Ausgabe #341 | 16. Juli 2026
Vorsicht vor Porzellan
Im Berlin Institut für Partizipation beschäftigen wir uns viel mit der Qualifizierung von Menschen, die Beteiligungsprozesse organisieren.
Es geht um Wissensvermittlung – und manchmal auch um Tränen. Ob bei offenen Seminaren, Inhouse-Fortbildungen mit Beteiligungsteams oder im Zertifikatslehrgang Beteiligungsmanagement.
Bei einem Thema kochen die Emotionen verlässlich hoch, kommen Verletzungen auf den Tisch.
Immer dann, wenn es um die Moderation geht. Besonders in konfliktbelasteten Prozessen, manchmal auch überraschend bei Themen, die man diesbezüglich gar nicht im Verdacht hatte.
Denn nicht selten entlädt sich lange aufgestauter Zorn der Menschen ausgerechnet an den Menschen, die ihnen eine gute Beteiligung ermöglichen sollen und wollen.
Dass ein*e Moderator*in den Raum nur unter Polizeischutz verlassen kann, ist zwar eher selten. Dass Moderierende aber wüst beschimpft, persönlich beleidigt und verbal abgewertet werden, passiert jeden Tag irgendwo in Deutschland.
Deshalb gehört zu einer seriösen Qualifizierung für Moderierende auch der Umgang mit solchen Situationen und damit insbesondere die Frage der persönlichen Resilienz.
Es gibt Techniken, die helfen, solche Eskalationen unwahrscheinlicher zu machen. Ganz zu vermeiden sind sie nicht.
Wenn wir dann über den Umgang damit sprechen, erzähle ich gerne eine Geschichte.
Angeblich ist sie wirklich passiert, wahrscheinlicher ist, dass sie vom amerikanischen Unternehmensberater und Bestseller-Autor Simon Sinek erfunden wurde.
Er baut sie gerne in seine Vorträge ein.
Doch ob gänzlich real, nur ein bisschen wahr oder komplett erfunden: Aus Geschichten können wir lernen.
Diese hier geht ungefähr so:
Ein ehemaliger US-Staatssekretär sollte eine Rede auf einer großen Konferenz halten.
Er stand mit seinem Kaffee auf der Bühne, blickte auf den Styropor-Becher in seiner Hand, stutzte kurz und lächelte.
„Wissen Sie“, sagte er, „ich habe letztes Jahr schon einmal auf dieser Konferenz gesprochen. Damals war ich noch im Amt. Ich flog in der ersten Klasse hierher. Am Flughafen wartete ein Chauffeur, der mich direkt zu meinem Hotel fuhr. Im Hotel hatte mich bereits jemand eingecheckt und brachte mich direkt auf mein Zimmer.“
Er nahm einen Schluck und fuhr fort: „Am nächsten Morgen ging ich in die Lobby. Dort wartete wieder ein Fahrer auf mich und brachte mich zum Veranstaltungsort. Man führte mich durch den Backstage-Bereich direkt in einen Backstage-Raum. Dort reichte mir jemand einen Kaffee in einer wunderschönen Porzellantasse.“
„Dieses Jahr“, sagte der Redner, „bin ich kein Staatssekretär mehr. Ich flog in der Economy-Klasse hierher. Am Flughafen musste ich mir selbst ein Taxi nehmen. Als ich im Hotel ankam, musste ich mich ganz normal in der Schlange anstellen, um einzuchecken. Heute Morgen nahm ich wieder ein Taxi, um hierherzukommen. Ich ging durch den Haupteingang und musste lange suchen, bis ich einen Ansprechpartner fand.“
Er hielt den Becher hoch: „Als ich Backstage nach einem Kaffee fragte, zeigte mir jemand die Kaffeemaschine in der Ecke. Ich musste mir meinen Kaffee selbst einschenken – in diesen billigen Styropor-Becher.“
Der Mann lächelte versonnen.
„Ich gestehe, ein wenig sauer war ich schon. Doch gerade eben, hier auf der Bühne, habe ich es verstanden…“
„Die Porzellantasse war nie für mich bestimmt. Auch nicht der Service. All das war keine Wertschätzung von mir als Person. Sondern eine Wertschätzung gegenüber der Position, die ich innehatte. Ich persönlich habe immer nur den Styropor-Becher verdient.“
Simon Sinek erzählt diese Geschichte, um zu Bescheidenheit zu mahnen, und davor zu warnen, Privilegien und Wertschätzung falsch zu interpretieren.
