#331 | Die Habermas-Maschine

Google hatte eine Idee: Deliberation durch KI zu ersetzen.

Ausgabe #331 | 7. Mai 2026

Die Habermas-Maschine

Wie schön wäre es, wenn wir unsere Differenzen sachlich austragen könnten. In einem wertschätzenden Dialog. Auf Augenhöhe. Ohne Machtgefälle. Argumentationsbasiert und um Einigung bemüht.

Nicht nur Menschen, die Beteiligungsprozesse organisieren, träumen immer wieder von diesem Ansatz. Und sie wissen zugleich: Richtig gut funktioniert das nur in einer anderen Galaxie.

Hier setzt das Konzept der Deliberation an. Es beschreibt als Idealbild eine auf den Austausch von Argumenten angelegte Form der Entscheidungsfindung unter Gleichberechtigten.

Das bessere Argument und nicht die Mehrheitsabstimmung soll die Entscheidungen prägen und zu besseren Entschlüssen führen, weil – im Idealfall – alle Argumente gegeneinander abgewogen werden und eine Einigung auf die »beste« Lösung möglich ist.

Das Konzept basiert auf der Diskurstheorie des Sozialphilosophen Jürgen Habermas.

Die Beratungen sollen laut der Theorie geprägt sein durch den Austausch von Argumenten, Inklusion und Öffentlichkeit.

Am Ende sollen in einer deliberativen Demokratie nicht Mehrheitsentscheidungen und politische Macht prägend sein, sondern der Austausch von Argumenten.

Die Grundidee der Bürgerbeteiligung basiert auf diesem Konzept.

Und zeigt zugleich in der Praxis immer wieder, wie herausfordernd es ist, echte Deliberation zu leben.

Zu häufig sind Werte, Interessen und Diskurskultur der Beteiligten so unterschiedlich, dass selbst bei bester Moderation echte deliberative Momente entweder gar nicht oder nur in wenigen kurzen Phasen realisiert werden können.

Die Idee der losbasierten Bürgerräte ist eine Antwort auf diese Herausforderung: Wenn nur wenige, mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte Menschen ohne frustrierende gemeinsame Vorerfahrung oder gar Konfliktgeschichte zusammenkommen, ist Deliberation weitaus leichter zu organisieren.

Da auch nach Habermas für eine erfolgreiche Deliberation nicht wichtig ist, dass alle Betroffenen unmittelbar persönlich beteiligt sind, wohl aber alle relevanten Argumente und Perspektiven in den Prozess einfließen, steht eine möglichst repräsentative Auswahl der Gelosten im Mittelpunkt.

Das erhöhte die Deliberationschancen.

Google hatte eine andere Idee:

Das zum Google-Konzern gehörende Unternehmen DeepMind entwickelte ein KI-Tool, das aus Streit Deliberation machen sollte.

Google versprach, mittels großer Sprachmodelle die gemeinsamen Perspektiven von Diskussionsteilnehmern zu erfassen und in einer ›Gruppenaussage‹ so zu bündeln, dass alle Beteiligten zustimmen könnten.

An einer entsprechenden Studie nahmen mehr als 5.000 Menschen aus Großbritannien teil. Die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden in Kleingruppen aufgeteilt und zu ihrer Meinung zu verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Themen befragt. Diese schriftlichen Statements wurden sowohl einem menschlichen Moderator als auch dem KI-Tool vorgelegt. Beide generierten aus den Einzelmeinungen Gruppenaussagen und sollten dabei Gemeinsamkeiten finden.

56 Prozent der Teilnehmenden bevorzugten die KI-generierte Gruppenaussage. 44 Prozent fanden dagegen die Zusammenfassung des menschlichen Mediators besser.

Und: Die Meinungen der Studienteilnehmenden lagen nach der KI-Moderation näher beieinander als zuvor, anders als bei einem Meinungsaustausch der Teilnehmenden untereinander.

