Ausgabe #350 | 17. September 2026
Zwei Herren aus Verona
William Shakespeare ist zweifellos einer der größten Autoren der Weltgeschichte.
Seine Werke sind Klassiker. Sie werden bis heute weltweit erfolgreich an Theatern gespielt.
Ein Grund für diesen Erfolg ist sicher die Tatsache, dass Shakespeare ein sehr genauer Beobachter menschlicher Schwächen, Stärken und Handlungsmotive war.
Das prägt auch die Handlung einer seiner Komödien, die heute nahezu in Vergessenheit geraten ist: „Zwei Herren aus Verona“ steht selten auf dem Spielplan.
Das ist schade. Denn sie beschäftigt sich mit einem Phänomen, das heute viel erklären kann, auch die Herausforderungen für unsere Demokratie und den Aufstieg der Rechtsradikalen.
Der zentrale Plot der Komödie ist schnell erzählt:
Valentin liebt Silvia. Sein bester Freund Proteus hat eigentlich kein Interesse an ihr – bis er sieht, wie sehr Valentin sie begehrt. Sofort entflammt auch Proteus‘ Leidenschaft für Silvia, was die Freundschaft zerstört und in Gewalt umschlägt.
Weil es eine Komödie ist, geht es am Ende gut aus.
Weil das reale Leben aber keine Komödie ist, kann eine solche Entwicklung schwere Erschütterungen bewirken.
Dahinter steckt das sogenannte „Mimetische Begehren“. Der Anthropologe René Girard hat das Phänomen intensiv untersucht.
Der Begriff geht auf das Prinzip der Mimesis (Nachahmung) zurück.
Mimetisches Begehren ist der Wunsch, etwas Bestimmtes nicht aus eigenem Antrieb zu wollen, sondern weil eine andere Person es begehrt.
Dafür sind wir nicht empfänglich? Sind wir doch.
Menschen glauben oft, ihre Wünsche seien völlig frei und autonom, kopieren in Wirklichkeit aber unbewusst die Ziele von Vorbildern, Freunden oder Prominenten.
Das führt zum sogenannten mimetischen Dreieck. Nach Girard entsteht Begehren nie direkt zwischen einem Menschen (Subjekt) und einer Sache (Objekt). Es braucht immer einen Dritten – einen Mittler oder ein Vorbild.
Das kann die Leidenschaft für eine Person sein – wie bei Shakespeare.
Oder das Skateboard, das lange in der Ecke liegt. Bis ein Kind es wieder hervorkramt. Und prompt der Bruder oder die Schwester Besitzansprüche formuliert – und es ganz dringend genau jetzt braucht.
Mimetisches Begehren ist der Grund für Beziehungskrisen aller Art. Es erklärt, warum Mode funktioniert – und Influencer*innen reich werden.
Ohne mimetisches Begehren ist Konsumgesellschaft nicht verstehbar.
Mimetisches Begehren erzeugt zunächst einmal nur Wünsche und Verlangen. Nicht selten führt es am Ende auch zur Gewalt.
Wenn Menschen das Begehren ihrer Vorbilder nachahmen, und das Objekt nur begrenzt zur Verfügung steht (egal ob Silvia oder Skateboard), wollen plötzlich beide dasselbe Objekt besitzen. Das Vorbild wird dadurch automatisch zur Konkurrenz.
Da das Objekt (das kann neben Ressourcen auch Status oder Macht sein) oft nicht geteilt werden kann, blockieren sich beide Seiten gegenseitig. Je mehr der eine um das Objekt kämpft, desto wertvoller erscheint es dem/der anderen – der Konflikt schaukelt sich hoch.
Im extremen Stadium wird das ursprüngliche Objekt völlig nebensächlich. Die Kontrahent*innen fixieren sich nur noch aufeinander. Es geht nicht mehr darum, etwas zu besitzen, sondern den/die andere/n zu besiegen oder zu vernichten.
Die Rival*innen werden zu „mimetischen Zwillingen“ – sie gleichen sich in ihrem Hass und ihrem Verhalten völlig an.
Manchmal kann das Ventil für große, gesellschaftliche mimetische Konflikte die Ausrufung eines Sündenbocks sein. Wir kennen aus der Geschichte die Hexen- und Judenverfolgungen.
Heute lässt sich der Aufstieg der AfD auch über die Dynamik von gesellschaftlicher Krise, mimetischer Rivalität und kollektiver Sündenbock-Suche erklären.
Denn mimetisches Begehren kann umschlagen. Wenn die Betreffenden erkennen, dass sie keine Chance in der Konkurrenz um das Objekt (Anerkennung, Sicherheit, Status, Wohlstand) haben (oder das auch nur glauben), kann dieses Begehren in radikale Ablehnung (mimetische Spiegelung) umschlagen.
