Politische Lieder

Intervision ist ein Konzept kollegialer Beratung, das auch und gerade für Menschen interessant ist, die politische Teilhabe organisieren.

Ausgabe #354 | 15. Oktober 2026

Politische Lieder

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist eine in weiten Teilen skurrile Veranstaltung.

Seit 1956 gibt es diese im Original als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ bezeichnete Veranstaltung – und sie soll die „Menschen durch Musik“ verbinden.

Ursprünglich eine extrem formelle Veranstaltung wurde sie in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum Festival der schrägen Vögel.

Anfangs geprägt von Sängern in Anzügen und Sängerinnen in sexualisierten Kostümen feiert heute insbesondere die LGBT-Community alle Spielarten geschlechtlicher Selbstzuschreibung.

Von Anfang an bis heute blieb die Show aber auch ein Spiegelbild nationaler Eitelkeiten und Animositäten. Viel Wirbel gab es in den vergangenen Jahren um die Teilnahme und Punktewertung russischer, ukrainischer und israelischer Interpret*innen.

Der ESC hat einen partizipativen Anspruch, in vielen Ländern wird über die Vertretung ganz oder teilweise in direktdemokratischen Abstimmungen entschieden. Mal spielen Fachjurys eine zentrale, mal gar keine Rolle.

Auch die Wertungsmodi im Finale haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder verändert. Wer alles wann und wo Einfluss auf die Kür der Sieger*innen nimmt, ist schwer durchschaubar.

Als Beispiel für Beteiligung taugt der ESC definitiv nicht. Denn denen, die sich beteiligen, ist nicht wirklich klar, ob und wie sie wirken. Tatsächlich glauben bis heute die meisten Zuschauer*innen, am Ende würde eine Interpretin oder ein Interpret gewinnen.

Tatsächlich geht der Preis am Ende an den oder die Songschreiber*in, bei denen die Trophäe auch verbleibt. Die Interpret*innen selbst werden nicht bedacht. Ihnen bleibt, laut Veranstalter, „der gesteigerte Bekanntheitsgrad, den sie für den Aufbau der eigenen Karriere nutzen können.“

Wie politisch der ESC war und ist, zeigt auch eine Konkurrenzveranstaltung, die ab 1977 organisiert wurde.

Damals gab es noch den „eisernen Vorhang“. Hinter diesem organisierten die Fernsehanstalten der sozialistischen Länder Mittel- und Osteuropas, der Mongolei sowie einzelner westlicher Staaten wie Finnland einen eigenen Wettbewerb, den „ Intervision-Liederwettbewerb“, so bezeichnet nach dem dort etablierten Sendernetzwerk.

Der war kurzlebig und wurde schon 1980 wieder eingestellt.

Das ist ein Grund, warum Menschen, die heute von „Intervision“ sprechen, damit etwas ganz anderes verbinden.

Und das wiederum hat sehr viel mit Beteiligung zu tun.

Der Niederländer Jeroen Hendriksen prägte den Begriff im Jahre 2000 neu. Er beschrieb damit eine neue Methode der systematischen Problemlösung, die eine große Nähe zu der im dt. Sprachraum praktizierten kollegialen Beratung aufweist.

Mitarbeiter*innen werden dabei durch berufserfahrene und in Moderationstechniken ausgebildete Kolleg*innen beraten. Der Schwerpunkt von Intervision liegt auf der Unterstützung bei beruflichen Herausforderungen.

Wenn dieser Newsletter verschickt wird, trifft sich die deutsche Beteiligungsszene gerade in Berlin zu ihrem diesjährigen Branchendialog.

Thema der Tagung ist „Kompetenz“. Dabei geht es um die Kompetenzen, die Beteiligende brauchen, um die Frage, wie sie diese erwerben, aber auch erhalten können.

Wir werden dort auch über Intervision bzw. kollegiale Beratung diskutieren.

Denn gute Beteiligung ist eine Kulturtechnik. Und die ist maßgeblich nicht nur von Methodenkompetenz, sondern auch von Haltung geprägt.

Das eine kann man lernen, das andere entwickeln.

Das braucht mehr als Schulungen, Seminare, Fachliteratur und Workshops.

Aus Sozialer Arbeit und Pädagogik kennen wir die Vorzüge der kollegialen Beratung.

Vor allem dem Organisationspsychologen Kim-Oliver Tietze verdanken wir ein klares Konzept dieser Form von Consulting unter Gleichberechtigten.

Sein Modell kennt sechs Phasen der kollegialen Beratung in der Gruppe.

In Phase 1 (Casting) äußern die Gruppenmitglieder ihre Bedarfe, zu einer aktuellen beruflichen Praxissituation neue Perspektiven und Lösungsideen zu erhalten. Die Gruppe verständigt sich mit Blick auf Dringlichkeit und Wichtigkeit auf den nächsten Praxisfall, der kollegial beraten wird.

Der/die betroffene Kolleg*in berichtet in Phase 2 (Spontanerzählung) über seine/ihre Situation und endet mit der Formulierung einer Schlüsselfrage (3).

Gemeinsam wird dann entschieden (4), mit welcher Methode der Fall bearbeitet werden soll (es gibt insgesamt 6 unterschiedliche Module).

Das erfolgt dann durch die Gruppe (5), der/die Betroffene hört vor allem aufmerksam zu.

Zum Abschluss (6) folgt ein inhaltliches Resümee der/des Betroffenen, indem die Einsichten und Erkenntnisse formuliert werden.

Im Unterschied zur Supervision erfolgt hier die Beratung nicht durch eine externe Fachkraft (super = „von oben“), sondern durch gleichberechtigte Kolleg*innen (inter = „zwischen“).

Das macht Sinn, vor allem aber schafft es Kompetenz, Reflexionsfähigkeit und Vertrauen zwischen den Akteur*innen – und es produziert keine externen Kosten.

Im Fachverband Bürgerbeteiligung diskutieren wir gerade, ob und wie wir ein solches Angebot zwischen Kolleginnen und Kollegen in unterschiedlichen Kommunen und Institutionen organisieren können.

Versuchen wollen wir es auf jeden Fall: Interessierte sind herzlich eingeladen, sich bei mir persönlich zu melden (Kontaktformular)

Dann starten wir einfach gemeinsam einen Piloten.

Denn dieses bzw. ein modifiziertes Format hat so ganz nebenbei noch eine weitere attraktive Eigenschaft: Sie ist in Haltung und Methode ganz nah an dem dran, was wir aus der eigentlichen Beteiligungskultur kennen.

Es passt. Zur Beteiligung – und zu den Beteiliger*innen.

Und es hilft uns, besser zu beteiligen. Und das ist etwas, was unsere Demokratie gerade so richtig gut gebrauchen kann.

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