Das KI-Tool konnte also laut Experiment besser zwischen Personen mit unterschiedlichen Meinungen vermitteln als menschliche Moderatoren.

Laut den Wissenschaftler*innen von Google DeepMind konnte die KI die Standpunkte klarer, informativer und objektiver zusammenfassen und so aus unterschiedlichen Meinungen quasi eine Deliberation simulieren und Ergebnisse von deliberativer Qualität produzieren.

Sicher nicht ohne Marketing-Hintergedanken nannte Google das KI-Tool deshalb: „Habermas-Maschine“.

Was, mit Verlaub, ein ziemlicher Quatsch ist.

Denn wer Deliberation richtig verstanden hat, der weiß: Eine Maschine, die für uns die Deliberation erledigt, kann es gar nicht geben.

Denn zentral für die qualitative Beurteilung von Deliberation ist der Prozess. Der Austausch von Argumenten. Das Sprechen, aber eben auch das Zuhören. Die Summe der vielen Denkprozesse, die bei allen Beteiligten ablaufen. Der Respekt im Umgang mit Andersdenkenden.

Das kann man digital simulieren.

Dann ist es nur keine Deliberation mehr.

Das sah auch Habermas so, der die Namensnutzung prompt untersagte, als er auf das Google-Projekt hingewiesen wurde.

Seine Position war eindeutig:

„Ein KI-Programm für praktische Diskurse ist nach meiner Auffassung schon deshalb nicht möglich, weil die jeweils aktuell Beteiligten im Hinblick auf eine faire Verallgemeinerung der jeweils berührten und in der Regel konfligierenden Interessen darin eine Bedingung erfüllen sollen, die sie nur aus der Perspektive der ersten Person erfüllen können.“

Deliberation können, so Habermas, dauerhaft nur Menschen, denn „jedem Diskursteilnehmer wird in persona die anspruchsvolle Aufgabe einer sensiblen gegenseitigen Perspektivenübernahme zugemutet.“

Google hat nach Bekanntwerden von Habermas’ Reaktion versprochen, künftig auf die Verwendung seines Namens zu verzichten.

Wir aber können aus dem Fall für gelingende Beteiligung Einiges lernen:
Die Idee, Deliberation – also die Kernaufgabe Guter Beteiligung – in irgendeiner Weise abkürzen oder gar technologisch ersetzen zu können, ist absurd.

Das heißt im Umkehrschluss: Wann immer wir über digitale Beteiligungsformate nachdenken, geht es um die Frage, wie sie Deliberation gestalten können – nicht ersetzen.

Was im digitalen Raum stattfindet, aber deliberationsfrei gestaltet wird, kann vieles sein: Konsultation, Meinungsforschung, vielleicht sogar Direktdemokratie. Manchmal auch nur Beschäftigung. Nur eines ist es nicht: Beteiligung.

Und dank der Klarstellung von Habermas, zu der ihn die nach ihm benannte Maschine motivierte, nehmen wir auch noch eine weitere Perspektive mit:

Gute Deliberation der Wenigen, also der Ausgelosten in einem Bürgerrat, hat Qualität und kann ganz ausgezeichnete Ergebnisse produzieren – die wiederum, wenn sie denn tatsächlich von der Politik aufgegriffen werden, bei der Gestaltung gesellschaftsverträglicher Lösungen helfen können.

Sie kann aber in vielen Fällen die Beteiligung unmittelbar Betroffener nicht ersetzen.

Nämlich dann, wenn es zur Befriedung von Konflikten der Bewegung Vieler bedarf.

Habermas stellt klar: „Jedem Diskursteilnehmer wird in persona die anspruchsvolle Aufgabe einer sensiblen gegenseitigen Perspektivenübernahme zugemutet.“

Und manchmal braucht es diese Zumutung eben für möglichst viele Betroffene, nicht nur für einen kleinen Prozentsatz.

Ernsthafte Betroffenenbeteiligung und losbasierte Formate sind keine Konkurrenz.

Solange wir nicht versuchen, das eine durch das andere zu ersetzen.

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