Doch uns zeigt das Beispiel noch etwas anderes: Wir haben Rollen. Und manchmal ist das Einzige, was die Menschen an uns interessiert, diese Rolle.
Das können wir auf der einen Seite bedauern.
Wir können aber auch Stärke daraus ziehen.
Wenn wir erkennen, dass wir in der Rolle der Moderation für manche, insbesondere emotional erregte Menschen, für Dinge stehen, die wir nicht zu verantworten haben und die wir nicht ändern können.
Fast immer sind Angriffe auf Menschen, die Beteiligung anbieten, ihrer Rolle geschuldet, nicht ihrer Persönlichkeit.
Das wäre einfacher zu ertragen, wenn diese Kritik sachlich wäre, wenn sie keine persönlichen Herabsetzungen, Diffamierungen, Beleidigungen enthielte.
Das ist sie aber oft nicht.
Deshalb brauchen wir eine Strategie, um damit umzugehen.
Sich die Geschichte des Staatssekretärs in Erinnerung zu rufen, kann da schon helfen.
Was auch hilft: Die eigene Rolle zu Beginn glasklar zu erklären und zu klären. Die Allparteilichkeit zu erläutern und zu leben.
Und wenn es doch persönlich wird?
Dann kann das berühmte Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun helfen. Wer Beteiligung moderiert, sollte es kennen.
Und können.
Schulz von Thun erklärt damit sehr gut das Eskalationspotential in vielen zwischenmenschlichen Situationen.
Das berühmteste Beispiel: Ein Paar sitzt im Auto. Die Frau am Steuer. Der Beifahrer sagt: „Die Ampel ist grün.“
Der Mann sendet folgende Botschaften:
- Sachebene: Die Ampel ist jetzt grün.
- Selbstoffenbarung: Ich habe es eilig und bin ungeduldig.
- Beziehungsebene: Du bist zu langsam oder unaufmerksam.
- Appellebene: Fahr jetzt endlich los!
Die Reaktion der Fahrerin (z. B. genervt: „Fährst du oder fahre ich?!“) entsteht, weil sie die Nachricht primär auf der Beziehungs- oder Appellebene interpretiert, obwohl der Mann es sachlich gemeint haben könnte.
Hat er vermutlich nicht. Oder vielleicht doch. Es ist im Grunde egal: Der Konflikt nimmt seinen Lauf.
Für Moderierende empfehle ich in Situationen, in denen sie persönliche Angriffe wahrnehmen, tatsächlich das Kommunikationsquadrat zu nutzen. Für eine Reaktion, die ich „wohlwollendes Missverstehen“ nenne:
Ich verstehe, dass die Äußerung nicht auf der Sachebene motiviert ist, und ignoriere zugleich vollständig jeden Impuls, diesen Angriff auf der Beziehungsebene zu interpretieren.
Es ist die Selbstoffenbarung, die ich in diesem Moment lese. Und die sagt mir: Es ist deine Rolle, so wie ich sie wahrnehme. Die hat uns diesen Konflikt beschert.
Darüber verhandeln wir jetzt. Was wir aus dieser Situation machen – nicht über unsere persönliche Beziehung.
Diese Reaktion kann man trainieren. In Seminaren, in der Praxis.
Das ist wichtig. Für einen selbst, aber eben auch für gelingende Prozesse.
Natürlich stecken wir als Person, mit all unseren Eigenschaften und Emotionen in so einem Prozess. Worum es dabei aber immer geht. Das sind nicht wir, sondern die Rolle, die wir ausüben.
Und diese Rolle kann uns eben beides bescheren:
Die Porzellantasse.
Und den Konflikt.
Solange wir uns bewusst sind, dass weder das eine noch das andere uns als Person zugedacht ist, haben wir eine Chance, gut damit umzugehen.
Deshalb setzen wir bei Moderations-Trainings des Berlin Instituts für Partizipation übrigens so gerne Theaterpädagog*innen ein. Die Theaterpädagogik hat Haltung und Methoden, um das ganz wunderbar praktisch zu trainieren.