#357 | Tücken der Typologie

Es gibt unterschiedliche Lernformen: visuell, auditiv, haptisch und intellektuell. Sie sind wichtig auch für die demokratische Teilhabe – und zugleich eine Versuchung.

Ausgabe #357 | 5. November 2026

Tücken der Typologie

Frederic Vester war ein kluger Mann. Der deutsche Biochemiker, Umweltexperte und Wissenschaftsjournalist beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Menschen denken, lernen und vergessen.

1975 veröffentlichte er ein Buch, das genau diesen Titel trug: „Denken, Lernen, Vergessen“.

Es wurde ein Bestseller.

Und es machte eine Vorstellung populär, die bis heute die Pädagogik prägt.

Vester ging davon aus, dass Menschen auf unterschiedliche Weise lernen.

Die einen besonders gut durch das Sehen, andere durch das Hören. Wieder andere müssen etwas anfassen und ausprobieren. Und schließlich gibt es jene, die Zusammenhänge vor allem durch abstraktes Nachdenken verstehen.

Vier Lerntypen also: visuell, auditiv, haptisch und intellektuell.

Das klang einleuchtend.

Jede Lehrkraft kannte schließlich Schüler*innen, die aufmerksam zuhörten, aber mit Schaubildern wenig anfangen konnten. Andere verstanden eine Sache erst, wenn sie diese selbst ausprobierten.

Die Schlussfolgerung lag nahe: Wer weiß, zu welchem Lerntyp ein Mensch gehört, kann ihm Wissen so vermitteln, dass er es besonders gut aufnimmt.

Eine wunderbare Idee. Einfach, verständlich und praktisch. Sie hatte nur einen kleinen Schönheitsfehler:

Es fehlte der wissenschaftliche Beweis.

Das hinderte die Lerntypen nicht daran, einen beispiellosen Siegeszug anzutreten.

Generationen von Lehrkräften lernten, ihre Schüler*innen nach Lerntypen zu unterscheiden. Pädagogische Ratgeber erklärten, wie man diese erkennt. Unternehmen entwickelten Tests. Ganze Fortbildungsprogramme wurden darauf aufgebaut.

Dabei war die Grundannahme durchaus richtig: Menschen lernen unterschiedlich. Und unterschiedliche Formen der Wissensvermittlung können das Lernen erleichtern.

Nur folgt daraus keineswegs, dass jeder Mensch einen bestimmten Lerntyp besitzt und besonders erfolgreich lernt, wenn die Vermittlung auf diesen zugeschnitten wird.

Genau das untersuchten Wissenschaftler*innen später systematisch.

2008 veröffentlichten der Psychologe Harold Pashler und seine Kollegen eine viel beachtete Analyse der wissenschaftlichen Forschung zu Lernstilen.

Ihr Ergebnis war ernüchternd: Für die zentrale Behauptung, dass Menschen besser lernen, wenn der Unterricht ihrem angeblichen Lerntyp entspricht, gab es keine ausreichenden wissenschaftlichen Belege.

Das bedeutet nicht, dass Bilder, Vorträge oder praktische Übungen gleich gut funktionieren.

Natürlich lernt man die Form eines Landes besser auf einer Karte kennen als durch eine mündliche Beschreibung. Und Fahrradfahren lernt man nicht durch das Lesen eines Buches.

Entscheidend ist aber vor allem, was gelernt werden soll. Nicht, welchem Lerntyp jemand angeblich angehört.

Trotzdem hält sich die Vorstellung von den vier Lerntypen hartnäckig.

Noch immer begegnet sie uns in Schulen, Seminaren und Weiterbildungen. Noch immer werden Menschen gefragt, ob sie eher visuell oder auditiv lernen. Noch immer werden Lernangebote mit dem Hinweis beworben, sie berücksichtigten die unterschiedlichen Lerntypen.

Warum eigentlich?

