Ausgabe #351 | 24. September 2026
Mehr WhatsApp wagen
Die auf Empörung setzenden Algorithmen der Sozialen Medien können zwei Dinge gut.
1. Uns weiszumachen, dass unsere Meinungen, Positionen aber auch Vorurteile von vielen anderen geteilt werden.
2. Uns Menschen zu präsentieren, deren Meinungen, Positionen aber auch Vorurteile wir hassen.
Und uns die Möglichkeit zu geben, diesem Hass risikolos Ausdruck zu verleihen.
Meist wird es dann nur ätzend, manchmal bricht ein echter Shitstorm los. Mit verheerenden Folgen für Unternehmen, Produkte und Personen.
Im Extremfall geht das bis zu psychischen Zusammenbrüchen oder gar Suizid.
Aber auch in den weniger extremen Fällen lernen wir immer wieder:
Unter Gleichgesinnten ist es fein. Mit Andersdenkenden ist ein wertschätzender Dialog unmöglich.
Wenn es Plattformen gibt, die Deliberation erfolgreich im Keim ersticken, dann sind es Facebook, Insta, TikTok, WhatsApp und Co.
Dabei ist Deliberation doch ein so schönes Konzept.
Gerne wird der Begriff im Kontext von Beteiligungsprozessen verwendet. Oft auch als Synonym für „Gespräch“, „Dialog“, „Debatte“ oder „Diskurs“.
Tatsächlich haben alle Begriffe miteinander zu tun – beschreiben aber durchaus unterschiedliche Formate menschlicher Interaktion.
Wir wollen sie heute nicht alle durchdeklinieren. Doch die Deliberation schauen wir uns einmal etwas genauer an. Das müssen wir, wenn wir verstehen wollen, warum Beteiligung via WhatsApp & Co. nicht funktioniert.
Aber funktionieren kann.
Unter Deliberation versteht man einen vernunftgeleiteten, abwägenden und fairen Austausch von Argumenten zwischen gleichberechtigten Personen mit dem Ziel, eine informierte Entscheidung oder einen Konsens zu finden.
Das Wort leitet sich vom lateinischen „deliberatio“ (Beratschlagung, Überlegung) ab.
Deliberation setzt auf Argument statt auf Macht. Entscheidungen sollen nicht durch bloße Mehrheiten, Druck oder rhetorische Lautstärke geprägt werden, sondern durch das stärkere Argument.
Alle Beteiligten haben in der Deliberation die gleiche Chance, sich einzubringen und Standpunkte zu gewichten.
Von den Teilnehmenden wird erwartet, aktiv zuzuhören und bereit zu sein, die eigenen Präferenzen im Diskurs zu hinterfragen oder anzupassen.
Jürgen Habermas hat viel zur Theorie der Deliberation beigetragen. Das von ihm beschriebene Ziel von Deliberation ist es, bessere Entscheidungen unter Einbezug verschiedener Sichtweisen zu treffen.
Darauf beruht unter anderem das Konzept der Deliberativen Demokratie.
Deliberation ist mehr als nur eine Diskurstechnik. Sie fokussiert sich allerdings so sehr auf die Qualität des Austauschprozesses, dass für sie das WIE im Vordergrund steht und weniger das WER.
Für den deliberativen Ansatz ist es zwar wichtig, dass alle relevanten Perspektiven der Betroffenen einbezogen werden.
Nicht zwangsläufig aber alle Betroffenen selbst.
Das hat Vorteile für die Qualität des Prozesses – und meist auch für seine Ergebnisse.
Nicht immer aber für deren Akzeptanz.
Insbesondere bei Konfliktthemen mit hohem Betroffenheits- und Emotionalitätsgrad ist die Idee, dass wenige Akteure „stellvertretend“ für die Konfliktbeteiligten eine Lösung finden können, etwas Bestechendes.
In der Praxis aber oft nichts Befriedigendes.