Das „Establishment“ (Politik, Medien, Kulturschaffende) dient Teilen der AfD-Wählerschaft als negatives Vorbild. Was dieses Establishment begehrt und als moralisch richtig definiert (z. B. Klimaschutz, Gendersprache, Globalisierung), wird von der AfD und ihren Anhänger*innen mimetisch gespiegelt und ins exakte Gegenteil verkehrt.
Auch das macht Menschen reif für die Ausrufung von Sündenböcken. Beides organisiert die AfD perfekt.
Aus Sicht der mimetischen Theorie ist der Aufstieg der AfD das Symptom einer tiefen gesellschaftlichen Krise, in der schwindende Unterschiede zu erbitterter Statusrivalität geführt haben. Die Partei kanalisiert die daraus resultierenden Ängste und Aggressionen, indem sie klassische, archaische Mechanismen der Sündenbock-Suche und der radikalen mimetischen Abgrenzung nutzt.
Das kann vieles, nicht alles erklären.
Es kann aber auch helfen.
Nicht nur beim Verständnis für die Einstellung von AfD-Wähler*innen. Sondern auch für die schwierige Grundeinstellung, mit der manche Menschen in Beteiligungsprozessen agieren.
Mimetisches Begehren kann nicht nur große gesellschaftliche und kleine geschwisterliche Konflikte prägen – sondern auch Auseinandersetzungen in Nachbarschaften und Kommunen.
Eine kluge kommunale Bürgerbeteiligung kann die destruktiven Dynamiken des mimetischen Begehrens (Rivalität, Polarisierung, Sündenbock-Suche) abfedern, indem sie die Strukturen der Beteiligung von vornherein so aufbaut, dass sie mimetische Ansteckung verhindert und stattdessen konstruktive Nachahmung fördert.
Um mimetische Krisen auf kommunaler Ebene – wie sie oft bei emotionalen Themen wie dem Bau von Flüchtlingsunterkünften, Windkraftanlagen oder Radwegen entstehen – klug zu steuern, gibt es mehrere strategische Ansätze:
1. Das Vermeiden offener „Meute-Formate“.
Klassische, offene Bürgerversammlungen in der Turnhalle ziehen oft die lautesten, bereits polarisierten Gruppen an. Dort greift sofort die mimetische Ansteckung: Man empört sich, weil die Nachbarn sich empören. Es droht die Dynamik einer digitalen oder analogen Jagdgemeinschaft, die einen Sündenbock sucht (z. B. den/die Bürgermeister*in oder Planer*in). Kleinere, intensivere Formate sind da meist wesentlich erfolgreicher.
2. Die Entkopplung von Identität und Sachfrage (De-Zwillingsbildung)
Bei hoher mimetischer Rivalität gerät die eigentliche Sachfrage in den Hintergrund. Es bilden sich zwei unversöhnliche Lager („mimetische Zwillinge“), die sich gegenseitig blockieren. Es geht nur noch darum, dass die Gegenseite nicht recht bekommt. Deshalb sollte die Konzentration auf Ja/Nein-Identitätsfragen vermieden werden. Statt „Sind Sie für oder gegen das Neubaugebiet?“ könnte die Frage lauten: „Welche Kriterien muss ein Neubaugebiet erfüllen, damit der Verkehr im Dorf verträglich bleibt?“ Das zwingt die Teilnehmer*innen, das mimetische Duell zu verlassen und sich wieder auf das Sachobjekt zu fokussieren.
3. „Positive Mimesis“ durch konstruktive Vorbilder nutzen
Menschen ahmen das Verhalten nach, das ihnen am sichtbarsten präsentiert wird. Wenn in den lokalen Medien oder sozialen Netzwerken nur der Konflikt inszeniert wird, kopieren Bürger*innen diese aggressive Haltung. Positive mimetische Vorbilder können helfen. Wenn angesehene Akteure der Stadtgesellschaft sich öffentlich für einen sachlichen Dialog aussprechen und sich konstruktiv beteiligen, erzeugt das einen mimetischen Sog. Andere Bürger*innen ahmen diese Dialogbereitschaft nach, um denselben sozialen Status zu erlangen.
4. Transparente Kriterien statt informeller Bevorzugung
Mimetischer Neid entsteht lokal sofort, wenn Bürger*innen das Gefühl haben, eine andere Gruppe werde insgeheim bevorzugt oder erhalte mehr Ressourcen (z. B. „Warum wird deren Straße saniert und unsere nicht?“). Deshalb muss es Kriterien geben. Sie müssen transparent und im Idealfall sogar unter Beteiligung der Menschen entwickelt worden sein.
Letztlich gilt für das mimetische Begehren dasselbe, wie für viele gesellschaftliche Phänomene:
Sie sind nur dann ein Risiko, wenn man sie ignoriert.
Berücksichtigt man sie in der Planung von Beteiligungsprozessen, minimiert das nicht nur das Risiko – es kann sogar zu einer Chance werden.
Und darum geht es letztendlich in der Beteiligung: Aus Risiken und Konflikten Chancen zu kreieren – und sie gemeinsam zu nutzen.