#349 | Lernen von den Marsianern

Wie würde eine Demokratie auf dem Mars aussehen? Das fragt eine aktuelle Studie. Die Antwort überrascht.

Ausgabe #349 | 10. September 2026

Lernen von den Marsianern

Wir schreiben das Jahr 2633.

Der Mars ist besiedelt. Es gibt dort – überraschend – eine funktionierende Demokratie.

Doch dann sorgt ein Sensationsfund dafür, dass diese ernsthaft auf die Probe gestellt wird.

Entdeckt wird ein neuartiger Rohstoff namens Marsium. Er hat zahlreiche nützliche Eigenschaften – und weckt zahlreiche Begierden.

Doch wofür soll er eingesetzt werden?

Das ist der Ausgangspunkt des Planspiels „Realtopia“.

In „Realtopia“ ringen die Spielerinnen und Spieler in einer demokratisch geführten Debatte um den Umgang mit dem begehrten, aber umstrittenen Rohstoff.

Dabei schlüpfen sie in die Rollen der marsianischen Regierung, von Bergbauunternehmen, wissenschaftlichen Aktivisten auf dem Mars, der Oppositionspartei und der Erdbevölkerung.

Das Spiel endet mit einer Lösung, mit der alle leben können.

Entwickelt wurde „Realtopia“ von der Lehramtsstudentin Nadja Hieber und dem Philosophiestudent Robin Büttner.

Das Planspiel wird aufwändig pädagogisch begleitet und gesteuert.

Es ähnelt darin eher den bekannten Wirtschaftsplanspielen der Kreissparkassen als dem Ansatz der handlungsorientierten Planspiele aus der emanzipatorischen Jugendbildung der 80er Jahre.

Aktuell wird das Spiel weiterentwickelt, es ist (noch) nicht öffentlich zugänglich und nutzbar.

Erste Berichte (der Initiatoren) zeigen aber, dass es vor allem auch deliberative Kompetenzen trainiert.

„Die Schülerinnen und Schüler erfahren, wie sie miteinander diskutieren, einander zuhören und strategisch unterschiedliche Perspektiven zielführend zusammenbringen können.“, sagt Nadja Hieber.

Am Tag 4 nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ist das eine gute Nachricht – und eine von genu den Ideen und Initiativen, die es braucht, wenn wir den vielfach ausgerufenen Niedergang der Demokratie aufhalten wollen.

Inspiriert wurde das Realtopia-Projekt übrigens von Professor André Bächtiger.

Der forscht schon lange zu kollaborativer Debattenkultur.

Und er hat den Mars ins Spiel gebracht.

Er nutzte im Rahmen des Forschungsprojektes DOME (Designing Democracy on Mars and Earth) das Mars-Szenario.

Dabei war sein Ansatz eben nicht, zu ermitteln, wie die Menschen die real existierende Demokratie gerne verbessern würden.

Er wollte herausfinden, wie die Bürger eine Demokratie gestalten würden, wenn sie sie völlig neu erfinden müssten.

Das ist natürlich spannend.

Tatsächlich fragte er in einer empirischen Erhebung Bürger*innen, wie sie sich die Verteilung von Entscheidungsgewalt in einer zukünftigen Mars-Gesellschaft vorstellen würden.

Das typische Ergebnis war: Zu etwa gleichen Teilen repräsentativen, expertokratischen und partizipativen Strukturen.

Bächtiger kommt dabei zum Schluss, dass „weder das repräsentative noch das lottokratische noch das direktdemokratische Modell“ in Reinkultur eine Perspektive hat.

Was können wir also von den fiktiven Marsianern lernen?

Eine Abschaffung unseres parlamentarischen Systems wird vom größten Teil der Bevölkerung nicht ernsthaft erwogen.

Die Menschen in Deutschland wollen dieses System aber „stärker bürger*innenzentriert und mit mehr Expertise“ ausgestalten, wie Bächtiger sagt.

Die Demokratie muss sich also ändern, um zu bleiben.

Und das grundlegend.

Das längst im Bundestag beendete Experiment „Bürgerräte“ wieder aufleben zu lassen, genügt da nicht.

Und die Bürgerbeteiligung in deutschen Kommunen, die gerade ebenfalls unter Druck gerät, beizubehalten oder gar deutlich auszuweiten, genügt auch nicht.

Es geht um etwas, dass die meisten der etablierten Parteien bislang scheuen: Um die Machtfrage.

Das heißt um das Teilen der Macht mit Bürger*innen und Expert*innen.
Das ist komplex. Und riskant. Sagt auch Prof. Bächtiger.

Und es ist nichts, worüber Parteien, Medien und Zivilgesellschaft gerade ernsthaft diskutieren.

Aber diskutieren sollten.

Ob das am Ende funktioniert. Ist unsicher.

Was aber sicher nicht mehr lange funktioniert:

So weitermachen, wie bisher.

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