Ausgabe #339 | 2. Juli 2026
Der Tag danach
Die meisten kennen sie. Manche sind belustigt. Andere bekommen schon Panik, wenn sie von ihnen angesprochen werden. Andere wieder sind willige Opfer.
Und deshalb Mitglied im ADAC, bei BUND oder WWF, der Gewerkschaft Verdi, Unicef oder irgendeinem obskuren Verein, der mit großen Kinderkulleraugen wirbt.
Es geht um die Drückerkolonnen. Das Magazin STERN nannte sie „Wegelagerer der Fußgängerzone“.
Junge Menschen, die einen mit gnadenloser Empathie überfallen und einem auch schon mal viele Meter nachlaufen, um uns zu gewinnen.
Dass es sich in den meisten Fällen nicht wirklich um Mitglieder der jeweiligen Organisation handelt, ahnen wir.
Dass das Geschäftsmodell dahinter aber zumindest zweifelhaft ist, ist weniger bekannt.
Agenturen, die von den jeweiligen Organisationen beauftragt werden, bekommen bis zu zwei Jahresbeiträge Provision – von der natürlich nur ein kleiner Teil bei den Werber*innen vor Ort ankommt.
Das Problem: Viele der so bequatschten Neumitglieder bleiben im Schnitt auch kaum länger Mitglied.
Ein Großteil der Gelder, die wir also vermeintlich für die gute Sache geben, landet bei professionellen Unternehmen für „Dialogkommunikation“.
Dialogkommunikation kennen wir auch aus der Bürgerbeteiligung. Auch hier gibt es zunehmend Erfahrung mit Infoständen und Ansprache von Passant*innen.
Das Konzept der „Beteiligung im öffentlichen Raum“ funktioniert vor allem dann gut, wenn es sich um wenig komplexe, viele Menschen betreffende Themen handelt. Wenn wir breite Beteiligung erreichen wollen, also besonders jene Gruppen erreichen möchten, die eher selten auf Einladungen reagieren.
Oft werden Themen auf Karten gesammelt, manchmal auch Ideen und Vorschläge direkt mit Punkten bewertet.
Auch Informationen lassen sich so präsentieren, sogar Einladungen zu folgenden Beteiligungsveranstaltungen aussprechen.
Oft aber ist die Ausbeute nur gering. Denn nicht selten sind die Beteiliger*innen aus der Verwaltung selbst vor Ort.
Was prinzipiell eine wunderbare Sache ist.
Allerdings sind diese Menschen nicht immer extrovertierte Charaktere. Und so entsteht ein häufiges Szenario: ein quadratischer Pavillon. Hinten eine Tafel, vorn ein Tapeziertisch, dahinter sitzen drei Kolleg*innen, die sich miteinander unterhalten.
Kommunikation mit Passant*innen? Nur, wenn die aktiv werden.
Das vergibt viel Potenzial. Und deshalb hat es sich bewährt, Beteiligende im öffentlichen Raum zu schulen.
Dabei geht es nicht darum, die Penetranz der oben beschriebenen Wegelagerer zu kopieren.
Aber deutlich vor dem Stand zu stehen, mit Material in der Hand, eventuell Stehtische mit ausgelegten Infos und kleinen Giveaways, dazu ein eingeübter Satz, gerne eine Frage – das kann schon viel bewirken.
Was Beteiliger*innen nicht müssen, auch nicht sollten: den Menschen hinterherzulaufen.
Es gibt tatsächlich den Begriff der „nachlaufenden Beteiligung“.
Nur meint der etwas völlig anderes, gleichwohl Spannendes.
Die „Verwaltungsvorschrift der Landesregierung Baden-Württemberg zur Intensivierung der Öffentlichkeitsbeteiligung in Planungs- und Zulassungsverfahren“ definiert sie zum Beispiel so:
„Die nachlaufende Öffentlichkeitsbeteiligung ist die Beteiligung der betroffenen Öffentlichkeit durch den Vorhabenträger nach Erlass der Zulassungsentscheidung während der Vorhabenrealisierung.“
Das ist, einmal abgesehen vom Verwaltungsdeutsch, dennoch etwas unpräzise.
Vereinfacht ist nachlaufende Beteiligung die Beteiligung nach dem eigentlichen, zentralen Beteiligungsprozess.
Die braucht es nicht immer. Aber insbesondere bei langen Vorhaben kann sie großen Sinn machen.
Die Bahn hat schon im vergangenen Jahrhundert eigentlich ganz gute Beteiligung zu Stuttgart 21 gemacht. Dann aber aufgehört, Bürger*innen zu beteiligen, als es an die Umsetzungsplanung ging.
Als dann viele, viele Jahre später die Bagger anrollten, war es für die Menschen in Stuttgart so, als hätte nie Beteiligung stattgefunden.
Bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfallstoffe ist intensive Beteiligung bis zur finalen Standortentscheidung vorgesehen.
Was danach passiert, wenn das Endlager gebaut und später auch betrieben wird, ist bislang aus Beteiligungsperspektive noch ein weißes Blatt.
Es liegt jedoch auf der Hand, dass dieses Endlager im Grunde dauerhaft durch Beteiligung begleitet werden muss.
An diesen beiden Beispielen erkennen wir schon einige Dinge.
Nachlaufende Beteiligung macht Sinn. Zumindest so lange neue Betroffenheitsimpulse entstehen.
Und: nachlaufende Beteiligung ist anders. Sie hat oft andere Beteiligungsgegenstände, andere Beteiligte, andere Formate.
Es geht nicht mehr um die Frage, wie etwas aussieht, oft aber um die Frage, was dann dort konkret passiert. Transparenz ist in der nachlaufenden Beteiligung oft das Kernthema, Umgang mit Skepsis, Misstrauen und Kritik.
Wer einmal nachlaufende Beteiligung organisiert hat, ist oft erstaunt darüber, wie viel „im Betrieb“ dann doch noch zu klären, abzustimmen und zu diskutieren ist.
Deshalb ist nachlaufende Beteiligung oft wichtig, manchmal sogar ein entscheidender Faktor für die Frage, ob dauerhafte Akzeptanz eines Vorhabens entstehen kann.
Und deshalb gehört die Frage „Braucht es nachlaufende Beteiligung?“ von Anfang an mit dazu – wenn ein Beteiligungsprozess geplant wird.
Tatsächlich ist diese Frage manchmal auch Gegenstand der Beteiligung selbst.
Denn eines wissen wir aus vielen Jahren Beteiligungspraxis:
Beteiligung beginnt fast nie zu früh.
Sie kann aber durchaus zu früh enden.