#352 | Was wir vorher wissen wollen

Wer bei gesellschaftlichen Reformen vorher wissen will, ob sie funktionieren, kann eine Evaluation beauftragen. Oder Bürgerbeteiligung organisieren.

Ausgabe #352 | 1. Oktober 2026

Was wir vorher wissen wollen

Wir schreiben das Jahr 1997 in Mexiko-Stadt. In den Gängen der mexikanischen Ministerien rauchen die Köpfe.

Das Land steckt wieder einmal in einer tiefen Wirtschaftskrise, die Armut ist erdrückend, und die bisherigen Sozialprogramme – meist pauschale Lebensmittelsubventionen wie billige Tortillas – verpuffen wirkungslos oder versickern in korrupten Kanälen.

Da tritt ein Mann mit einer radikalen Idee auf den Plan: Santiago Levy, ein Ökonom im Finanzministerium.

Seine Idee: Arme Familien erhalten Bargeld direkt auf die Hand – aber nur gekoppelt an strikte Bedingungen.

Die Mütter bekommen das Geld nur, wenn ihre Kinder nachweislich die Schule besuchen und regelmäßig zu Gesundheitsuntersuchungen gehen.

Das Ziel: die Armut nicht nur kurzfristig lindern, sondern den Teufelskreis aus mangelnder Bildung und Krankheit für die nächste Generation durchbrechen.

Das Programm erhält den Namen „Progress Against – PROGRESA“

Doch Levy hat ein riesiges Problem: Die Politik steht kurz vor Wahlen.

Niemand glaubt an das Projekt. Die Opposition wittert Stimmenkauf, und die traditionellen Bürokraten wollen ihre alten Verteilungsschlüssel nicht aufgeben.

Levy weiß: Wenn er dieses Programm einfach so startet, wird es beim nächsten Regierungswechsel sofort eingestampft.

Er braucht unumstößliche Beweise – und zwar vor dem nationalen Roll-out. Er entscheidet sich für eine ex-ante-Evaluationsstrategie, die in die Geschichte der Entwicklungsökonomie eingehen sollte.

Levy tut etwas für die damalige Politik Unerhörtes: Er holt sich unabhängige Wissenschaftler*innen ins Boot – das International Food Policy Research Institute (IFPRI) – und startet eine kontrollierte Feldstudie.

Für die ex-ante-Prüfung werden 506 bitterarme Dörfer ausgewählt. Durch ein transparentes Punktesystem (und nicht durch politische Willkür) wird ermittelt, welche Familien am bedürftigsten sind.

320 Dörfer erhalten das neue PROGRESA-Geld. Die restlichen 186 Dörfer dienen als Kontrollgruppe – sie erhalten zunächst nichts, werden aber genauso medizinisch und statistisch überwacht.

Über Monate hinweg sammeln die Forscher*innen tonnenweise Daten. Sie simulieren und berechnen die langfristigen Effekte auf das Wachstum der Kinder, die Einschulungsraten und die Arbeitskraft der Eltern.

Die Ergebnisse zeigen schwarz auf weiß, dass das Konzept funktioniert: Die Kinder in den PROGRESA-Dörfern wachsen schneller, sind seltener krank und die Einschulungsrate bei Mädchen in der Sekundarstufe springt massiv nach oben.

Weil die Gelder direkt an die Mütter ausgezahlt werden, stärkt es nicht nur ihre Rolle, es fließt auch in Ernährung und Bildung statt in Alkohol.

Der historische Wendepunkt kommt im Jahr 2000: In Mexiko findet ein historischer Machtwechsel statt. Nach 71 Jahren verliert die Staatspartei PRI die Präsidentschaft an den Oppositionellen Vicente Fox.

Normalerweise bedeutete dies in Mexiko: Alle Projekte der Vorgängerregierung wandern umgehend in den Schredder.

Doch als die neue Regierung die lückenlosen, wissenschaftlich hieb- und stichfesten Evaluationsberichte von PROGRESA sieht, wagt sie es nicht, das Programm zu stoppen.

Im Gegenteil: Fox benennt es in Oportunidades um und baut es massiv aus.

Santiago Levys methodische Strenge hat das Programm unsterblich gemacht.

Die ex-ante-Evaluation bewies die Wirksamkeit so unanfechtbar, dass das mexikanische Modell in den folgenden Jahrzehnten von über 50 Ländern weltweit (unter Namen wie Bolsa Família in Brasilien) kopiert wurde und Millionen von Kindern aus der extremen Armut half.