Weil die Vorstellung so schön einfach ist. Sie bietet eine verständliche Erklärung für ein kompliziertes Phänomen. Und sie verspricht eine ebenso einfache Lösung.

Das ist verführerisch. Nicht nur in der Pädagogik.

Auch in der Bürgerbeteiligung, in der Moderation und in der politischen Kommunikation arbeiten wir gerne mit Typologien. Wir sortieren Menschen nach Interessen, Einstellungen, Bedürfnissen und Kommunikationsstilen.

Solche Modelle können hilfreich sein.

Sie reduzieren Komplexität und erleichtern Entscheidungen.

Problematisch wird es, wenn wir vergessen, dass es sich um Modelle handelt.

Und wenn wir beginnen, Menschen so zu behandeln, als wären sie tatsächlich die Typen, denen wir sie zugeordnet haben.

Dann wird aus einer Orientierungshilfe schnell eine Schublade. Und aus einer plausiblen Vermutung eine vermeintliche Gewissheit.

In der Bürgerbeteiligung haben wir es genau mit diesen Phänomenen zu tun: wilde Kategorisierungen, plausible Vermutungen, vermeintliche Gewissheiten. Da sollten wir im Prozessdesign nicht selbst diesen Versuchungen erliegen.

Denn die Vermittlung von Informationen, die für die Beteiligten wichtig sind, ist genau das: Lernen.

Gelingt uns dieser Teil des Prozesses, ist alles für eine gute Beteiligung angerichtet.

Missglückt die Informationsvermittlung bei allen oder auch nur Teilen der Beteiligten, können spätere Konflikte im Prozess darauf zurückgehen.

Wir müssen also für die Vermittlung der Informationen genau diese unterschiedlichen Lernformen nutzen.

Und dabei wissen, dass wir sie nie passgenau auf die Beteiligten zuschneiden können.

Was wir aber können: die Lernformen variieren und an den jeweiligen Inhalt anpassen.

Und dabei ein Grundprinzip beachten: Alle relevanten Inhalte nie nur auf eine Lernform zuschneiden, sondern mindestens doppelt, im Idealfall vierfach anbieten:

Visuell, auditiv, haptisch und intellektuell.

Dann sind wir auf der sicheren Seite und die Beteiligten haben die Chance, sich je nach Inhalt primär über die Form mitnehmen zu lassen, die ihnen bei diesem Inhalt an diesem Tag in diesem Umfeld gerade liegt.

Methodenvielfalt ist der Schlüssel dazu – übrigens auch in der anschließenden Befassung mit dem Thema.

Denn was für Lernprozesse gilt, lässt sich auch auf Kreativitäts- und Strategieprozesse übertragen:

Methodenvielfalt lockert nicht nur die Atmosphäre, sie bietet auch vielfältigere Chancen, sich wirksam einzubringen.

Ideen zu formulieren, zu artikulieren, zu visualisieren, zu abstrahieren funktioniert je nach Thema, Situation und Prägung stets für manche besser, leichter, angenehmer als für andere.

Deshalb bleibt für uns eine Erkenntnis aus der an sich unbequemen Wahrheit, dass es „die Typen“ nicht gibt:

Wir können, dürfen, ja müssen unsere Methoden vielfältig gestalten und müssen sie nicht auf imaginäre Typen maßschneidern.

Die gute Nachricht lautet: Nicht Perfektion ist der Schlüssel, sondern Vielfalt.

Übrigens zeigt uns die Geschichte der Lerntypen noch etwas anderes.

Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, uns überzeugende Erklärungen zu merken. Besonders dann, wenn sie einfach sind und zu unseren bisherigen Erfahrungen passen.

Und wir sind erstaunlich schlecht darin, uns wieder von ihnen zu verabschieden.

Vielleicht ist das die eigentliche Ironie dieser Geschichte:

Ausgerechnet die Lehre von den Lerntypen ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie schwer wir Menschen manchmal dazulernen.

Doch das ist wieder ein anderes Thema. Für einen anderen Newsletter …

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