#345 | Böse Briefe

Es hilft gegen Schmerzen ebenso wie gegen Frustration: es verbal rauszulassen. Das ist ein bewährtes Konzept und oft auch ein guter Start in Beteiligungsprozesse.

Ausgabe #345 | 13. August 2026

Böse Briefe

Abraham Lincoln und seinen Kriegsminister Edwin Stanton verband eine komplizierte Beziehung.

Stanton galt als schroff und undiplomatisch. Lincoln bezeichnete er einmal als „Gorilla“, Gegner beschimpfte er oft und gerne mit den unflätigsten Beleidigungen.

Es dauerte, bis er Lincoln tatsächlich akzeptierte und ihn schließlich sogar als Ratgeber konsultierte. Später soll er ihn sogar als „den perfektesten Regierungschef der Geschichte“ gelobt haben.

Dazu beigetragen hatte wohl auch die folgende Episode:

Eines Tages kam Stanton außer sich zu Lincoln. Ein General hatte ihn provoziert und beleidigt. Stanton wollte zurückschlagen und dem Mann einen entsprechend scharfen Brief schicken.

Lincoln hörte ihm zu und sagte sinngemäß: „Schreiben Sie ihm.“

Also setzte Stanton sich hin. Er schrieb alles auf: seinen Ärger, seine Kränkung, seine Wut. Er formulierte genau das, was er dem General am liebsten ins Gesicht gesagt hätte.

Anschließend las er Lincoln den Brief vor.

Lincoln soll zufrieden gewesen sein: Der Brief sei genau richtig.

Stanton fragte: „Und was mache ich jetzt damit?“

Lincoln antwortete: „Verbrennen Sie ihn.“

Tatsächlich nutzte Lincoln diese Methode der sogenannten „Hot Letters“ oft selbst. Er schrieb seinen gesamten Frust unzensiert auf ein Blatt Papier, legte es beiseite, bis er abgekühlt war, und vermerkte oft darauf: „Nie abgeschickt. Nie unterzeichnet.“

Während wir nicht alle Details der Geschichte um den Stanton-Brief genau kennen, wissen wir eines heute sehr gut:

Negative Gefühle auszusprechen, kann dabei helfen, sie zu bewältigen.

Es geht dabei nicht um Verdrängung. Sondern um das Gegenteil. Es ist der erste von drei Schritten, die über die sogenannte „Emotionsregulation“ die persönliche Selbstwirksamkeit erhöhen.

Der erste Schritt ist also: den Konflikt benennen, akzeptieren und die eigenen Gefühle (auch Frustration, Zorn und Hass) zu formulieren.

Im zweiten Schritt geht es um eine bewusste emotionale Neubewertung der Situation, die möglich ist, sobald etwas „Dampf aus dem Kessel entweicht“ – was der erste Schritt leistet.

Nun folgt die sogenannte „Kognitive Neubewertung“. Dabei wird die Bedeutung der Situation hinterfragt und neu interpretiert.

War das wirklich ein Angriff gegen meine Person oder nur der Ausdruck von Frust des Gegenübers? Ist das eine Bedrohung oder eine Chance für mich, eine Herausforderung zu bewältigen? Möchte mein Gegenüber mich ärgern oder vielleicht nur eine gefühlte Bedrohung für sich abwenden?

Diese Neubewertung verändert zunächst einmal nicht die Situation, sondern nur unsere eigene Interpretation. Und sie macht uns fähiger, mit unseren Emotionen umzugehen. Sie macht uns souveräner und damit bereit für Schritt 3: Entwicklung einer Lösung.

Diese Prozesse sind umfangreich erforscht.

Wir wissen, dass lautes Fluchen sogar Schmerzen lindern kann, dass Emotionen abkühlen, wenn wir sie verbalisieren. Und wir wissen, dass Menschen, die diese Neubewertung beherrschen, im Schnitt erfolgreicher und selbstwirksamer sind.

Das führt uns zu Prozessen der demokratischen Teilhabe. Insbesondere dann, wenn zu Konfliktthemen beteiligt werden soll, ist ein guter Prozess einer, der genau diese drei Schritte geht:

1. Artikulieren von – negativen – Emotionen
2. Gemeinsame Neubewertung der Situation
3. Verhandeln von Lösungen

Und zwar in genau dieser Reihenfolge. Ohne einen der Schritte auszulassen.

Immer wieder wird, gerade in der Beteiligung zu Konfliktthemen, versucht, die Diskussion „nicht eskalieren zu lassen.“

Prozessdesign, Methoden, Teilnehmendenauswahl und Moderation sind dann oft darauf ausgerichtet, genau das zu verhindern: dass Frust, Zorn, Misstrauen formuliert werden.

Das gelingt manchmal über einen ganzen Prozess hinweg. Mit wenig Wirkung auf die weitere Konfliktgeschichte. Was dann immer wieder die Verantwortlichen überrascht:

„Aber wir haben doch beteiligt!“…

… wird dann artikuliert. Die Antwort lautet: Nein. Zumindest nicht richtig, nicht die Richtigen, nicht auf die richtige Art.

Je gewichtiger der Konflikt, desto wichtiger ist es, dass ein Prozess genau damit beginnt: mit bösen Wörtern.

Manchmal lasse ich in solchen Situationen tatsächlich Briefe schreiben, manchmal nur Frust formulieren und dann gleich schriftlich weiterdiskutieren, zum Beispiel mit der 6-3-5-Methode. Bei anderen Gruppen geht das auch mündlich, oft beginnend in 2er-Gruppen, die dann wachsen.

Egal mit welcher Methodik: Durch Schritt 1 müssen wir durch. Da gibt es weder Tabus noch Zeitdruck.

Denn das legt die Grundlage für die gemeinsame Neubewertung und Lösungssuche.

Gute Beteiligung zu Konfliktthemen verhandelt Fakten, ist aber vor allem ein Prozess gemeinsamer, bewusster Emotionsregulation. Nicht: Emotionsmanipulation!

Wenn das gelingt, ist es am Ende aber auch ein Prozess, der den Beteiligten Zugang zu mehr Selbstwirksamkeit ermöglicht.

Und das ist es, was wir brauchen.

Weil es die Menschen genauso stärkt, wie die Demokratie.

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