#353 | Deine Emotionen gehören dir

Es ist eine schöne Vorstellung, Emotionen aus Beteiligungsprozessen herauszuhalten. Sie ist nur nicht realistisch.

Ausgabe #353 | 8. Oktober 2026

Deine Emotionen gehören dir

Es ist Heiligabend 1913. Im amerikanischen Bergarbeiterstädtchen Calumet feiern Hunderte Kinder gemeinsam mit ihren Eltern Weihnachten.

Die meisten Familien sind arm. Seit Monaten streiken die Väter für bessere Arbeitsbedingungen.

Doch heute soll die Not für ein paar Stunden vergessen sein. In der Italian Hall organisiert die Gewerkschaft Musik, Süßigkeiten und Geschenke. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen.

Dann ruft plötzlich jemand ein einziges Wort: „Feuer!“

Dabei brennt es nirgendwo.

Doch die ersten Menschen erschrecken und drängen zum Ausgang. Andere sehen die Flüchtenden und folgen ihnen. Angst greift um sich. Innerhalb weniger Sekunden verwandelt sich die fröhliche Feier in ein tödliches Gedränge.

Menschen stürzen auf der Treppe, Kinder werden zu Boden gedrückt. Am Ende sind 73 Menschen tot, darunter 59 Kinder.

Bis heute ist ungeklärt, wer den verhängnisvollen Ruf ausstieß.

Sicher ist: Ein einziges Wort genügte, um eine Kettenreaktion auszulösen. Die Menschen orientierten sich an der Angst der anderen und verstärkten sie dadurch immer weiter. Hinzu kamen die Enge und das gefährliche Gedränge auf der Treppe.

Was damals in Calumet geschah, zeigt die Macht eines Phänomens, dem wir alle täglich begegnen: emotionale Ansteckung. Gefühle sind nicht nur unsere ganz persönliche Angelegenheit.

Sie können von Mensch zu Mensch überspringen, sich gegenseitig verstärken und ganze Gruppen erfassen. Manchmal verbreiten sie Freude und Begeisterung. Manchmal aber auch Angst, Wut und Hass.

Und gelegentlich mit verheerenden Folgen.

Diese emotionale Ansteckung ist nicht immer zeitlich so komprimiert. In Calumet brauchte es nur wenige Sekunden bis zur Massenpanik. Weil äußere Umstände dazukamen.

Emotionale Ansteckung kann auch über Wochen, Monate, Jahre stattfinden.

Die berühmten Hexenverbrennungen von Salem im Jahr 1692 begannen mit einem Anfall der neunjährigen Elizabeth Parris. Immer mehr der damals tiefreligiösen Menschen bekamen Angst vor Übergriffen des „Teufels“.

Am Ende wurden mehr als 200 Menschen beschuldigt. 19 wurden
hingerichtet. Mindestens fünf weitere Menschen starben im Gefängnis.

Die Anschuldigungen dehnten sich innerhalb weniger Monate auf die umliegenden Gemeinden aus.

Es gibt viele Beispiele für emotionale Ansteckungen in Gesellschaften, auch heute sind sie noch möglich.

Wir kennen sie aber auch aus dem Kontext von Beteiligungsprozessen.

Gerne wird dort zu Beginn darauf hingewiesen, dass man „sachlich und faktenbasiert“ diskutieren wolle.

Doch die Menschen bringen kein abstraktes Fakteninteresse mit, sondern Sorgen, Ängste, Befürchtungen, manchmal auch Verzweiflung und Hass.

In einem Seminar berichtete mir ein Teilnehmer von einer selbst erlebten Situation bei einer Informationsveranstaltung zum Leitungsbau. Eine Frau schob ihre beiden sechsjährigen Zwillinge auf die Bühne, weiß gekleidet und schüchtern auf den Boden blickend.

Sie berichtete unter Tränen, dass sie ihr Elternhaus verlassen müsse, wenn die Hochspannungsleitung käme. Denn sie wüsste sicher, dass das die Gehirne ihrer Kinder schädigen würde. In ihrer Bekanntschaft kenne sie drei Kinder mit schlimmem Autismus – alle wohnten in der Nähe von Hochspannungsleitungen.

Mit Fakten hatte das natürlich nichts zu tun.

