder einfach nur offen eingeladen und daher der Selbstrekrutierung überlassen wird, stellt sich die Frage: Wen laden wir ein?
Dort, wo professionell gearbeitet wird, beruht die letztliche Auswahl auf einer Stakeholder-Analyse. Weit verbreitet ist die Erarbeitung einer Stakeholder-Matrix.
Die Akteursgruppen werden in einem Koordinatensystem nach den Kriterien Interesse/Einfluss verortet. Das Tool stammt aus dem Projektmanagement und sieht im Original nur für jene Gruppen mit großem Interesse UND großem Einfluss „Beteiligung“ vor.
Eine solche Matrix anzufertigen, macht Sinn, sie muss nur von den Beteiligenden anders gelesen werden. Denn dort geht es ja gerade darum, die Menschen mit großem Interesse (in der Beteiligung übersetzt mit „Betroffenheit“) in Wirkung zu bringen, die eben NICHT ohnehin schon großen Einfluss haben.
So gelesen ist die Stakeholder-Matrix hilfreich.
Ein ähnliches Tool wird heute schon in der Wirtschaft für die Auswahl zu beteiligender Stakeholder eingesetzt – und es gibt auch schon erste öffentliche Institutionen, die dies in der Planung von Bürgerbeteiligung nutzen.
Es ist das Salienz-Modell.
Das kennt anders als die Stakeholder-Matrix nicht vier, sondern acht Felder, die sich aus der Überlappung dreier Kreise ergeben:

Hier werden die Stakeholder nach drei Kriterien sortiert: Macht, Legitimation, Dringlichkeit.
Manche Stakeholder haben Macht, aber keine Legitimität oder Dringlichkeit. Sie haben daher wenig Einfluss, es sei denn, sie beginnen, ihre Macht auszuüben. Als Beispiel werden Investoren aufgeführt.
Andere haben eine Legitimation, aber keine Macht oder Dringlichkeit. Sie haben legitime Interessen, aber keinen direkten Einfluss wie zum Beispiel lokale Interessengruppen.
Die dritte Gruppe hat Dringlichkeit, aber keine Macht oder Legitimität. Ihre Forderungen sind dringend, haben aber wenig Einfluss. Als Beispiel werden Anwohner benannt.
Alle drei Gruppen werden nach diesem Modell NICHT beteiligt.
Kommen wir zu den Schnittmengen:
Manche Gruppen haben Macht und Legitimität, aber keine Dringlichkeit. Sie gehören in die Rubrik „dominant“, haben Einfluss und müssen laut Modell „eng geführt werden“. Typisches Beispiel: Akteure der Verwaltung.
Andere haben Macht und Dringlichkeit, aber keine Legitimität. Sie können durch ihre Macht und Dringlichkeit potenziellen Schaden anrichten. Als Beispiel werden Aktivisten und Demonstranten benannt. Sie gelten als „gefährlich“.
Die dritte Gruppe hat Interessen, die legitim und dringend sind, doch sie ist auf Einflussnahme angewiesen. Lokale Unternehmen, die keinen direkten Einfluss haben, werden als Beispiel aufgeführt. Diese Gruppe gilt als „abhängig“.
Es bleibt eine letzte Gruppe, auf die alle drei Faktoren zutreffen, die „definitiv“ zu Beteiligenden: Sie haben Macht, Legitimität und Dringlichkeit. Sie haben oberste Priorität und erfordern sofortige und kontinuierliche Aufmerksamkeit. Das können aus der Perspektive von Unternehmen die wichtigsten Kunden sein – aber auch die eigene Unternehmensleitung.
Das Salienz-Modell ist ausgezeichnet geeignet, um in einem komplexen Stakeholder-Umfeld erfolgreiche Durchsetzungsstrategien zu entwickeln.
In der Beteiligung ist es gefährlich.
Weil es eben genau das tut, was der Name sagt: Es ermittelt Salienz und bedient diese. In der Beteiligung geht es genau um das Gegenteil:
Eben jenen Menschen Einflussmöglichkeiten zu geben, die nicht salient sind. Nicht laut, nicht fordernd, nicht mächtig, nicht ohnehin schon anderweitig wirksam.
Und doch kann es im Rahmen der Entwicklung von Beteiligungsprozessen Sinn machen, das Salienz-Modell einmal mit allen in Frage kommenden Akteursgruppen zu bestücken. So können wir ermitteln, für welche Gruppe wir den Prozess eben NICHT gestalten – und wie wir damit umgehen, wenn sie am Ende – weil z. B. offen eingeladen – im Prozess dabei ist.
Da kann das Salienz-Modell helfen. Auch wenn eine weitere Herausforderung bleibt: Die entscheidende Frage ist, wer aufgrund welcher Kriterien darüber befindet, was „legitim“ ist. Entsteht hier eine Schieflage, kippt das ganze Modell.
Der aktuelle politische Feldzug einiger konservativer Politiker*innen gegen NGOs ist mit dem Salienz-Modell gut erklärbar. Wer nämlich zum Beispiel Umweltverbänden die Legitimität abspricht, sie aber als machtvoll und nervend erlebt, für den sind sie tatsächlich in erster Linie genau das, was das Salienz-Modell anbietet: gefährlich.
Unser Fazit: Der aktuelle Siegeszug des Salienz-Modells im Umgang von Politik, Wirtschaft und teilweise Verwaltung mit Stakeholdern ist gefährlich, weil er am Ende die Falschen beteiligt.
Deshalb sollten Menschen, die beteiligen, das Modell kennen – damit es sie nicht auf falsche Pfade führt.