Ausgabe #343 | 30. Juli 2026
Ich seh’ dir in die Augen
Wenn heute Hollywood-Blockbuster produziert werden, wird nichts dem Zufall überlassen. Aber auch gar nichts.
Allein die Vorbereitung der Dreharbeiten dauert mehrere Jahre. Sie beschäftigt Hunderte Menschen. Sie kostet zig Millionen Dollar.
Am Ende werden manchmal mehr als eine halbe Milliarde Dollar investiert.
Und doch gibt es manchmal Flops.
Ganz anders waren die Produktionsbedingungen, unter denen ein Klassiker des Kinos gedreht wurde.
Als Regisseur Michael Curtiz 1942, mitten im 2. Weltkrieg, mit den Dreharbeiten zu Casablanca begann, hatte er Humphrey Bogart und Ingrid Bergman als Hauptdarsteller*innen, aber zahlreiche weitere Rollen noch nicht final besetzt.
Der erste Teil des Drehbuchs war drei Tage vor Drehbeginn fertig. Der Rest wurde geschrieben, während die Kameras bereits liefen.
Wie die Geschichte ausging, für welchen Mann sich Ingrid Bergmann („Elsa“) am Ende entscheiden würde – das wusste nicht einmal sie bis zum letzten Tag.
Entsprechend chaotisch verlief der Dreh. Viele Requisiten konnten nicht rechtzeitig organisiert werden. Viele Szenen – wie die berühmte Flughafen-Schlussszene – entstanden mithilfe von Pappmaché-Flugzeugen und kleinwüchsigen Statist*innen vor einer Nebelkulisse.
Marokko selbst betrat kein*e an der Produktion Beteiligte*r. Fast alle Szenen wurden im Studio improvisiert, ein paar weitere am Flughafen von Los Angeles.
Improvisiert waren teilweise auch die Dialoge.
Der legendärste Satz übrigens: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines“ – der kommt im Film überhaupt nicht vor.
Im englischsprachigen Original nuschelt Humphrey Bogart, der seinen Text vergessen hatte, den damals weit verbreiteten Trinkspruch „Here’s good luck for you.“
Erst in der deutschen Synchronisation wurde daraus der Kultsatz. Und das nicht einmal gleich, sondern erst in der dritten Synchronversion viele Jahre später.
Trotzdem ist der Satz heute Bestandteil der universellen Filmkultur.
Deshalb nutze ich ihn gerne, um in Seminaren und Beratungen damit etwas zu illustrieren – und den beteiligenden Kolleginnen und Kollegen eine Erinnerungshilfe an die Hand zu geben.
Worum es dabei geht?
Um ein weit verbreitetes Missverständnis in der Beteiligung: Dass nur dann stattfände, wenn mehrere Menschen beteiligt sind.
Natürlich ist Beteiligung ein sozialer Prozess. Gruppen von Menschen diskutieren, streiten, produzieren Ideen, finden Lösungen.
In der Beteiligung geht es ums Miteinander.
Da ist es verständlich, dass wir immer Interaktion vieler im Kopf haben, wenn wir an Beteiligung denken.
Doch essenzielle Beteiligungserlebnisse sind eben häufig individuelle Erfahrungen.
Ganz besonders am Anfang.
Aus gutem Grund ist die aktivierende Umfrage ein beliebtes Tool, das Konsultation als Vorstufe der Beteiligung organisiert. Um Themen, Interessen und Perspektiven zu sammeln.
Doch das „aktivierend“ meint eben auch, die Menschen anzuregen, sich mit dem Beteiligungsgegenstand auseinanderzusetzen. Sich zu entscheiden, aktiv in einen Beteiligungsprozess einzusteigen.
Deshalb fragt die aktivierende Umfrage nicht nur nach einer Meinung. Sondern noch nach zwei weiteren Dingen: wie wichtig den Menschen das Thema und ihre Position dazu ist und, wie groß ihre Bereitschaft ist, daran mit anderen zu arbeiten.
Das unterscheidet die aktivierende Umfrage von der bloßen Konsultation.
Und das macht sie oft zum perfekten Auftakt eines Beteiligungsprozesses.
Weil wir in vielen Beteiligungsprozessen aber gelernt haben, dass vor allem in eher beteiligungsfernen Milieus Fragebögen selten ausgefüllt und oft abgebrochen werden, hat sich aus der aktivierenden Umfrage die aktivierende Befragung entwickelt.
Auch hier gibt es einen Fragebogen. Auch hier geht es um die Dokumentation von Meinung, Puls und Beteiligungsbereitschaft.
Aber hier sind zwei Personen im Spiel. Der Fragebogen liegt nicht bei der befragten Person, sondern bei der Fragenden.