Entscheidend für die Stimmung im Raum war aber die offensichtliche emotionale Überwältigung der Mutter, die vor 300 Personen heulend auf der Bühne stand. Ihre beiden Kinder klammerten sich an ihre Beine.

Der Kollege ist sich bis heute nicht sicher, ob die Sache inszeniert war – oder echt.

Und das ist auch gar nicht wichtig.

Wichtig war die Reaktion der Moderatorin. Die war zunächst erkennbar fassungslos, wandte sich schließlich ab und versuchte es mit einem erneuten Appell an Sachlichkeit und Besonnenheit.

Bei dem Satz „Emotionen bringen uns nicht weiter!“ hatte sie ihr Publikum dann endgültig verloren.

Diese ungewöhnlich dramatische Szene ist sicher eher die Ausnahme.

Was aber in nahezu jedem Beteiligungsprozess zu Konfliktthemen der Standard ist:

Die Menschen bringen Emotionen mit.

Und der Prozess kann nichts mit ihnen anfangen.

Sie zu ignorieren, ist eine schlechte Idee. Sie per Appell aus dem Prozess rauszufiltern, ist eine unrealistische Idee. Sie einfach mitzunehmen, kann emotionale Ansteckung auslösen.

Was also tun?

Für den erfolgreichen Umgang mit Emotionen in der Beteiligung braucht es zwei Dinge: Haltung und Methode.

Eine klare Haltung der Moderation zu emotionalen Äußerungen ist der Kompass für die passende Reaktion auf jeden einzelnen Fall. Sie ist am besten beschrieben mit dem Satz: „Deine Emotionen gehören dir!“

Sie werden grundsätzlich nicht abgelehnt, nicht lächerlich gemacht, nicht faktenorientiert wegdiskutiert.

Emotionen von Beteiligten sind da. Also sind sie Bestandteil des Prozesses. Sie dürfen nicht nur artikuliert werden. Sie sollen das auch.

Und es ist völlig in Ordnung, wenn die Emotionen bleiben. Und auch am Ende des Prozesses noch vorhanden sind.

Die Emotionen der Beteiligten gehören den Beteiligten. Sie dürfen sie mitbringen, mitschwingen lassen, auch wieder mitnehmen.

Aber sie gehören ihnen.

Und das heißt eben auch: Weder die Moderation noch die anderen Beteiligten müssen sie übernehmen. Der Versuch, anderen die eigenen Emotionen überzustülpen, ist nicht in Ordnung. Da ist die Grenze. Und diese Grenze zu schützen, ist die Aufgabe der Moderation.

Tatsächlich ist das umso leichter, je eher Emotionen zugelassen werden. Es sind die unterdrückten Emotionen, die erkennbar ungewollten, die das größte Ansteckungspotential haben.

„Deine Emotionen gehören dir!“ heißt eben auch: Du hast sie mitgebracht, niemand spricht sie dir ab, wir akzeptieren sie, aber wir müssen sie nicht zu unseren Emotionen machen.

Methodisch heißt das: Am Anfang eines insbesondere konfliktgeprägten Beteiligungsprozesses steht der Umgang mit den Emotionen der Teilnehmenden.

Und das lange, bevor die ersten Fakten auf den Tisch kommen.

Erst wenn die Emotionen angekommen sind, dürfen die Fakten an die Türe klopfen.

Methoden wie 6-3-5, Minenfeld, Erwartungsanalyse oder der wunderbare Vierminutenkönig lassen Emotionen zu, machen sie transparent und bereiten die Gruppe darauf vor, einen gesunden Dialogprozess unter Anerkennung einer bunten Emotionslandkarte zu führen.

Das funktioniert.

Nur in seltenen Fällen prallen so bereits zu Beginn Emotionen so brutal aufeinander, dass nichts mehr geht.

Dann wäre der Versuch, sie zu ignorieren und direkt in den Dialog zu kommen, allerdings auch nicht gelungen. Beteiligung wäre so schlicht nicht möglich – vielleicht Mediation. Doch das ist ein ganz anderer Ansatz.

Unser Fazit lautet also: Keine Angst vor Emotionen in der Beteiligung. Gefährlich sind sie vor allem dann, wenn der Prozess sie ignoriert.

Natürlich geht es in der Beteiligung auch um Fakten und Wissen. Erfolgreich wird sie aber nur, wenn sie auch mit Emotionen und Nichtwissen umgehen kann.

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