#320 | Wenn Fakten stören

Die Lüge hat es stets leichter als die Wahrheit. Selbst dann, wenn sie als Lüge entlarvt wird.

Ausgabe #320 | 19. Februar 2026

Wenn Fakten stören

Schon am Ende von Donald Trumps erster Amtszeit erstellte die Washington Post eine Bilanz seiner Falschaussagen. Sie kam auf mehr als 30.000. Die Tagesschau titelte damals: „Der Herr der Lügen“.

Daran sind einige Dinge bemerkenswert.

Die Redaktion der Washington Post machte sich nicht nur die Mühe, jede einzelne Lüge aufzulisten – sondern sie widerlegte sie auch mit Fakten. Und doch veränderte sich die Zahl der Menschen, die Trump glaubten, kaum. Seine tägliche Lügenquote nahm im Lauf seiner Amtszeit sogar tendenziell zu.

Und es reichte für eine erneute Wahl.

In seiner zweiten Amtszeit wurden die Lügen erneut mehr – und noch offensichtlicher. Und doch regiert er nach wie vor – und ist Oberbefehlshaber über die gefährlichste Armee des Planeten. Trump hat die Lüge als politisches Machtinstrument nicht erfunden. Er ist Ausdruck einer Zeit, in der Fakten auch in der internationalen Politik zur Beliebigkeit verkommen, ja oft einfach nur stören.

Weltweit eifern ihm Machthungrige aller politischen Ausrichtungen nach. In Deutschland hat die Seuche der Faktenfreiheit längts auch Politiker*innen demokratischer Parteien erreicht.

Echtzeit-Faktenchecks sind zum obligatorischen Beiwerk von Talkshows geworden. Engagierte Demokrat*innen und anspruchsvolle Journalist*innen können die Lügen oft gar nicht so schnell entlarven, wie sie wirken. Und selbst überführte Lügen bleiben in der Regel folgenlos.

Die Wirkung der Faktenchecker bleibt überschaubar. Nicht nur wegen der schieren Masse. Auch wegen eines Denkfehlers. Der ist mehr als verständlich und geht ungefähr so:

Eine Lüge, zum Beispiel über die Bevorzugung von Flüchtlingen bei Zahnarztterminen, wird in die Welt gesetzt. Menschen hören sie. Menschen glauben sie. Und werden dadurch beeinflusst. Ihre Ressentiments gegenüber Flüchtlingen nehmen zu. Kann ich diesen Menschen jetzt zeigen, dass sie einer Lüge aufgesessen sind, erkennen sie deren Wirkung. Sie drehen das Rad ihrer Vorbehalte zurück, ihre Ressentiments sinken.

Nichts daran ist realistisch.

Zum einen ist es nicht die eine Lüge, die Ressentiments schafft. Sie verstärkt sie nur. Und das vor allem bei Menschen, die das wollen. Die meisten Lügen sind nicht clever oder schwer zu durchschauen. Sie sind plump, dumm, offensichtlich. Aber sie treffen eine Erwartungshaltung. Nicht die Erwartung, dass sie wahr seien. Sondern die Erwartung, dass sie die eigenen Vorurteile positiv adressiert und unterstützt.

Wir alle lieben Fakten, die unsere Meinung bestätigen. Je besser sie das tun, desto weniger wichtig ist es, ob sie einem Faktencheck standhalten.Und wenn sie es einmal nicht tun – dann greift ein Mechanismus, der gut untersucht ist: Der Backfire-Effekt.

Er beschreibt ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen an falschen Überzeugungen festhalten oder diese sogar noch verstärken, wenn sie mit widersprechenden Informationen konfrontiert werden.

Der Effekt ist besonders stark, wenn der negative „Faktencheck“ besonders klar, überzeugend, öffentlich und eindringlich daherkommt.

Kurz gesagt: Je eindeutiger einem die eigene Dummheit vorgeführt wird, desto eher bewirkt sei das Gegenteil.

Das ist einer der Gründe, warum sich Verantwortliche in Politik und Verwaltung – oder bei großen Vorhabenträgern – so schwer damit tun, bei Informationsveranstaltungen mit ihren Fakten durchzudringen.

Gerade weil solche Veranstaltungen genau darauf zugeschnitten sind, erst einmal die „grundlegenden Fakten“ zu klären.

Verstärkt wird das regelmäßig durch weitere, oft gut gemeinte, Faktoren: Konfrontative Bestuhlung, Ankündigung von „Experten*innen“ mit Doktortiteln und akademischer Reputation – und Hordenbildung im Publikum.

Wenn eine Geologin oder ein Stadtplaner eine geschlossene Gruppe von Fakten überzeugen will, die nicht in deren Gemütslage passen, ist die Erfolgschance gering.

Wichtig ist die Erkenntnis: Das hat nichts mit mangelnder Kompetenz der Expert*innen zu tun. Oder mit der Dummheit der Menschen. Selbst bei Professor*innen kann man den Backfire-Effekt messen.

Es hat vielmehr etwas damit zu tun, dass über die falschen Dinge gesprochen wird.

Gerade in Beteiligungsprozesse geht es viel weniger um Fakten als um Sorgen, Nöte, Ängste, Erwartungen, Phantasien, Befürchtungen.

Falsche Fakten sind nicht das Kernproblem in der Beteiligung. Deshalb sind richtige Fakten auch keine Lösung.

Gute Beteiligung ist weniger Umgang mit Wissen als Umgang mit Nichtwissen. Das mag bedauerlich sein. Aber es ist so. Und deshalb ist der Versuch, Dialog über Emotion durch Wissensvermittlung zu ersetzen oder auch nur hinauszuzögern, immer wieder erfolglos.

Und auch die Forderung nach Faktenakzeptanz als Einstiegsvoraussetzung ist nicht zielführend. In der Beteiligung, gerade bei Konfliktthemen, müssen wir über Emotionen, Haltungen, Werte sprechen. Und zwar von Anfang an.

Degradiert das die Fakten nicht zur Beliebigkeit? Das tut es nicht. Es holt die Dinge ins Zentrum, die die Menschen beschäftigten. Und die bearbeitet werden müssen, wenn es am Ende Chance auf Einvernehmen und eine Miteinander geben soll. Und wir müssen da auch keine Sorge haben:

Falsche Fakten sind nur dann gefährlich, wenn man eine Faktendebatte führt, wo man über Gefühle sprechen sollte.

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