Wer emotionalisierter Bestandteil eines zumindest subjektiv erheblichen Konfliktes ist, will mitreden, oft auch mitstreiten. Und braucht das auch, um sich einer Lösung annähern zu können.
Kluge Vorschläge, die Dritte, eventuell sogar Konfliktunbeteiligte, deliberiert haben, sind da selten hilfreich.
Das erklärt übrigens gleichermaßen das Potenzial, aber auch das Dilemma von Bürgerräten. Sie beteiligen. Aber oft beteiligen sie Unbeteiligte. Das ist kein Fehler.
Das ist das Konzept.
Deshalb sind sie ausgezeichnete Formate beteiligungsbasierter Politikberatung. Für eine Politik, die das Aushandeln von Lösungen bzw. Kompromissen als ihr Kerngeschäft versteht. Und deshalb regelmäßig nicht beraten werden möchte.
Das macht es so schwer, Bürgerräte nachhaltig zu etablieren.
Zwar gibt es politische Akteure, die ihren Wert erkannt haben und sie deshalb nicht nur akzeptieren, sondern sogar aktiv fördern. Doch das ist eine kleine Minderheit – mit aktuell nicht wirklich steigendem Einfluss.
Was wir von Bürgerräten lernen können: das Potenzial von gelingender Deliberation.
Aber auch: Dass Deliberation in der Beteiligungspraxis nur ein Ziel sein kann, aber keine Bedingung. Emotionalisierte Menschen, stark Betroffene, Menschen mit autoritärer Prägung, Menschen, die sich hilflos, ungehört, benachteiligt fühlen – für all jene planen wir Beteiligung.
Und wenn es gut läuft, erreichen wir sie tatsächlich.
Was wir dann aber nicht bekommen: Deliberation.
Der können wir uns nur annähern. Dazu gibt es zahlreiche bewährte Formate und Methoden.
Der Stuhlkreis gehört nicht dazu.
Denn ungesteuert setzen sich auch in einer Beteiligung die gebildeten, selbstbewussten, dominanten Akteure durch.
Können wir einen Prozess mit breiter Beteiligung also wirklich designen, dann organisieren wir Moderation, Regeln und Methoden, die die Starken bremsen und die Schwachen fördern.
Was aber, wenn es doch der Stuhlkreis wird? Weil die Diskussion zum Beispiel im Rahmen einer Konferenz stattfindet. Weil sie spontan ist und nicht vorbereitet werden konnte. Weil man eigentlich nur einen Input geben sollte und dann keine Moderation da ist.
Ich erlebe alle diese Situationen auch selbst immer wieder.
Und dann nutze ich tatsächlich das verpönte Social Media. Also den Kanal, der ja eigentlich so tödlich für Deliberation ist.
Warum?
Weil das Digitale im Analogen den Stillen eine Chance gibt. Denen, die vor der Gruppe nicht überzeugend auftreten können oder wollen.
Dazu kann man Slido nutzen, WhatsApp- oder Telegramm-Gruppen – oder schlicht seine (oder eine extra für solche Fälle bereitgehaltene) E‑Mail-Adresse kommunizieren.
Die Regeln sind einfach: Wer etwas kommentieren oder beitragen möchte, meldet sich – oder schreibt eine Nachricht.
Der oder die Moderierende nimmt die Meldungen der Reihe nach dran, wechselt aber analoge Wortmeldungen und digitale Beiträge (die er/sie dann vorliest) ab. Die Verfasser können sich outen, müssen es aber nicht.
Das geht sogar in Videokonferenzen.
Auf den ersten Blick mag das chaotisch klingen, ist aber einfach zu managen und in meiner Erfahrung: immer, aber auch wirklich immer, förderlich für eine deliberative Stärkung der Diskussion.
Im Analogen wirkt das Digitale tatsächlich eher inklusiv als zerstörend.
Das ist erstaunlich, ich weiß.
Wir dürfen auch staunen.
Wir sollten es aber vor allem: nutzen.
Einfach mal probieren – die Wirkung, auch auf die Teilnehmenden, ist oft ganz wunderbar …