Ausgabe #346 | 20. August 2026
Krieg der Therapeuten
Familientherapeut*innen bearbeiten Konflikte in familiären Strukturen.
Sie versuchen, Beziehungen zu verbessern, Verständnis und Empathie füreinander zu entwickeln.
Das ist eine wichtige Aufgabe.
Die Familientherapie ist anerkannt, Erfolge sind belegt.
Um so faszinierender ist es, dass die eher kleine Szene der Familientherapeut*innen über viele Jahre hinweg von einem Konflikt heimgesucht wurde, den sie lange nicht in den Griff bekam.
Einige sprachen gar von einem „Krieg der Therapeuten“.
Der wurde jahrelang, offensiv und öffentlich ausgetragen.
Menschen, die eigentlich Konflikte in Familien konstruktiv bearbeiten wollten und sollten, bezeichneten sich untereinander als „Gurus“, „Scharlatane“ und „Blender“.
Im Zentrum der Kritik stand Bert Hellinger.
Der langjährige katholische Priester und spätere Familientherapeut entwickelte eine Form der „Familienaufstellung“, die er in Büchern als Lebenshilfe bewarb und in Großveranstaltungen einsetzte.
Bei einer Familienaufstellung werden Personen stellvertretend für Mitglieder eines Familiensystems angeordnet, um gewisse Muster innerhalb jenes Systems erkennen zu können.
Viele Therapeut*innen kritisierten die aus ihrer Sicht unwissenschaftliche Methode Hellingers, der unbeteiligte Aufgestellte nicht nur als rein visuelle Stellvertreter*innen, sondern als aktive Interpret*innen im Prozess einsetze.
Für manche war das esoterischer Humbug.
Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie nannte den Ansatz gar „ethisch nicht vertretbar“.
Dazu kam, dass Bert Hellinger teils skurrile Zitate zu Faschismus und Judentum zu Besten gab, die breiten Raum für Interpretationen ließen. So schrieb er zum Beispiel in einer fiktiven „Rede an Hitler“:
„Wenn ich dich achte, achte ich auch mich. Wenn ich dich verabscheue, verabscheue ich such mich. Darf ich dich dann lieben? Muss ich dich vielleicht lieben, weil ich sonst auch mich nicht lieben darf?“
Als Hellinger dann auch noch eine Wohnung in der ehemaligen Reichskanzlei Hitlers in Berchtesgaden bezog, war auch für den damaligen Vorsitzenden der Systemischen Gesellschaft, Arist von Schlippe, das Maß voll.
Er schrieb Hellinger einen bösen öffentlichen Brief. Anders als Abraham Lincoln (Vgl. demokratie.plus #345 der vergangenen Woche), schickte er diesen Brief auch ab.
Das zündete eine neue Eskalationsstufe, die nun über Deutschland hinaus Leitmedien beschäftigte. Erklärungen, Appelle, Darstellungen und Gegendarstellungen wurden formuliert.
Die Szene spaltete sich beinahe. Es dauerte Jahre, auch noch nach dem Tod von Hellinger, bis wieder Ruhe einkehrte.
Arist von Schlippe bereute seinen Brief später und legte Wert darauf, Hellinger nie als Faschisten bezeichnet zu haben. Der Konflikt beschäftigt ihn bis heute.
Sicher hat er auch seine Beiträge zur Konflikttheorie beeinflusst.
Sein 2022 erschienenes Buch „Das Karussell der Empörung“ beschäftigt sich mit der Dynamik der Konflikteskalation und beschreibt, wie Empörung als Eintrittskarte und Motor eines Konfliktkarussells fungiert, das sich immer schneller dreht.
Es bietet einen anderen Ansatz als die bekannte Konflikttheorie von Friedrich Glasl, mit der auch Gestalter*innen von demokratischer Teilhabe seit vielen Jahren erfolgreich arbeiten.
Arist von Schlippe fokussiert auf den Faktor „Empörung“.
Wer schon einmal Beteiligung zu einem öffentlichen Konfliktthema realisiert hat, weiß, wie Empörung eine komplette Konflikteskalation boostern kann.
Ob Gendern, Flüchtlingshilfe, Corona-Auflagen, Abgeordneten-Diäten oder Endlagersuche: Empörung ist häufig der gefährlichste und am wenigsten bearbeitbare Treiber der Eskalation.
Es lohnt sich also, einmal intensiver den Blick auf Entstehung und Wirkung von Empörung zu werfen.
Das tut Arist von Schlippe auf faszinierende Weise.
Er behandelt die psychologischen Mechanismen, die zu eskalierenden Konflikten führen. Besonders berücksichtigt er dabei verletztes Gerechtigkeitsempfinden, negative Erwartungsstrukturen und Wahrnehmungsverzerrungen.
Entscheidend ist der Moment, in dem Konflikte nicht mehr sachbezogen, sondern „personenbezogen“ verstanden werden. Die Empörung über den oder die anderen wächst.
Und das regelmäßig auf beiden Seiten.
Das Karussell nimmt Fahrt auf und ist kaum noch zu stoppen. Am wenigsten mit den Apell, doch bitte „sachlich zu bleiben“.
Das Szenario kommt Ihnen bekannt vor? Dann lohnt sich in Blick in das Buch von Arist von Schlippe.
Es ist kein Praxisratgeber. Und doch eine Hilfe für die Praxis.
Arist von Schlippe stellt die verschiedenen psychologischen Mechanismen ausführlich vor. Doch er bleibt bei der Analyse nicht stehen.
Er beschreibt auch Gegenstrategien, die jeder in seinem sozialen Kontext anwenden kann, z.B. die Verlangsamung der Reaktionen, ein reflexives Zurücktreten aus der Situation.
Sein Fokus liegt dabei auf der Suche nach dem „Verstehen“, dass er strikt vom „Billigen“ trennt.
Und er nimmt die handelnden Personen ein Stück weit aus der Verantwortung, indem er postuliert, dass nicht in der Macht der Personen stehe, Konflikte zu beenden.
Es braucht vielmehr Prozesse und Strukturen, die die „dritte Perspektive“ systemisch organisieren und so einen Ausstieg aus dem Karussell erleichtern.
Für Menschen, die Beteiligung zu Konfliktthemen planen, lautet die wohl wichtigste Botschaft für das Prozessdesign:
Die Lösung allein über die Moderation, die Teilnehmendenauswahl oder gar Sachlichkeitsappelle zu suchen, funktioniert nicht.
Es braucht ein Prozessdesign, das nicht nur Konflikte anerkennt, sondern Empörung ebenso. Das diese als zentralen Faktor des Konfliktkarussells begreift – und deshalb den Umgang damit als Baustein der Arbeit am Konflikt. Das deshalb weder Konflikt noch Empörung vermeiden oder verdrängen will – sondern die Arbeit am wechselseitigen Verständnis ins Zentrum holt.
Gute Beteiligung ist nicht in erster Linie Wettstreit der Argumente – sondern Arbeit an Verständnis und Vertrauen.
Dass es geht, und wie es geht, das zeigt uns Arist von Schlippe.