Ausgabe #333 | 21. Mai 2026
Die Wunschliste
„Was wünscht ihr euch?“ ist eine beliebte Frage zu Beginn von Beteiligungsprozessen.
Sie ist gefährlich.
Denn wer fragt, bekommt Antworten. Und wer Wünsche sammelt, viele Wünsche, viele unterschiedliche Wünsche – der produziert Enttäuschungen.
Deshalb ist das Sammeln von Wünschen auch eines der Bilder, das Skeptiker*innen im Kopf haben, wenn sie ihre Bedenken gegen Bürgerbeteiligung anmelden.
Die Allianz Vielfältige Demokratie hat vor einigen Jahren einmal die zehn größten Vorbehalte gegen Bürgerbeteiligung gesammelt. Auf Platz 6 landete:
„Die Bürger geben nur ihren Wunschzettel ab, wollen aber selbst keinen Beitrag leisten.“
Wer das formuliert, hat die Qualität von guten Beteiligungsprozessen nicht verstanden – oder noch nicht erlebt.
Tatsächlich ist gute Bürgerbeteiligung nicht das Sammeln von Wünschen Einzelner.
Sondern die gemeinsame Suche nach den besten Lösungen für viele.
Und viele meint eben nicht: genau die Beteiligten. Sondern auch jene, die vom Beteiligungsgegenstand betroffen sind, aber nicht dabei sein können.
Weil sie nicht eingeladen wurden, weil sie die Einladung nicht erhalten haben, weil sie nicht die Zeit haben, sich nicht die Kompetenz zutrauen, oder weil sie im Fall von Bürgerräten schlicht nicht ausgelost wurden.
Bürgerbeteiligung verhandelt Partikularinteressen, leistet aber mehr als nur ein Aushandeln zwischen Partikularinteressierten.
Wenn sie gut gemacht ist.
Dabei kommt es auf die Wahl der Methoden und Formate an: Beteiligungsformate, die ausschließlich im digitalen Raum stattfinden, leisten oft nicht mehr als das Einsammeln von Wünschen.
Ohne analoge Formate, ohne die Möglichkeit Fragen zu stellen, ins Gespräch zu kommen, einen echten Diskurs zu starten, bleibt Bürgerbeteiligung hinter ihren Möglichkeiten.
Wer sich aktiv an der Gestaltung der Stadtgesellschaft beteiligt, wünscht nicht nur, sondern bringt viel ein: Zeit, Erfahrung, oft auch Frustrationstoleranz.
Viele Kommunen, die beteiligen, erleben, mit welchem Einsatz Bürgerinnen und Bürger aktiv mitarbeiten und viele Stunden unbezahlt aktiv sind, wenn sie die Räume und Freiräume dafür bekommen.
Leerstände werden umgenutzt, Grünflächen mitgestaltet, Urban Gardening aktiviert Nachbarschaften, bei Nachhaltigkeitstagen stehen Aktive Stunden an Ständen und zeigen, was möglich ist.
Oft machen sie das, ohne dass ihnen jemand Beteiligung angeboten hat, aus zivilgesellschaftlicher Verantwortung heraus.
Wenn sie dann in Beteiligungsprozessen tatsächlich zu bloßen Wunschzettelausfüller*innen werden, liegt es möglicherweise nicht an den Bürger*innen – sondern am Prozessdesign.
Wer nur nach Wünschen fragt, kriegt auch nur Wünsche.
Wer Gestaltungsräume eröffnet, kriegt Mitgestaltung.
Wer Engagement ermöglicht, kriegt Engagement.
Bürgerbeteiligung kann mehr als Wünsche einzusammeln, wenn man sie lässt.
Und doch beginnt sie bei den Wünschen.
Das muss sie auch.
Denn Wünsche sind eine starke Motivation für Beteiligung, oft die einzige. Dazu gehört genauso legitim auch der Wunsch, dass etwas nicht passiert.
Das Finden von Lösungen, das Erzielen von Einvernehmen ist die Aufgabe der Beteiligung – und deshalb ist auch die gemeinsame und individuelle Erkenntnis, dass nicht jeder Wunsch Wirklichkeit werden kann, ein wichtiger Prozessbestandteil.
Dafür müssen wir aber Perspektiven, Interessen, Wünsche, Vorbehalte, Befürchtungen und Erwartungen aller Beteiligten kennen.
Sie müssen auf den Tisch.
Im Idealfall aber eben nicht als Einsammeln individueller Wunschzettel.
Und auch nicht im Rahmen einer Positionierung von Beteiligten gegen Beteiligende.
Deshalb vermeiden gute Prozessgestalter*innen und Moderator*innen im Satz
„Was wünscht ihr euch?“
zwei Dinge: das „wünschen“ und das „ihr“.
Der ideale Einstieg, lautet deshalb nicht „Was wünscht ihr euch?“,
sondern:
„Was brauchen wir?“.
Das ist nicht immer, nicht automatisch, aber oft der erste Satz in einem wunderbaren Beteiligungsprozess.