Die führt ein Interview, füllt aus – und kann eben das tun, was digitale oder analoge Fragebögen nicht können. Wertschätzen und vor allem: Nachfragen.
Ja, solche Interviews kosten Zeit und Geld.
Aber beides ist gut investiert. Denn sie sind – vor allem für jene, die aus guten Gründen am Ende nicht in Gruppendiskussionen einsteigen – nicht nur eine Vorstufe.
Sie sind Beteiligung.
Gute Beteiligung. Denn sie bieten genau die beiden Faktoren, die wir für gute Beteiligung zwingend benötigen: Dialog und Wirkungsanspruch.
Damit sind sie Umfragen weit überlegen. Und den Mehraufwand auch Wert.
In der Praxis gibt es übrigens einige Varianten dieser aktivierenden Befragung, die auch als leitfadengestütztes Interview bekannt ist.
Das narrative Interview ist stark auf die befragte Person ausgerichtet und gibt ihr besonders viel Raum für eigene Schilderungen. Im Vergleich zu anderen Interviewformen folgt es nur wenigen festen Vorgaben. Im Mittelpunkt steht eine spontane, zuvor nicht einstudierte Erzählung. Diese wird durch einen offenen Gesprächsimpuls der interviewenden Person angestoßen. Ein möglicher Einstieg wäre etwa die Frage: „Wie beurteilen Sie den Bau eines Windparks in der Umgebung Ihres Wohnortes?“ Zwar können mögliche Vertiefungsfragen im Vorfeld entwickelt werden, ob und wann sie zum Einsatz kommen, hängt jedoch vom Verlauf des Gesprächs ab. Besonders geeignet ist dieses Format für Menschen, denen stark strukturierte Befragungen Schwierigkeiten bereiten können. Dazu gehören beispielsweise jüngere Kinder, ältere Personen oder Menschen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist.
Das episodische Interview verbindet das Erzählen persönlicher Erlebnisse mit gezielten Fragen. Hinsichtlich seiner Struktur liegt es zwischen dem leitfadengestützten und dem narrativen Interview. Diese Methode bietet sich insbesondere dann an, wenn sowohl individuelle Erfahrungen und persönliche Bewertungen als auch fachliche Kenntnisse erfasst werden sollen. Sie eignet sich deshalb unter anderem für Untersuchungen zu speziellen Berufsfeldern oder klar abgegrenzten Fachgebieten.
Beim biografischen Interview orientiert sich der Gesprächsverlauf an den zeitlichen Stationen im Leben der befragten Person. Das übergeordnete Thema lässt sich daher als persönliche Lebensreise verstehen. Diese Interviewform eignet sich unter anderem für Beteiligungsprozesse zur Entwicklung von Städten und Sozialräumen. Besonders hilfreich kann sie in kleineren Gemeinden oder Stadtvierteln sein, in denen viele Menschen bereits seit langer Zeit leben und über umfangreiche Erfahrungen mit den örtlichen Veränderungen verfügen.
Das fokussierte Interview stellt eine besondere Ausprägung des narrativen Interviews dar. Ausgangspunkt des Gesprächs ist ein eindeutig bestimmtes Thema, ein konkretes Erlebnis oder ein zuvor gesetzter Impuls. Als Gesprächsanlass kann beispielsweise ein Foto dienen, das den Teilnehmenden gezeigt wird. Ebenso kann eine Situation aufgegriffen werden, welche die befragten Personen unmittelbar vor dem Interview erlebt oder beobachtet haben. Zu Beginn werden durch gezielte Fragen die Wahrnehmungen, Reaktionen und Deutungen der Gesprächspartner*innen angesprochen. Nach dieser Einstiegsphase bleibt der weitere Gesprächsverlauf jedoch offen.
Das problemzentrierte Interview wird mithilfe eines vorbereiteten Gesprächsleitfadens geführt. Im Zentrum steht eine gesellschaftlich bedeutsame Fragestellung, an der sich die interviewende Person während des Gesprächs orientiert. Ziel dieser Methode ist es, nachzuvollziehen, wie einzelne Menschen ein gesellschaftliches Problem wahrnehmen, interpretieren und verarbeiten. Das problemzentrierte Interview ist besonders für Themenfelder geeignet, in denen unterschiedliche Interessen, Spannungen und Konfliktlinien gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig beeinflussen.
Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, um den Beteiligten schon in dieser frühen Phase eines Prozesses in die Augen zu schauen.
Das kann schnell aufwendig werden. Nicht bei jedem Beteiligungsprozess macht es Sinn.
Und doch lohnt es sich, bei der Erstellung des Beteiligungskonzeptes kurz an Casablanca zu denken, an den Nuschelfehler einer chaotischen Filmproduktion und die im Anschluss mehr als freie Synchronisation.
„Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“
Kann der Anfang einer wunderbaren Beteiligung sein.