Sind größere gesellschaftliche Vorhaben geplant, egal ob Infrastrukturprojekte oder Sozialreformen, werden sie heute noch immer häufig als politische Kompromisse verhandelt. Das liegt in der Natur repräsentativer Strukturen, vor allem, wenn sie zu Koalitionen zwingt.

Das führt dann zu Umsetzungen, die stets auf die fragile Stabilität der politischen Rahmenbedingungen angewiesen sind.

Zudem werden sie oft zumindest von Teilen der Verantwortlichen zu halbherzig unterstützt, da es letztlich nicht „ihr“ Vorhaben ist.

Eine ex-ante-Evaluation wie die von Levy kann da helfen: eine intensive und kritische Untersuchung, bevor ein Vorhaben gestartet wird.

Eine solche Evaluation können Wissenschaftler*innen vornehmen. Das macht Sinn, ganz besonders, wenn es um hochfachliche Fragen geht. Aber auch die Wissenschaft ist limitiert. Vor allem, wenn wissenschaftliche Akteure das Programm selbst entwickelt haben, wird es herausfordernd.

Kommt dann noch politischer Druck mit hoher Erwartungshaltung dazu, erleben wir Prozesse wie rund um die kürzlich tätige „Alterssicherungskommission“:

Eine politisch austarierte Kommission aus Wissenschaftler*innen hat ein politisch ausgehandeltes Vorschlagspaket aus 33 Einzelmaßnahmen formuliert.

Da ist viel Fachwissen eingeflossen, anderes ist auf der Strecke geblieben und evaluiert wurde da nichts.

Gerade bei solch großen gesellschaftlichen Veränderungen, wie die so initiierte Reform der Alterssicherung hätte sein sollen, wäre es sinnvoll, eine gesellschaftliche ex-ante-Evaluation zu starten.

Wir haben dafür einen Namen:

Bürgerbeteiligung.

Tatsächlich wird sie selten so gesehen. Aber methodisch gut aufgestellt und durch die Wissenschaft begleitet, hat eine Gute Bürgerbeteiligung, gerade zu Reformvorhaben – ob auf kommunaler oder gesamtstaatlicher Ebene – den Charakter einer ex-ante-Evaluation:

Vorher zu prüfen, was hinterher rauskommt. Oder rauskommen könnte. Und das mit dem zu vergleichen, was rauskommen soll.

Genau das kann Bürgerbeteiligung, und zwar in beiden Varianten: als offene Beteiligung potenziell Betroffener ebenso wie in Form losbasierter Bürgerräte.

Lange wurde in der Bundespolitik diskutiert, ob es einen Bürgerrat zu unserem Umgang mit der vergangenen Covid-Pandemie geben soll. Geworden ist es letztlich „nur“ eine parlamentarische „Enquete-Kommission“.

Ein Bürgerrat hätte das gut gekonnt, doch die Angst vor der Kritik aus der Bürgerschaft war zu groß.

Man befürchtete eine Art „Scherbengericht“, also eine öffentliche Abrechnung mit möglichen Fehlentscheidungen.

Das wäre dann eine ex-post-Evaluation. Auch das kann Bürgerbeteiligung. Aber das tut weh. Und wird deshalb nur selten realisiert.

In Baden-Württemberg waren sie klug: Dort haben sie schon im Dezember 2020 ein „Bürgerforum Corona“ einberufen, das nach dem Bürgerratsmodell arbeitete und der Politik begleitende Empfehlungen mitgab.

Aus Zeitgründen keine echte ex-ante-Evaluation, aber eben auch nicht hinterher.

Dabei hätten wir noch immer eine Chance. Denn nur Narren glauben, dass es nie wieder eine solche Pandemie geben wird.

Heute aus den Erfahrungen von gestern zu lernen, wie wir die nächste Herausforderung sozialverträglicher meistern – genau das kann Gute Beteiligung.

Das können wir morgen anstoßen. Oder nächsten Monat – Hauptsache, vor der nächsten Pandemie.

Ob Pandemie, Rentenreform oder umsichtige Haushaltsplanung in Zeiten knapper kommunaler Kassen:

Ex-ante-Evaluation ist das Schloss – und frühzeitige Bürgerbeteiligung ist der Schlüssel.

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